Sänger Marius Müller-Westernhagen nach der Verleihung des Echo 2017, wo er für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. - © picture alliance / Jens Kalaene/dpa
Sänger Marius Müller-Westernhagen nach der Verleihung des Echo 2017, wo er für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. | © picture alliance / Jens Kalaene/dpa

Berlin/Gütersloh Nach Skandal: Westernhagen will alle seine Echos zurückgeben

Zuvor hatten bereits andere Künstler die Rückgabe ihrer Trophäen angekündigt

Angela Wiese

Marius Müller-Westernhagen will nach dem Skandal um den Echo 2018 alle seine Echo-Trophäen zurückgeben. Das kündigte der Musiker auf seiner Facebook-Seite an. Und findet in seiner Begründung deutliche Worte. In Südafrika habe Westernhagen die "peinlichen Vorkommnisse der diesjährigen Echo-Verleihung" verfolgt. Damit spricht der Sänger auf die viel diskutierte und heftig kritisierte Verleihung des Preises an die Rapper Kollegah und Farid Bang an. Sie waren für ihr Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3" ausgezeichnet worden, das Textzeilen enthält wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" und „Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow". BMG betont "künstlerische Freiheit" Vertrieben wird das Album von BMG, einer Tochter des Gütersloher Medienkonzerns Bertelsmann. Auf Anfrage teilt BMG schriftlich mit, dass es die Schlüsselfunktion einer Musikfirma sei, Künstlern dabei zu helfen, ihre Musik zu veröffentlichen. "Wir nehmen Künstler und künstlerische Freiheit ernst und sagen Künstlern nicht, was ihre Texte beinhalten sollten und was nicht." Zweifellos hätten Teile der Texte auf dem Album von Kollegah und Farid Bang viele Menschen sehr beleidigt. Auf der anderen Seite sei das bei ebenfalls vielen Menschen auch nicht der Fall gewesen, teilt BMG weiter mit und weist darauf hin, dass "Jung, brutal, gutaussehend 3" in Deutschland zu den meistverkauften Alben 2017 gehört habe. Die Rapper hätten deutlich gemacht, dass sie weder Rassisten noch Antisemiten seien. Ihr Album sei weder auf dem Index gelandet, noch sei es von einer Ethik-Kommission des Echo ausgeschlossen worden. BMG betont in der Stellungnahme, dass das Unternehmen auch weiter zu seiner Verantwortung für künstlerische Freiheit stehe, solange sich die Künstler im Rahmen der Gesetze bewegen. "Skrupellose Industrie" Westernhagen dagegen sieht in dem Echo-Fall eine neue Stufe der Verrohung. "Die Verherrlichung von Erfolg und Popularität um jeden Preis demotiviert die Kreativen und nimmt dem künstlerischen Anspruch die Luft zum Atmen." Künstler hätten eine besondere gesellschaftliche Verantwortung. Sich hinter künstlerischer Freiheit zu verstecken oder kalkulierte Geschmacklosigkeiten als Stilmittel zu verteidigen, sei lächerlich. "Eine Industrie, die ohne moralische und ethische Bedenken Menschen mit rassistischen, sexistischen und gewaltverherrlichenden Positionen nicht nur toleriert, sondern unter Vertrag nimmt und auch noch auszeichnet, ist skrupellos und korrupt", so der Musiker. "Echo in der kulturellen Welt nie relevant" Westernhagen glaube nicht, dass die Rapper Farid Bang und Kollegah Antisemiten sind. Sie seien aber "erschreckend ignorant". Der Echo sei wegen seiner "inhaltlichen Fehlkonstruktion" in der kulturellen Welt nie relevant gewesen, schreibt der Sänger, der seit Jahrzehnten Musik macht. "Es geht im Kern um den Zerfall einer kultivierten Gesellschaft, der zunehmend der innere moralische Kompass abhanden kommt, und dem sehen wir schon viel zu lange zu, ohne genügend Widerstand zu bieten." Westernhagen selbst hat seit 1992 insgesamt acht Echos gewonnen. 2017 wurde der 69-Jährige mit dem Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Mit der Rückgabe der Trophäen steht der Künstler nicht alleine da. Unter anderem Musiker und Grafiker Klaus Voormann, der den Preis in diesem Jahr für sein Lebenswerk erhielt, hat seinen Echo zurückgegeben. Auch der Pianist Igor Levit, der Dirigent Enoch zu Guttenberg und das Notos-Quartett aus Berlin trennen sich von ihren Trophäen. Der Sänger Peter Maffay forderte die Echo-Verantwortlichen zum Rückzug auf. Der Präsident des Deutschen Kulturrats, Christian Höppner, zieht sich aus dem Echo-Beirat zurück. Der Saft-Hersteller Voelkel kündigte am Mittwoch seinen Rückzug als Sponsor des Musikpreises an. Die Preisträger Kollegah und Farid Bang zögen in einem prämierten Song „auf beschämende Weise Vergleiche zu Opfern des Holocausts". Voelkel sprach von einer schmerzhaften Grenzüberschreitung. Reaktion des Veranstalters Der Bundesverband der Musikindustrie kündigte im Zuge der Debatte eine grundsätzliche Überarbeitung des Preises an. Das betreffe die Mechanismen der Nominierung und der Preisvergabe. Im Gegensatz zu den Preisen Echo Jazz und Echo Klassik basierte der Echo bislang auf Verkaufszahlen. Die in den Charts erfolgreichsten Produktionen kamen automatisch auf die Shortlist und wurden dadurch in der jeweiligen Kategorie nominiert. Fachjury-Mitglieder wählten aus diesen Nominierten ihre Favoriten. Der Gewinner wurde ermittelt, indem Chartpositionen und Fachjurystimmen gleichberechtigt zusammengerechnet wurden.

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