Die Band "Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen" tritt mit Sänger und Gitarrist Carsten Friedrichs (2. v. r.) im Bielefelder Bunker Ulmenwall auf. - © Martin Morris
Die Band "Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen" tritt mit Sänger und Gitarrist Carsten Friedrichs (2. v. r.) im Bielefelder Bunker Ulmenwall auf. | © Martin Morris

Interview Carsten Friedrichs ist seit 20 Jahren als Musiker auf Tour

Mit der Band "Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen" ist er am Mittwoch, 10. Februar, im Bielefelder Bunker Ulmenwall zu Gast

Lennart Krause

Carsten Friedrichs ist seit 20 Jahren Musiker. Einen Job braucht er trotzdem noch, weil er von seiner Leidenschaft nicht leben kann. Doch: "Flennen hätte nichts gebracht", wie er im Interview mit Lennart Krause verrät. Übrigens: Mit der Band "Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen" ist Friedrichs am Mittwoch, 10. Februar, im Bielefelder Bunker Ulmenwall zu Gast. Wie ist es eigentlich, seit gut 20 Jahren als Musiker unterwegs zu sein, und nicht mal einen eigenen Wikipedia-Eintrag zu haben? 
Carsten Friedrichs: Das stelle ich mir sehr schmerzhaft vor. Aber zum Glück haben wir ja einen. Ihre Band, ja. Aber Sie persönlich nicht... Friedrichs:Ach so, ne, ich persönlich nicht. Da habe ich mir aber ehrlich gesagt noch gar keine Gedanken drüber gemacht. Als Band haben wir einen, da habe ich mich schon sehr gefreut. Aber als Privatperson brauche ich das eigentlich nicht. Wieso nicht? Dann könnten Sie doch bekannter werden... Friedrichs: Dann müsste man den ja auch selber pflegen und gucken, ob das alles auch so stimmt, was da steht. Das wäre mir viel zu viel Stress. Aber steht berühmt werden denn nicht an erster Stelle? Bei vielen Musikern heute zumindest ist das so. Bei ihren Bands "Superpunk" und jetzt „Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen" soll das nicht der Antrieb gewesen sein, große Massen in großen Hallen zu begeistern? Friedrichs:Ehrlich gesagt, nicht. Als ich angefangen habe Musik zu hören, haben in den großen Hallen nur die Scheißbands gespielt. Die waren schrecklich. In den kleinen Clubs haben die guten Bands gespielt. Und ich wollte immer gute Musik machen mit einer guten Band. Das verbinde ich einfach mit kleinen Läden. Darum habe ich an große Hallen nie so gedacht. Wobei ich zugeben muss, dass heute ja auch gute Bands in großen Hallen spielen. Aber als ich angefangen habe mit Musik, da waren das so Geschichten wie Sting und so ein Quatsch. Das lag mir sehr fern. Ach und nochmal zu Wikipedia ... Ja? Friedrichs: Ich glaube die meisten Leuten schreiben ihre Einträge da ja auch selber. Und das wäre mir viel zu viel Arbeit. In dem Zeitraum mache ich lieber Musik oder glotze Fernsehen. Um über sich selbst einen Wikipedia-Eintrag zu verfassen, braucht man wahrscheinlich auch eher ein etwas übergroßes Ego. Das haben Sie nicht?
 Friedrichs: Na ja, ich stelle mich auch auf die Bühne und bringe Platten raus. Ein etwas überbordendes Ego hat man da dann wahrscheinlich schon. Aber so groß ist meines dann doch noch nicht, dass ich über mich selbst bei Wikipedia schreibe. Die Lust auf der Bühne zu stehen reichte als Antrieb, nach Superpunk schnell in einer neuen Band weiterzumachen? Oder was treibt Sie an? Friedrichs:Musik machen für sich ist schon richtig toll. Teil von dieser Musikwelt zu sein ist toll. Den Namen der Band in der Zeitung zu lesen – und da muss ich jetzt nicht lügen nur weil das hier ein Interview für die Zeitung ist – ist toll. Der Krach ist toll, wenn man live spielt. Dass man aus dem Alltag rauskommt, dass es Freibier gibt. Das man im Bus mit seinen Freunden Musik hören kann, wenn man auf Tour ist. Das ist alles ziemlich gut und ein echtes Privileg, dass man das so machen kann. Also geht es vor allem um Spaß? Friedrichs: Spaß? Weiß ich nicht. Freude ist vielleicht das bessere Wort. Freude an dem ganzen Drumherum. Nicht nur, wenn es um Liveauftritte geht. Auch der Thrill, wenn man eine Platte rausbringt und auf Reaktionen wartet, wie sie den Leuten gefällt. Das fängt aber schon damit an, dass man ein Lied oder einen Text schreibt und darauf wartet, wie es den Bandkollegen gefällt. Das bringt einfach sehr viel Würze ins Leben. Und das, obwohl der große kommerzielle Erfolg in all den Jahren ausgeblieben ist. Haben Sie und Ihre Bandkollegen vielleicht die seltene Gabe, zufrieden sein zu können? Friedrichs: Hm, das klingt irgendwie sehr unsexy. Aber das ist schon was dran, wenn ich so darüber nachdenke. Aber wie kommst du darauf? Zum Beispiel der Song „Ich bin gut genug für dich". Da geht es nicht darum, schöner, besser und perfekter zu werden, sondern einfach nur darum, dass ein Mensch schon ganz okay ist. Und dass das viel wert ist. Friedrichs: Aber es gehört ja auch im Unterton ordentlich Selbstkritik dazu. Man ist selber ja auch nicht optimal, optimiert sich aber auch nicht. Da ist so ein bisschen diese Punkhaltung „Scheiß drauf" dabei. Je mehr ich jetzt so drüber nachdenke, ja, Zufriedenheit ist schon nicht ganz falsch. Ich meine, wir spielen bald im Bunker Ulmenwall in Bielefeld . . . Eine schöne Location, aber nicht gerade riesig . . . Friedrichs:Der Laden ist super, die Leute sind nett. Da weiß ich jetzt schon, dass das sehr sehr wahrscheinlich ein richtig guter Abend werden wird. Was soll ich mich also aufregen oder rastlos sein. Ich bin mit unserer Platte zufrieden und damit, dass uns immer wieder etwas einfällt. Ich bin zufrieden ein Label zu haben, das unsere Platten rausbringt, und dass uns immer noch interessante Songs einfallen, die ich selber gerne höre. Natürlich hätte ich auch nichts dagegen, vor 2.000 Leuten zu spielen, aber einen Grund zu klagen habe ich einfach nicht! Muss schön sein, nicht permanent von Unzufriedenheit getrieben zu werden . . . 
 Friedrichs: Das stimmt schon. Man erwartet ja von Künstlern, dass sie immer suchend sind, immer zerrissen und irgendwie auch immer radikaler. Aber nö! So sind wir nicht. Das ist schon alles in Ordnung. Ist die Band eigentlich Ihr Hauptjob? Friedrichs: Ne, das ist sie nicht. Sondern? Friedrichs:Ich arbeite bei dem Label „Tapete Records". Unser Keyboarder Gunther Buskies und ich, wir arbeite da beide. Was die Labelfindung doch ziemlich vereinfacht hat, da Gunther Besitzer von „Tapete Records" ist. Aber wenn die Band nicht der eigentliche Job ist, wie muss man sich das dann vorstellen, wenn es auf Tour geht. Das ist doch auch nicht gerade eine günstige Sache. Verdient ihr daran überhaupt etwas? 
 Friedrichs:Plusminus Null sollte das Minimum sein. Aber so ein paar Euronen verdienen wir im Normalfall schon an einer Tour. Reich werden wir damit aber nicht. Eine Tour ist eher ein bezahltes Hobby. Es sei denn, der Tourbus geht kaputt.

Was wäre dann? Friedrichs:Dann ist die Kohle auf jeden Fall weg. Aber es bringt nichts, über sowas nachzudenken. Es geht darum, eine gute Zeit zu haben. Seit 20 Jahren leben Sie Ihr Hobby aus und haben Freude daran. Vielleicht muss es ja wirklich nicht immer größer und besser werden. . . Friedrichs: Klar ist das so. Und größer werden ist immer Ansichtssache. Wir haben uns jetzt zum Beispiel eine kleine Lichtanlage selber gebastelt für die anstehende Tour. Für uns ist das ein Riesenschritt in Richtung Professionalität. Apropos Professionalität: Euer Bassist ist noch Chefredakteur beim Magazin 11Freunde, ihr habt alle noch andere Jobs, wie kompliziert ist es da, sich zu koordinieren und Tourtermine zu finden? Friedrichs: Zum Glück gibt es ja die neue Technik, Computer und so ein Zeug. Früher war das schon etwas schwieriger, wenn man sich zusammentelefoniert hat, Termine auf einem Zettel geschrieben und den Zettel dann verloren hat. Dann ging der ganze Mist wieder von vorne los. Aber per Mail fällt es uns relativ leicht, uns zu koordinieren. Wir müssen nur immer gucken, dass jeder die Tour neben seinem Job noch stemmen kann. Klingt stressig. Ist Musikmachen den Aufwand wirklich wert? 
 Friedrichs:Total. Als ich Kind war, habe ich den Film „Hi-Hi-Hilfe" gesehen mit den Beatles, das hat mich dermaßen umgehauen, seitdem wollte ich unbedingt Musik machen. Ich freue mich immer noch jedes Mal, wenn ich auf einer Bühne stehen darf und ordentlich Krach machen kann und idealerweise auch noch Leute zuhören. Das war nicht immer so. Mit Superpunk habt ihr sogar mal ohne eine verkaufte Karte gespielt. . . 
 Friedrichs: Ne, ein oder zwei Zahlende meine ich waren selbst am Anfang eigentlich immer da. Echt? In Kassel soll es mal ein Konzert wirklich ganz ohne gegeben haben. . . Friedrichs:Ach, verdammt, stimmt. In Kassel. Richtig. Das weiß ich sogar noch. Das war der 3. Januar 1999, das war während unserer ersten Tour. Heute eine nette Anekdote, aber damals muss Sie das doch fertig gemacht haben. Was trieb Sie an, trotzdem weiterzumachen? Friedrichs:Damals wollte ich echt im Erdboden versinken. Aber zu Flennen anfangen hätte ja auch nichts gebracht. Man hofft dann einfach, dass am nächsten Tag mehr Zuschauer kommen. Und siehe da, am nächsten Tag waren 23 Zahlende da. Das tat gut. Und heute? Friedrichs:Rein subjektiv habe ich das Gefühl, dass unsere kleine Fanbase monatlich ein bisschen größer wird. In kleinen Schritten. Aber immerhin. Ohne Publikum müssen wir heute nicht mehr spielen. Das liegt bestimmt auch daran, dass eure Musik ziemlich einmalig ist. Welcher Richtung gehört „Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen" genau an? Friedrichs:Oha. Ja, da streiten sich die Gelehrten. Ich kann es ehrlich gesagt selbst gar nicht so richtig sagen. Rock’n’Roll ist es nicht, aber schon rock’n’rollig. Normale Popmusik ist es auch nicht, aber schon auch poppig. Eine Sixties Revivalband sind wir auch nicht, aber sixtiesmäßig ist es auch. Irgendwie kann ich nur sagen, was wir nicht sind, aber auch irgendwie doch. So eine richtige Beschreibung habe ich noch nicht gefunden. Neulich meinte jemand es sei Garagensoul. Wir haben zwar Soulanleihen, aber Soulsänger bin ich auch nicht. Langsam wird es schwierig. . . Friedrichs:Das ist einfach so genial, intelligent und neu was wir machen, dafür gibt es einfach noch keinen Begriff (lacht). Ein Gegensatz zu den Charts, wo alles gleichtöniger wird. Wollt ihr euch davon bewusst absetzen? Friedrichs: Der Aussage würde ich gar nicht zustimmen. Es gibt so viel Musik, die so leicht verfügbar ist. Wenn man etwas gräbt, findet man schnell originelle Musik, die sich abhebt...

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