Battlefront II könnte grafisch besser kaum aussehen. Allerdings verbirgt sich hinter der tollen Optik die eine oder andere gravierende Macke. - © EA/Criterion
Battlefront II könnte grafisch besser kaum aussehen. Allerdings verbirgt sich hinter der tollen Optik die eine oder andere gravierende Macke. | © EA/Criterion

Games Star Wars: Battlefront II im Langzeittest - das wunderschöne Debakel

Björn Vahle
Christian Lund

Ein an Glücksspiel grenzender Ingame-Shop, ausbaufähige Krisenkommunikaten, Milliardenverluste für Anleger: Es sind nicht die Schlagworte, die sich EA für sein Multiplayer-Shooter-Flaggschiff "Star Wars: Battlefront II" gewünscht hätte. Das wäre alles nicht so wild, könnte das Spiel wenigstens überzeugen. Aber das ist so eine Sache. Eine Chronologie der verpassten Chancen:Das PR-Debakel Bevor wir dazu kommen, in aller Kürze eine Zusammenfassung des PR-Debakels, das Battlefront II hinter sich hat: Der Echtgeld-Shop, der zum Release horrende Preise für Items aufruft, muss von EA zunächst entschärft und dann ganz geschlossen werden - wohl auf Druck von Star-Wars-Lizenzgeber Disney. Spieler rechnen vor, dass es bis zu 2.100 Euro kosten kann, wollte man alle freischaltbaren Inhalte käuflich erstehen. Alternativ müsste man 4.500 Stunden spielen - also ein halbes Jahr. Die angebotenen Lootboxen im Shop sind so angelegt, dass Spieler nicht wissen, was in ihnen steckt. Sie geben also das Geld für die Chance auf einen Gewinn aus - was in den Augen mancher Länder dem Glücksspiel gleich kommt. Daraufhin prüfen unter anderem Belgien und die USA ein Verbot oder eine Zugangsbeschränkung für Minderjährige - in Deutschland ist die Rechtslage unklar, wie ein Anwalt der Gamestar sagte. Unterdessen berichten Spieler von Performance-Problemen, das Spiel ruckelt unerklärlicherweise. Erst ein Patch behebt das Problem. Für seine Krisenkommunikation handelt sich EA bei Reddit den Rekord für den am häufigsten negativ bewerteten Post ein. Eine Petition, EA die Star-Wars-Lizenz zu entziehen, hat bisher fast 170.000 Unterstützer gefunden. Die ganze Misere, insbesondere das Entfernen der kostenpflichtigen Mikrotransaktionen aus dem Spiel, hat die Anleger von EA knapp drei Milliarden Euro gekostet. Der Singleplayer Puh, kurz durchatmen. Es kann kaum schlechtere Vorzeichen für ein Spiel geben. Darum die Frage: Kann das Spiel selbst denn nun überzeugen? Die Antwort: Nur in Teilen. Allein, dass das auf Multiplayer ausgelegte Spiel eine Singleplayer-Kampagne hat, darf als Fortschritt zum Vorgänger bewertet werden. Dieses Universum ein zweites Mal nicht zum Erzählen einer Geschichte zu nutzen, wäre eine vertane Chance gewesen. Leider vertun EA und die Entwickler Criterion und Motive aber auch dieses Mal Chancen en masse. Die Kampagne, in der wir mit Iden Versio ausnahmsweise mal eine Vertreterin des Imperiums spielen dürfen (die grandios emotionslos ist und etwa nach dem gerade explodierten Todesstern und dem Tod des Imperators ein lapidares "Wir können später trauern" murmelt), führt uns über diverse bekannte und unbekannte Planeten in Standard-Schießereien mit leidlich begabten Gegnern. Ein Sonderlob verdient sich dafür die Grafik der Frostbite-Engine: Charaktere, Levels und Effekte zählen mit zum Schönsten und Realistischsten, was es je in Videospielen gegeben hat. Zur Story: Unsere Heldin Iden Versio will sich für die Zerstörung des zweiten Todessterns an den Rebellen rächen. Nach und nach kommen ihr allerdings Zweifel an den Methoden des Imperiums. Die aufwändigen und gut inszenierten Zwischensequenzen mit beinahe fotorealistischen Gesichtsanimationen können leider nicht über die recht lieblos aneinandergereihten Missionen hinwegtäuschen. Battlefront II soll inhaltlich die Brücke schlagen zwischen Episode 6 und 7. Ein wirklicher Spannungsbogen kommt aber nicht zustande. Das liegt daran, dass Iden Versio einfach nicht genug Tiefe entwickelt. Und das wiederum liegt daran, dass wir in jeder zweiten Mission nicht sie sondern einen der aus den Filmen bekannten Charaktere spielen, Luke Skywalker oder Han Solo zum Beispiel. Deren Auftritte sind cool und entfalten noch am ehesten Star-Wars-Atmosphäre - mit Luke dürfen wir immerhin auch mal ein Lichtschwert führen. Das Ende der Handlung liefert dann allerdings höchstens Andeutungen, wie Battlefront II in den Kanon des Star-Wars-Universums passt. Schlüssig ist anders. Uns hätte es besser gefallen, wenn sich die Entwickler auf die Story rund um Iden Versio konzentriert hätten. So aber können wir keine Heldengeschichte ausmachen, die uns wirklich überzeugt, geschweige denn richtig packt. Das ist auch deshalb schade, weil die Zwischensequenzen mit Blick fürs Detail inszeniert sind und auch die Kinogänger fasziniert. Apropos Kino: Der fantastische Soundtrack von John Williams und die bekannten Soundeffekte beim Feuern der Blaster, das Piepsen der Droiden oder das nervensägende Heulen der TIE-Fighter sind natürlich bewährte Garanten für ein echtes Star-Wars-Gefühl. In der deutschen Sprachausgabe hören wir außerdem die Synchronsprecher der bekanntesten Kinofiguren, darunter Wolfgang Pampel (Han Solo), Susanna Bonaséwicz (Prinzessin Leia) und Hans-Georg Panczak (Luke Skywalker). Der Multiplayer Die Probleme mit den Bezahlinhalten haben wir oben angerissen. Leider artet das Spiel auch nach leichten Anpassungen der Entwickler schnell in Arbeit aus. Für absolvierte Online-Partien erhalten Spieler immer noch viel zu mickrige Belohnungen in Form von Ingame-Währung und Bauteilen für mächtigere Items. Das nagt am Spielspaß, weil der Weg zum nächsten freigeschalteten Helden oder Boost immer noch verflucht weit ist. Bei den Spielmodi, die viel Klassisches wie Deathmatch auffahren, stellt vor allem Galactic Assault ein Alleinstellungsmerkmal dar. Mit bis zu 40 Spielern auf riesigen Karten Weltraumschlachten auszutragen: Das ist Star Wars, hier haben die Entwickler ihre Marke verstanden und hervorragend umgesetzt. Die Einzelspieler-Kampagne verflüchtigt sich dagegen im direkten Vergleich zu einem hübschen Warmup, um im Multiplayer-Modus gegen andere Spieler das Lichtschwert in der Hand zu behalten. Der eher öde Arcade-Modus dagegen ist für all diejenigen Zocker gut geeignet, die es weniger taktisch und eher a la "Stumpf ist Trumpf" mögen. In Wellen rauschen die Gegner heran, sind aber leidlich intelligent, und lassen sich dementsprechend leicht weghauen. Funktioniert, langweilt aber schnell. Hat allerdings den Vorteil, dass man bei den Konsolen hier auch zu zweit ran darf - in der Kampagne funktioniert das dagegen natürlich nicht. PC vs. Playstation Wir haben "Star Wars: Battlefront 2" sowohl auf einer Playstation 4, als auch auf einem gut ausgerüsteten Spiele-PC getestet. Ganz ehrlich: grafisch sieht das Ganze auf beiden Systemen grandios aus, wenngleich die PC-Zocker mit astreiner Hardware im Vorteil sind, weil sie dann etwa in der Ferne mehr Details darstellen können. Auch Schatten sehen besser aus - auf der PS4 wirken die oft etwas verwaschen und undeutlich. Das gilt unverständlicherweise insbesondere für die Zwischensequenzen. Hier lassen die nur auf dem PC einstellbaren Ultra-Einstellungen die Muskeln spielen. Die Playstation kommt da nur in der Pro-Variante einigermaßen mit. Dennoch umgibt besonders die Charaktermodelle ein merkwürdiger Unschärfe-Schleier, der Atmosphäre kostet. Die Konsole wiederum liegt beim Arcade-Modus vorne, weil die PC-Version nicht die Möglichkeit bietet, zu zweit die Horden von KI-Gegnern in den Tod zu befördern. Unter den angesprochenen Nachladerucklern, vor allem im Menü, litten beide Versionen. Patches haben da mittlerweile Abhilfe geschaffen. Criterion hat bereits zweimal 1,5 Gigabyte große Nachbesserungen geliefert. Auch wenn wir uns gewünscht hätten, die Probleme wären nie aufgetreten, kann das bei so aufwändigen Produktionen wie Battlefront II passieren - und die recht schnelle Abhilfe durch die Entwickler verdient Lob. Fazit Wie bewertet man also ein Spiel, dass einen solchen Start hatte? Vorweg, es war nicht leicht, denn beide Tester sind große Star-Wars-Fans und hatten sich insbesondere auf die Story gefreut, die sie beim Vorgänger so schmerzlich vermisst haben. Am besten passt wohl der Ausdruck, den wir schon benutzt haben: Chance vertan. Beim letzten Mal fehlte die Story ganz. Dieses Mal fehlt ihr die Seele. Das Universum böte genug Material, um damit etwas anzufangen. Allein, die Entwickler machen zu wenig daraus. Aus der coolen Idee, für die Dunkle Seite anzutreten, wird eine lieblose Aneinanderreihung von (bis auf Weltraumflüge) eintönigen Missionen, die ab und an bekannte Helden auffährt, ohne ihnen genügend Raum zur Entfaltung zu geben. Tja, und der Multiplayer könnte Spaß machen, wie jeder andere, der dieselben Modi auffährt. Und er hat mit Galactic Assault einen echten Spielspaßproduzenten dabei. Allein, EA hat die Belohnungsmechanik so sehr auf den eigenen Profit getrimmt, das uns zuerst die Geduld (fürs Erspielen der Inhalte) und dann das Verständnis (für die Inhalte echtes Geld zu bezahlen) abhanden kamen. Diese Systeme hat EA freilich nicht erfunden und trägt auch keine alleinige Schuld an ihrer Existenz. Dennoch zeigt der Aufschrei der Spielerschaft zumindest, dass diese nicht ohne weiteres bereit ist, Pay-2-Win hinzunehmen, nur weil es ja alle machen. Insofern hat Battlefront II bei allen vertanen Chancen auch eine, vielleicht die wichtigste Chance selbst kreiert: Dass Entwickler stärker auf ihre Kundschaft hören. Denn EA sollte den Teufel tun und sich ein Debakel wie Battlefront II ein weiteres Mal erlauben. Die Reaktion der Spieler hat gezeigt, was das für Folgen haben kann. Und dann hat das Spiel am Ende vielleicht doch sein Gutes gehabt.

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