Kinder auf dem Schulweg. Ein Unternehmen will die Sicherheit für Kinder im Straßenverkehr mit einer App erhöhen. Datenschützer kritisieren die App. - © picture alliance / Felix Kästle/dpa
Kinder auf dem Schulweg. Ein Unternehmen will die Sicherheit für Kinder im Straßenverkehr mit einer App erhöhen. Datenschützer kritisieren die App. | © picture alliance / Felix Kästle/dpa

Netzwelt Sicherheit oder Überwachung? Kritik an Projekt "Schutzranzen"

Tracking-System informiert Autofahrer und Eltern über den Aufenthaltsort von Schülern

Angela Wiese

Der Bielefelder Verein Digitalcourage fordert die Einstellung des Projekts "Schutzranzen". Die Datenschützer sprechen von Überwachung und Datengier. Der bayerische Anbieter Coodriver dagegen argumentiert, die App mache Kinder im Straßenverkehr selbständiger und beruhige Eltern. "Schutzranzen" zeigt Autofahrern Bereiche mit Kindern Unter dem Namen "Schutzranzen" bietet das Unternehmen Coodriver eine App für Eltern, Kinder und Autofahrer an. Für Kinder ohne Smartphone gibt es einen GPS Tracker. Regelmäßig wird die Position des Kindes abgerufen. Autofahrer, die die Technik nutzen, bekommen angezeigt, in welchen Bereichen sich Kinder aufhalten und können entsprechend vorsichtiger fahren. Über die App können Eltern ihr Kind außerdem orten. Autofahrer dagegen bekommen laut Coodriver nicht den genauen Standort eines Kindes angezeigt, sondern nur den ungefähren Bereich. Die Bielefelder Datenschützer von Digitalcourage kritisieren das Projekt scharf. "Eigentlich geht es dabei nicht um Sicherheit", sagt Friedemann Ebelt von Digitalcourage. "Die großen gesellschaftlichen Probleme an Projekten wie 'Schutzranzen' sind die Geschäftsmodelle der Unternehmen und ihre Gier nach Daten." Vorwurf: Eigentlich geht es ums Sammeln von Daten Coodriver arbeitet unter anderem mit dem Schulranzenhersteller Scout zusammen. 2016 startete Volkswagen eine strategische Partnerschaft mit Coodriver. Die "Schutzranzen"-Technik solle in neue Volkswagen-Modelle integriert werden, kündigte VW damals an. "Schutzranzen" ist nicht die einzige App, die damit wirbt, Eltern über den Standort ihres Kindes zu informieren. Neu sei aber, so Digitalcourage, dass dies mit  einem realen Problem, der Sicherheit im Straßenverkehr, verknüpft werde. In Wahrheit gehe es aber darum, Daten zu sammeln, kritisiert Digitalcourage. Gefahren "digital sichtbar machen" Tests der Datenschützer aus Bielefeld haben ergeben, dass Daten aus der App an das Unternehmen 1&1, Akamai, Amazon, Google, Microsoft und aus der App für Autofahrer auch an Facebook übertragen werden. Nach Einschätzung von Digitalcourage sei außerdem die Konfiguration des Servers "unprofessionell" gesichert. Die Daten an Apps und Navigationssystem der Autofahrer weiterzugeben würde schließlich ohnehin dazu führen, dass Autofahrer weniger auf die Straße achten, was die Gefahr für Kinder eher erhöhe. Walter Hildebrandt, Geschäftsführer von Coodriver, weist die Vorwürfe gegen das "Schutzranzen"-Projekt zurück. "Wir geben keine Daten an Dritte weiter und wir verkaufen auch keine Daten", so Hildebrandt. Sein Argument zum Thema Sicherheit: Digitale Technik hält schon lange Einzug ins Auto. Deshalb müssten Gefahren auch digital sichtbar gemacht werden. Man müsse Autofahrer da abholen, wo sie sind. Pilotprojekt in Wolfsburg Die Tracking-Technik sorge außerdem dafür, dass Eltern beruhigter sind und ihre Kinder allein zur Schule oder zum Sportplatz gehen ließen, so Hildebrandt. Die Kinder bekämen auf diese Weise mehr Freiraum und könnten sich selbstständiger auf der Straße bewegen. Derzeit startet Coodriver in Wolfsburg, wo Volkswagen sein Stammwerk hat, ein Pilotprojekt. VW habe damit nichts zu tun, sagt Hildebrandt auf Anfrage. In zwei Schulen informiere Coodriver derzeit mögliche Beteiligte. Drei Monate lang sollen Schüler und Eltern die Technik freiwillig nutzen können. Coodriver selbst werde die Rolle der Autofahrer übernehmen und auf diese Weise die Technik testen. Kritik von der Datenschutzbeauftragten Auch in der baden-württembergischen Stadt Ludwigsburg hat man einiges vor mit "Schutzranzen". Das Ziel: „Wir wollen zusammen mit den Eltern als erste Stadt in Deutschland eine flächendeckende Verbreitung der Schutzranzen-App erreichen", wird Oberbürgermeister Werner Spec in einer Pressemitteilung der Stadt im September 2017 zitiert. Mittlerweile ist Digitalcourage mit Kritik am Projekt "Schutzranzen" nicht mehr allein. Nach Hinweisen an die Landesbeauftragte für den Datenschutz in Niedersachsen nimmt man die App auch dort in den Blick. Diese sei gesellschaftspolitisch kritisch zu hinterfragen, teilt die Landesbeauftragte für den Datenschutz in Niedersachsen, Barbara Thiel, in einer Stellungnahme mit. "Durch solche Dienste werden bereits Kinder frühzeitig damit konfrontiert, jederzeit überwacht und getrackt zu werden. Auch Kinder müssen das Recht haben, sich abhängig von ihrem Alter unbeobachtet fortbewegen zu können." "Erhebliche Fragen" Thiel sieht außerdem "erhebliche Fragen bei der Datenschutzkonformität" der App. Die Aussage von Coodriver, dass die Positionsdaten der Kinder nur anonym übermittelt werden, sei zumindest zweifelhaft. Bei Benutzung der App werde auch immer die IP-Adresse übermittelt, weshalb von einer Personenbeziehbarkeit auszugehen sei. Ein weiterer Kritikpunkt von Thiel ist unter anderem, dass die App Funktionen biete, die nicht ausschließlich der Erhöhung der Verkehrssicherheit dienen. Ihre Aufsichtbehörde werde sich intensiv mit dem Projekt "Schutzranzen" und den dazugehörigen Systemen auseinandersetzen, kündigt Thiel an.

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