Xavier Naidoo sorgt immer wieder mit Verschwörungstheorien für Aufsehen. - © dpa
Xavier Naidoo sorgt immer wieder mit Verschwörungstheorien für Aufsehen. | © dpa

Musik Neuer Xavier-Naidoo-Song: Mainstream-Pop mit Reichsbürger-Rhetorik

Die "Söhne Mannheims" veröffentlichen mit Xavier Naidoo ein neues Album. Und das besteht nicht nur aus kuscheligen Popsongs.

Matthias Schwarzer

Die "Söhne Mannheims" sind auf Promo-Tour in NRW. Die Band rund um Xavier Naidoo und Henning Wehland hat in den vergangenen Tagen gleich mehrere Überraschungskonzerte gespielt, darunter zum Beispiel auf der Rü in Essen. Als "Familientreffen" beschreibt die Rheinische Post einen Auftritt der Band in Mönchengladbach: Mit einem Lkw wird die Band in die Stadt gefahren, auf einem Schild prangt "Straßenunterhaltungsdienst". Dann öffnet sich die Ladefläche und die Musiker spielen eine halbe Stunde lang alte und neue Hits. Mehr als tausend Leute gucken zu und singen mit, darunter viele Familien mit Kindern. Eine nette Aktion und ein harmloser PR-Auftritt. Schließlich erscheint am Freitag das neue Album der "Söhne Mannheims", das angemessen beworben werden möchte. Verschwörungstheorien im Song "Marionetten" Was die Zuschauer des Spontan-Konzerts vermutlich nicht wissen: Auf der Platte befinden sich neben kuscheligen Soulnummern auch wieder Tracks mit fragwürdigen Textzeilen: Sie propagieren Verschwörungstheorien und bedienen sich einer Rhetorik, die man vor allem aus der rechten Reichsbürgerszene kennt. Facebook-Seiten wie "GenFM" und "Friedensdemo-Watch" hatten zuerst darauf aufmerksam gemacht. Die Aktivisten haben es sich zur Aufgabe gemacht, Verschwörungstheorien und rechte Rhetorik in den sozialen Netzwerken zu benennen und einzuordnen. Auf besondere Kritik stößt der neue "Söhne Mannheims"-Song "Marionetten", der am Sonntag auf YouTube auftauchte, inzwischen aber wieder gelöscht wurde. Der Soundtrack für Aluhut-Träger hat endlich eine Hitsingle: Söhne Mannheims - "Marionetten" #Steigbügelhalter — Kerstin (@Kerstopholes) 25. April 2017 Naidoo bedient sich rechter Rhetorik Im Refrain singt Xavier Naidoo unter anderem: "Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? Seht ihr nicht, ihr seid nur Steigbügelhalter? (...) Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter." Als "Sachverwalter" oder "Sachwalter" bezeichnet die Reichsbürger-Szene die handelnden Staatsorgane, heißt es bei GenFM. Reichsbürger erkennen die Bundesrepublik Deutschland nicht an und bezeichnen sie als "BRD GmbH". Die "Marionette" ist laut Landeszentrale für Politische Bildung ein klassisches Sprachbild antisemitischer Verschwörungstheorien. Politiker werden hier oft als "Marionetten" der "reichen Mächte" dieser Welt bezeichnet. In einer anderen Zeile singt Naidoo, mit Bezug auf den Bundestag: "Alles nur peinlich und sowas nennt sich dann Volksvertreter. Teile eures Volks nennen euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter. Alles wird vergeben wenn Ihr einsichtig seid, sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid." In der Musikszene sorgt der Songtext bereits für Kritik: Fabian Soethof vom Musikexpress kommentiert: "Lieber Henning Wehland, liebe andere Söhne Mannheims, liebe Pop-Elite Deutschlands: Warum lasst Ihr so einen Typen machen? Liebe wütende Bauern mit der Forke, die Naidoo nun ein kumpelhaftes 'Das wird man doch wohl noch sagen dürfen' entgegenrufen wollen: So schwer es Euch zu glauben fallen mag – Ansichten wie die von Naidoo sind eine größere Gefahr für das Land, in dem Ihr lebt, als dass seine Politiker und 'Gutmenschen' eine Gefahr für Euch sind." Immer wieder fragwürdige Textzeilen Xavier Naidoo hatte schon in der Vergangenheit immer wieder mit fragwürdigen Aktionen und Texten für Aufsehen gesorgt. 2014 war der Sänger am Tag der Deutschen Einheit bei einer "Reichsbürger"-Demo in Berlin aufgetreten. Der Sänger dementierte später Verbindungen zur Szene. Er sei zufällig mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und hätte dann spontan vor den Demonstranten gesprochen. Einige Jahre zuvor hatte Naidoo im ARD-Morgenmagazin die Meinung vertreten, Deutschland sei nicht frei - schließlich gebe es keinen Friedensvertrag. Die Reichsbürgerszene propagiert, dass Deutschland noch von den Amerikanern besetzt sei. 2012 sorgte der Song "Wo sind sie jetzt?" zusammen mit Kool Savas für deutliche Kritik. Für herbe Textzeilen wurde dem Sänger Homophobie vorgeworfen. Naidoo sang unter anderem: "Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?". Konsequenzen für Naidoo blieben bislang aus Für Naidoo hatten diese Eskapaden bislang nur wenig Konsequenzen. Radiosender spielen weiter seine Songs, in der Promi-Szene gilt er als geschätzter Kollege. Und auch der Fernsehsender VOX sah bislang keinen Anlass, die Zusammenarbeit mit Naidoo zu beenden. Nur der NDR zog 2016 nach heftiger Kritik die Nominierung Naidoos für den "Eurovision Song Contest" zurück. Obwohl der gewöhnliche Musik-Hörer rechte Rhetorik in Naidoo-Texten wohl kaum deuten kann, halten die Aktivisten von GenFM die Textzeilen dennoch für gefährlich. Sie befürchten, dass Anhänger der Verschwörungs- und Reichsbürgerszene sich dazu ermuntert fühlen, ihre Gewaltfantasien in die Tat umzusetzen. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Gewalttaten von selbsternannten Reichsbürgern in Deutschland gegeben. Auch der angeklagte Wolfgang P. aus Georgsmünd hatte auf seiner Facebook-Seite Songs und Zitate mit fragwürdigen Naidoo-Textzeilen geteilt. Er soll im Oktober 2016 bei einer Razzia einen Polizisten tödlich verletzt haben.

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