Versuchsperson Christopher Kingston in der Netflix-Doku "The Push". - © Netflix
Versuchsperson Christopher Kingston in der Netflix-Doku "The Push". | © Netflix

TV & Film "The Push": Wie schnell kann ein Mensch zum Mörder werden?

Das TV-Experiment von Derren Brown stößt an die Grenzen des moralisch Vertretbaren

Leandra Kubiak

Der britische Illusionist Derren Brown ist für gewagte Sozialexperimente bekannt. In dem Format "The Push", das seit dieser Woche weltweit auf Netflix verfügbar ist, geht Brown noch einen Schritt weiter als bisher. Brown, der vor allem durch die TV-Serie "Mind Control" bekannt wurde, will in seinem Experiment herausfinden, ob es möglich ist, einen Menschen innerhalb von gerade einmal 70 Minuten so weit zu manipulieren, dass er zum Mörder wird. Das Szenario der Sendung sieht wie folgt aus: Brown veranstaltet eine fiktive Benefizveranstaltung, zu der die Versuchsperson unter dem Vorwand eingeladen wird, berufliche Kontakte knüpfen zu können. Die Wohltätigkeitkeitsorganisation, für die bei einer Auktion Geld gesammelt werden soll, existiert in Wirklichkeit nicht. 70 Schauspieler sind eingeweiht und bekommen Instruktionen, um das Szenario möglichst echt wirken zu lassen. Nur die Versuchsperson - der junge Brite Christopher Kingston - nimmt an, sich in einer realen Situation zu befinden. Der soziale Druck Mit seinem Experiment, das bereits 2016 im britischen TV ausgestrahlt wurde, möchte Brown herausfinden, wie groß die "Folgebereitschaft" der Veruchsperson ist - bis zu welchem Punkt Kingston also das tut, wozu er von einer ihm eigentlich unbekannten Person gebracht werden soll. Schnell kommen einem da Szenen aus dem populären "Milgram-Experiment" (hier eine Szene aus dem Film "I wie Ikarus") in den Kopf, das bereits in den 1960er Jahren eindrucksvoll gezeigt hat, wie weit Menschen gehen, um den Anweisungen einer Autorität zu folgen. Bei der Forschungsgruppe um Milgram ging es darum, dass Probanden einem fremden Menschen vermeintlich Stromschläge verpassen sollten, um diese für falsche Antworten zu bestrafen. Brown testet in "The Push" aus, ob seine Versuchsperson am Ende des Experiments bereit ist, einen Menschen vom Dach eines Hochhauses zu stoßen. Der Mentalist greift dafür tief in die Trickkiste. Kingston befindet sich auf einer Veranstaltung mit ausschließlich Fremden, es geht um viel Geld, selbst Prominente werben auf der Gala für die Organisation. All das erhöht den Druck. Was harmlos anfängt, steigert sich im Verlauf der 70 Minuten kontinuierlich und es fällt schwer, sich der Spannung zu entziehen. Während die erste Hürde für Kingston darin besteht, Fleischhäppchen als vegetarische auszugeben, findet er sich später in einer Situation wieder, in der er eine Leiche in einer Kiste verstauen und sich als eine Person ausgeben soll, die er gar nicht ist. Abstand von der eigenen Moralvorstellung nehmen Ab einem bestimmten Punkt fällt es schwer, zu glauben, dass ein Mensch tatsächlich so schnell Abstand von seinen eigenen Moralvorstellungen nimmt - letztlich nur, um eine andere Person nicht vor den Kopf zu stoßen; um nicht unangenehm aufzufallen. Da, wo es den meisten vor dem Fernseher bereits schwer fallen dürfte, sich selbst wiederzuerkennen, macht Brown noch lange keinen Punkt. Und das Ergebnis des Experiments ist tatsächlich erschreckend. In Deutschland wäre ein solches Experiment wohl undenkbar. Viel zu hoch die soziale Verantwortung der Versuchsperson gegenüber - erst recht, wenn das Ganze auch noch vor einem Millionenpublikum im Fernehen ausgestrahlt wird. Zu Recht. Ein letzter Zweifel daran, ob "The Push" wirklich echt ist und die Versuchsperson völlig ahnungslos, bleibt auch hier. Obwohl man Chris Kingston seine Zerrissenheit durchaus abkauft - und dem britischen Fernsehen ein solches Format zugegebenermaßen zuzutrauen ist. "The Push" ist moralisch äußerst zweifelhaft, aber dennoch sehenswert. Nach Erscheinen der Show auf Netflix hat sich Kingston übrigens auf Twitter zu Wort gemeldet. Netflix hatte ihm die Serie als persönliche Empfehlung vorgeschlagen. Was für ein Zufall. "Ja, ich habe durchaus ein Faible für die Sendung", meinte er nur ironisch. Just got notified by Netflix there may be a new program I’d be interested in . . . . Ermmmm yeah I have some fondness for the show, thanks @netflix#thepush#netflix#netflixandnochill#derrenbrownpic.twitter.com/3XjjigqSVq — Christopher Kingston (@KingstonCK) 27. Februar 2018

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