Beatrix von Storch hat ihre ganz eigenen Vorstellungen von freier Presse. In der Talkshow von Sandra Maischberger widersprach ihr niemand. - © dpa
Beatrix von Storch hat ihre ganz eigenen Vorstellungen von freier Presse. In der Talkshow von Sandra Maischberger widersprach ihr niemand. | © dpa

Meinung "Maischberger": Wenn Beatrix von Storch den Journalismus erklären darf

In der Talkshow diskutierten vier Fernsehmacher und eine Rechtspopulistin über den Rundfunkbeitrag - und ziemlich am Thema vorbei.

Matthias Schwarzer

Köln. Man hätte an diesem Mittwochabend viele Dinge klären können: Braucht man wirklich so viele Sender? Braucht man so viel Fußball? Warum laufen die guten Sachen immer um 3.25 Uhr nachts? Und hat sich das Fernsehen nicht generell ein bisschen überlebt? Über all das hätte man sprechen können - doch man lud die falschen Gäste ein. In der Talkshow von Sandra Maischberger diskutierten am Mittwoch vier Fernsehmacher und eine Rechtspopulistin über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk - und in den meisten Fällen am Thema vorbei. Anlass war das anstehende Referendum in der Schweiz: Hier wird am Sonntag über die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender entschieden. Verschiedene Gruppierungen trommeln hier bereits seit Jahren für die Abschaffung des Rundfunkbeitrags. Diskussionen über ein totes Medium Das Problem: Mit WDR-Intendant Tom Buhrow, Medienunternehmer Georg Kofler, Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay und TV-Urgestein Thomas Gottschalk hatte man vier Gäste geladen, die wie selbstverständlich über ein Medium sprachen, das für viele Bevölkerungsgruppen schon lange keine Rolle mehr spielt. Das ganze Dilemma wurde deutlich, als sich ein 29-Jähriger Zuschauer zu Wort meldete. Er fühle sich von ARD und ZDF nicht mehr repräsentiert, zahle darum auch keine Beiträge mehr. Daraufhin antwortete WDR-Intendant Buhrow: "Wir haben ja zum Beispiel auch den Sender ONE. Ich wette, den guckt der 29-Jährige sehr gerne." Dass die wenigsten 29-Jährigen den Sender ONE kennen dürften (dafür aber umso mehr Netflix und Amazon) kam Buhrow nicht in den Sinn. Am Ende war es ausgerechnet Fernseh-Urgestein Thomas Gottschalk, der erkannte: Vielleicht hat sich das Fernsehen generell ein bisschen überlebt. "Ich bin ja selbst Opfer dieser Entwicklung", sagte er - und spielte damit auf die inzwischen abgesetzte Erfolgssendung "Wetten, dass?" an. Das "Samstagabendsofa" gebe es ja so nicht mehr. Kurioserweise wurde in der Sendung tatsächlich fast ausnahmslos über das Fernsehen gesprochen. Nicht über das Radio. Und schon gar nicht über "Funk", das Jugendangebot der Öffentlich-Rechtlichen, das ausschließlich im Netz sendet. All das wären Anhaltspunkte gewesen, die Debatte auf eine sachliche Ebene zu bringen. Doch es kam noch viel schlimmer. "Sagt nicht immer 'Rechtspopulismus'" Denn zu allem Überfluss hatte man als einzige echte Gegnerin des Rundfunkbeitrags ausgerechnet Beatrix von Storch eingeladen. Wurden rechte Dampfplauderer vor zehn Jahren noch angemessen einer Talkshow verwiesen (man erinnere sich an den Fall Eva Herman), durfte Beatrix von Storch bei Maischberger genüsslich über ihre ganz eigenen Vorstellungen von freier Presse schwadronieren. Die Rechtspopulistin wünscht sich einen Rundfunk, der ihre rechtspopulistische Partei nicht immer rechtspopulistisch nennt ("Was soll dieses Framing?"). Und der immer "neutral" ist, außer halt bei der Merkel-Regierung ("Warum arbeitet man immer gegen die Opposition, nicht gegen die Regierung?") Man hätte der AfD-Politikerin an dieser Stelle erklären können, dass es keineswegs die Aufgabe von Journalisten ist, wirre Thesen von rechten Parteien wertfrei in den Äther zu blasen. Dass es die journalistische Pflicht ist, bei den Fakten zu bleiben und diese für den Zuschauer einzuordnen. Doch das tat niemand. Beatrix von Storch durfte an diesem Abend Millionen Fernsehzuschauern einmal mehr ihre ganz eigene Wahrheit präsentieren - und niemand widersprach. Am Ende wirkte die Sendung wie eine völlig missglückte Werbeveranstaltung für den Rundfunkbeitrag, mit viel zu wenig Haltung. Zum Glück gibt es in den öffentlich-rechtlichen Programmen tatsächlich viele qualitative Formate. Sonst wäre die Talkshow sicherlich ein gutes Argument dagegen. Kontakt zum Autor

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