Zeitgeist der 70er: Erik Roßbander (v. l.), Kathrin Steinweg und Peter Lüchinger bei ihrer szenischen Lesung. Foto: Antje Doßmann - © Antje Doßmann
Zeitgeist der 70er: Erik Roßbander (v. l.), Kathrin Steinweg und Peter Lüchinger bei ihrer szenischen Lesung. Foto: Antje Doßmann | © Antje Doßmann

Kultur Erinnerung an den Radikalenlass und seine Folgen

Ausstellung und szenische Lesung mit Mitgliedern der „bremer shakespeare company“ in Bielefeld

Antje Doßmann

Der sogenannte Radikalenerlass von 1972 war seinerzeit ein heiß diskutiertes Thema. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den internationalen Medien wurde der harte Kurs, den Willy Brandt und andere führende Sozialdemokraten gegen Sympathisierende der extremen politischen Linken fuhr, von vielen mit Skepsis und Sorge betrachtet. Dabei, so bilanzierte Horst Ehmke später, hätten die europäischen Nachbarländer punktuell oft nicht viel anders gehandelt, nur die Deutschen hätten es mit ihrer Gründlichkeit mal wieder übertrieben. Die bittere Bilanz: 11.000 offizielle Berufsverbotsverfahren, 2.200 Disziplinarverfahren, 1.250 Ablehnungen von Bewerbungen und 265 Entlassungen. Betroffen von den Berufsverboten, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 1995 als Verstoß gegen die Europäische Konvention für Grund- und Menschenrechte eingestuft hat, waren vor allem Beschäftigte an Schulen und Hochschulen. Aus dem reichen Fundus des zeitgeschichtlichen Materials ist derzeit in der VHS eine außerordentlich detailreiche und informative, von einem breiten Initiativkreis getragene Wanderausstellung zu sehen. Einige zusätzliche Veranstaltungen flankieren die noch bis Mitte März in der Ravensberger Spinnerei zu besichtigende Schau. Mitglieder der „bremer shakespeare company“ stellten im Murnausaal bei ihrer ausschließlich auf Originaltexten basierenden szenischen Lesung „Staatsschutz, Treuepflicht, Berufsverbot – (K)ein vergessenes Kapitel der westdeutschen Geschichte“ vier Einzelschicksale in den Fokus. Binnen zwei Stunden gelang es dem fünfköpfigen Ensemble, in seiner wie aus Puzzleteilen zusammengesetzten Akten-Collage die Stimmung und den Zeitgeist der 70er Jahre anhand dieser vier Betroffenen aufleben zu lassen. Soziologisch, psychologisch, politisch, sprachwissenschaftlich hochinteressante Texte. Vieles nicht nur aus heutiger Sicht zum Haareraufen. Manches fast schon wieder komisch, wenn es nicht so gravierende Folgen gehabt hätte. Hausmeister, die als Gesinnungsschnüffler unterwegs waren. Eltern, die um das Seelenheil ihrer Kinder fürchteten, wenn das Fräulein Lehrerin statt aus der Bibel „Birne kann alles“ vorlas. Aber auch Anrührendes, wie etwa der offene Brief, den ein kommunistischer Hafenarbeiter an einen führenden Bremer Sozialdemokraten schrieb, mit dem er 1944 gemeinsam im KZ war, weil sie beide einen jüdischen Elternteil hatten. „Wir haben uns damals geschworen“, erinnerte er den „Kameraden“, „dass wir eine Welt aufbauen wollen, in der kein Mensch wegen seiner politischen Haltung verfolgt wird.“ Die Ausstellung „Vergessene Geschichte – Berufsverbote/Politische Verfolgung in der Bundesrepublik Deutschland“, bis 15. 3., wochentags von 10-18 Uhr geöffnet, sa. und so. von 10-16 Uhr. Die Ausstellung ist geschlossen am 24. 2., vom 2. bis 4. 3. und am 10.3. Eintritt frei.

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