Weiss Zu kurz gedacht

Immer mehr Menschen beschweren sich übers Fernsehprogramm. Streamingdienste wie Netflix veröffentlichen stetig steigende Nutzerzahlen. Wäre es da nicht an der Zeit, das herkömmliche Fernsehen generell abzuschaffen. Inklusive der gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen? Unsere Autoren streiten, ob es Programm nur noch auf Abruf geben sollte

Anne Wunsch

Nein, das mit dem Abschaffen lassen wir schön bleiben. Seit ich zu Hause ausgezogen bin, habe ich – entgegen dem Trend meiner Generation – einen Fernseher. Und ohne ihn würde mir etwas fehlen. Okay, ich gebe ja zu: Das Fernsehprogramm an einem Samstagabend lässt einen manchmal verzweifeln. Da spielen Promis Kinderspiele, dort singen sich 16-jährige „Superstars" die Kehle aus dem Hals, und noch einmal weitergezappt, hat Baby zum tausendsten Mal eine Wassermelone getragen. Aber: Das Argument zieht nicht. Es gibt mittlerweile so viele Programme, die zusammengenommen ein breites Angebot bieten. Und: Fernsehen ist flexibel. Dank der Mediatheken können wir spannende Sendungen, Reportagen und Dokumentationen auch noch im Nachhinein schauen – wo wir wollen und wann wir wollen. Sind wir doch ehrlich: Wenn wir uns nur noch bei Streamingdiensten unsere Lieblingsserien anschauen, ist die Verblödungsgefahr wohl deutlich höher. Nachrichten, politische Talks, Dokus, Verbrauchermagazine. . . Geben Sie es zu: Auch Sie bleiben des Öfteren bei einem dieser Formate hängen und fühlen sich danach gut informiert – obwohl Sie das vorher gar nicht unbedingt wissen wollten. Und genau so passiert das doch auch mit einem guten Film oder einer Serie. Kurz hingezappt – und hängengeblieben. Bei Streamingdiensten bleibt jeder nur in seinem kleinen Kosmos, schaut nicht nach links und nicht nach rechts. Und zum Schluss holen wir noch die Romantikkeule raus. Ja, das muss sein! Nach einem anstrengenden Tag ab aufs Sofa – und sich ein bisschen berieseln lassen, was gibt’s Schöneres? Dazu gibt Fernsehen auch Sicherheit. Sonntag, 20.15 Uhr: Tatortzeit. Das weiß die ganze Familie und fläzt sich vor den Fernseher. Am nächsten Tag gibt’s noch eine kurze Diskussion mit dem Arbeitskollegen. Das gute alte TV-Lagerfeuer. Es lebt noch. Also: Machen Sie es sich über die Feiertage ruhig mal vor dem Fernseher bequem.

realisiert durch evolver group