Immer mehr Menschen betreiben Self-Tracking, zum Beispiel beim Sport. Aber was passiert eigentlich mit den Daten? - © Pixabay
Immer mehr Menschen betreiben Self-Tracking, zum Beispiel beim Sport. Aber was passiert eigentlich mit den Daten? | © Pixabay

Datenschutz Fitness-Apps und Co.: Wo gehen all die Daten hin?

Wenn Daten irgendwo liegen, wecken sie auch Begehrlichkeiten

Angela Wiese

Die Versprechen unzähliger Fitness-Apps und Wearables sind fast zu schön, um wahr zu sein. Wir geben ihnen ein paar Daten, sie machen uns schöner und schlanker. Doch die Daten, die zu diesem Zweck in irgendwelchen Clouds gespeichert werden, könnten uns im schlimmsten Fall später das Leben ziemlich schwer machen.

Erst einmal aber klingt doch alles so verlockend. Viele Menschen setzen mittlerweile auf Tracking-Apps und Wearables, besonders mit Blick auf ihre Gesundheit. Fast jeder zweite Smartphone-Nutzer verwendet Gesundheits-Apps und genauso viele können sich vorstellen, das künftig zu tun, heißt es in 2017 vom Digitalverband Bitkom veröffentlichten Untersuchungsergebnissen. Am beliebtesten seien demnach Apps, die nur Körper- und Fitnessdaten aufzeichnen, also zum Beispiel Schritte oder Blutdruckmesswerte. Auch Wearables etablieren sich. Marktbeobachter Gartner rechnete 2017 mit einem Absatzplus von rund 17 Prozent. Auch bei den am Körper tragbaren Gadgets zieht das Thema Gesundheit.

Wir vergleichen uns gerne mit anderen

Dass Menschen überhaupt Self-Tracking betreiben, ist alles andere als neu, sagt der Soziologe Josef Wehner, der sich an der Universität Bielefeld mit digitaler Selbstvermessung beschäftigt. „Menschen haben sich vor langer Zeit schon daran gewöhnt, sich mit Hilfe von Zahlen zu beobachten und sich auf dieser Grundlage mit anderen zu vergleichen, zum Beispiel, indem sie Kalorien zählen oder sich auf die Waage stellen", sagt Wehner. Das seien Vorläufer des Self-Trackings. "Jetzt passiert diese Beobachtung kontinuierlicher, beiläufiger. Tracking-Apps und Wearables sprechen beim Menschen das Bedürfnis an, sich zu kontrollieren, sich zu optimieren und im Vergleich mit anderen zu verorten."

Es gibt bislang keine Studienergebnisse, die belegen, dass die digitale Selbstvermessung tatsächlich dabei hilft, langfristig gesünder zu leben. Untersuchungen der Techniker Krankenkasse sagen aber, dass befragte Kunden der Kasse zumindest den Eindruck haben, sich mit Fitness-Trackern mehr zu bewegen. Sich selbst leichter zu kontrollieren und so gesünder leben zu können, ist gut. Weniger gut ist, was im schlimmsten Fall mit den Daten passiert, die Träger von Wearables und Nutzer von Fitness-Apps fleißig auf Servern speichern.

Risiko-Scores und Profile

"Was mit seinen Daten passiert, wenn er sie preisgibt, kann der Verbraucher abschließend nicht kontrollieren", sagt Ricarda Moll von der Verbraucherzentrale NRW. "Im Hintergrund werden die Daten möglicherweise ausgewertet und Profile über Verbraucher erstellt", sagt Moll. Es gebe Unternehmen, die auf Grundlage solcher Daten Risiko-Scores der Verbraucher berechnen. "Das sind Werte, die zum Beispiel darüber Aufschluss geben sollen, wie risikoreich es ist, einem Kunden einen Kredit zu gewähren – daran kann sich orientieren, zu welchen Konditionen der Kredit vergeben wird."

Dann wüsste plötzlich nicht nur der Nutzer selbst, dass er regelmäßig weniger als 10.000 Schritte geht, nur unregelmäßig das Fitness-Studio besucht oder erfolglos gegen das Übergewicht ankämpft. Sondern auch Banken oder potentielle Arbeitgeber, die sich daraus ein Persönlichkeitsbild basteln.

Daten für die Bewertung von Menschen

padeluun vom Bielefelder Verein Digitalcourage denkt in eine ähnliche Richtung, wenn es um Wearables und Fitness-Apps geht. In der Zukunft könnten Unternehmen versuchen, aus diesen gesammelten Daten Profile zu erstellen, um Menschen zu bewerten. Arbeitgeber könnten irgendwann Profile von Bewerbern anfordern, in denen auch Gesundheits- und Fitnessdaten eine Rolle spielen könnten, beschreibt padeluun ein Zukunftsszenario. "Auf den Score-Wert, der sich aus verschiedenen Daten zusammensetzt, hat der Nutzer selbst keinen Einfluss."

"Die Logik hinter solchen Fitness-Apps ist: Wenn sich Menschen mehr bewegen, sollen sie weniger schnell krank werden. Daran haben beispielsweise auch Arbeitgeber oder Versicherungen Interesse", sagt Verbraucherschützerin Moll. Für Versicherungen könnte es zum Beispiel interessant sein, auf Basis solcher Daten individuelle Versicherungstarife zu errechnen.

Chancen für die Medizin

Das sind Zukunftsgedanken, ja. Versicherungen dürfen heute keine Profile erstellen. Rechtlich ist vieles von dem, was Kritiker des Self-Tracking befürchten, derzeit verboten. Doch die Daten, die viele Nutzer achtlos weitergeben, wecken Begehrlichkeiten. Zumal sich aus ihnen eben nicht nur Risiken, sondern auch viele Chancen ergeben. Das hat das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung bereits 2016 beschrieben. Die Forscher zählen unter anderem den mit der digitalen Selbstvermessung möglichen Fortschritt in Medizin und Wissenschaft zu den Vorteilen. Und dass Menschen über das Self-Tracking mehr Wissen über ihre Gesundheit sammeln und sich dieser bewusster sind.

Die Medizin sticht dabei besonders hervor. Mit aus Tracking-Instrumenten gesammelten Daten könnten Ärzte ihre Patienten, zum Beispiel Blutdruck-Kranke oder Diabetiker, objektiver beobachten. "Die Vision, einen gläsernen Patienten zu schaffen, ist sehr verführerisch", sagt Soziologe Wehner. "Diese Entwicklung dürfte nicht aufzuhalten sein. Das liegt auch daran, dass viele Menschen mitmachen, weil sie für sich darin einen Vorteil sehen." Je mehr Self-Tracking institutionalisiert sei, desto geringer sei die Chance, dass sich Einzelne dieser Entwicklung entziehen können, sagt Wehner.

Dass wir uns unserer Gesundheit bewusster werden und so Lebensqualität steigern können, ist ein schöner Gedanke. Ebenso wie die Idee, dass solche Daten in der medizinischen Therapie und Diagnostik eine wertvolle Grundlage sein können.  Düster dagegen ist die Vorstellung, diese Tracking-Instrumente nutzen zu müssen, um einen gesellschaftlich erwünschten Score-Wert zu erreichen, günstigere Versicherungstarife abgreifen zu können oder einen guten Job zu bekommen.

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