Weihnachtsmarkt? Wintermarkt? Lichtermarkt? Die Namensgebung einiger Weihnachtsmärkte sorgt für einen Sturm der Entrüstung im Netz. - © dpa
Weihnachtsmarkt? Wintermarkt? Lichtermarkt? Die Namensgebung einiger Weihnachtsmärkte sorgt für einen Sturm der Entrüstung im Netz. | © dpa

Netzwelt Hetze im Netz: Warum heißt der Weihnachtsmarkt jetzt "Lichtermarkt"?

Erika Steinbach ist empört: In Elmshorn heißt der traditionelle Weihnachtsmarkt jetzt "Lichtermarkt" - der Untergang des Abendlandes scheint nah. In Wirklichkeit heißt der Markt bereits seit zehn Jahren so. Und der Grund dafür ist ebenso harmlos.

Matthias Schwarzer

Elmshorn. Der Weihnachtsmarkt im schleswig-holsteinischen Elmshorn hat eine lange Tradition, ist aber in die Jahre gekommen. Stadt, Stadtmarketing und Vereine beschließen darum im Jahr 2007: Es muss sich etwas ändern. Gesagt, getan: Der Betreiber wechselt, der Weihnachtsmarkt rund um die Kirche St. Nikolai wird ordentlich aufgemotzt. Im Rahmen einer "PACT" (Partnerschaft zu Attraktivierung von City-, Dienstleistungs-, und Tourismusbereichen) wird die Veranstaltung neu erdacht. Das größte Highlight: Die neue Weihnachtsbeleuchtung. Die Immobilieneigentümer in der Innenstadt verpflichten sich, die neuen Lampen zu finanzieren. Führte der Markt in Elmshorn jahrelang ein "Schattendasein", wie der Bürgermeister sagt, strahlt er seither in voller Pracht. Um das neue Highlight auch angemessen zu bewerben, trägt die Veranstaltung seit 2007 den Namen "Lichtermarkt". Mit Erfolg: Der Weihnachtsmarkt ist nicht nur bei Elmshornern, sondern auch weit über die Stadtgrenzen hinaus beliebt. Beworben wird er in den Folgejahren auch mit einem neuen Plakat. Darauf zu sehen: Ein dunkelhäutiges Mädchen, als Engel verkleidet. Eigentlich ist all das nichts Besonderes. Und eigentlich könnte die Geschichte an dieser Stelle auch zu Ende sein. Wäre da nicht Erika Steinbach. Steinbach hetzt gegen Lichtermarkt Zehn Jahre nach der Neuerfindung des Elmshorner Weihnachtsmarktes stößt die ehemalige CDU-Politikerin und Ex-Bundestagsabgeordnete auf das Plakat mit dem dunkelhäutigen Engel. Offenbar ein so großes Schock-Erlebnis, das alle Lichterketten kurzerhand zum Durchbrennen bringt. Erika Steinbach gilt als AfD-nah. Sie unterstützte die rechtspopulistische Partei im Wahlkampf. Wegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik war sie in diesem Jahr aus der CDU ausgetreten. In den sozialen Netzwerken macht sie regelmäßig mit fragwürdigen Posts auf sich aufmerksam. "Ich kenne kein Land außer Deutschland, das seine eigene Kultur und Tradition so über Bord wirft", twittert die 74-Jährige erbost mit drei "Daumen Runter"-Emojis - und gibt damit den traditionellen Elmshorner Lichtermarkt samt Weihnachtsengel ihren Followern zum Abschuss frei. Ich kenne kein Land außer Deutschland, das seine eigene Kultur und Tradition so über Bord wirft👎👎👎 pic.twitter.com/KrpNOtbgQl — Erika Steinbach (@SteinbachErika) 14. November 2017 "BOYKOTTIEREN!", brüllt ein Nutzer in die Facebook-Kommentare, "Deutschland schafft sich ab", ein anderer. "Wir machen unsere eigene Kultur kaputt", findet eine Kommentatorin. Ein anderer fordert gar den Rücktritt des Bürgermeisters. Ein Nutzer findet, "der Engel war wohl zu lange in der Sonne". Ein weiterer befürchtet, dass bald auf den Plakaten "dunkelhäutige Burka-Engel" zu sehen seien würden. Wiederum ein anderer glaubt, der Lichtermarkt sei ein Beleg für "diese ganze Umbenennungswelle", die "doch reinste ideologisierte Idiotie", sei. Elmshorn wehrt sich gegen Rassismus Unzählige Nutzer liken und teilen den Post. Darunter auch mehrere AfD-Politiker. Der Post zieht weite Kreise im Netz. So weit, dass sich das Stadtmarketing Elmshorn gezwungen sieht, mit einer Pressemitteilung dagegen anzusteuern. "Wir sind von den diesjährigen Reaktionen auf den Elmshorner Lichtermarkt mehr als bestürzt", wird Elmshorns Bürgermeister Volker Hatje zitiert. "Für uns als Stadt ist es inakzeptabel, dass eine so traditionsreiche und von unserer christlichen Kultur geprägte Veranstaltung wie der Elmshorner Lichtermarkt instrumentalisiert wird, um im politischen Umfeld Stimmung zu machen", sagt Hatje. Der Begriff "Lichtermarkt" ginge schließlich auf den besagten Betreiberwechsel des Weihnachtsmarktes 2007 zurück - sowie auf das neue Lichtkonzept in der Altstadt. Das lässt sich übrigens auch im Archiv der Elmshorner Nachrichten so nachlesen. Das Plakat mit dem dunkelhäutigen Engel sei bereits 2011 zum ersten Mal gedruckt worden, heißt es vom Bürgermeister. Seinerzeit waren 40 Elmshorner Kinder zu einem offenen Fotoshooting erschienen, um sich als Werbebotschafter fotografieren zu lassen. "An dem Shooting nahmen Mädchen und Jungs vieler Nationen und Altersgruppen teil", sagt Hatje. "Dass bei uns Menschen aus mehr als 120 verschiedenen Nationen leben, ist für uns als weltoffene Stadt supernormal." Man lasse sich auf keine Diskussion ein, in der Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert würden. Rechte hetzen gegen "Wintermärkte" Dass Weihnachtsmärkte in Deutschland für rechte Hetze missbraucht werden, ist derweil gar nichts Neues. Die Vorwürfe sind mindestens so alt wie die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung, die eine vermeintliche "Islamisierung des Abendlandes" 2014 erstmals thematisierte. Ein beliebtes Beispiel für Verschwörungstheorien ist auch der "Wintermarkt" in München. Nahezu jährlich wird auf rassistischen Seiten wegen seines Namens die Sau durchs Weihnachtsdorf getrieben. Dabei hatte der Veranstalter, die Flughafen München GmbH, bereits 2014 ausdrücklich zu den Vorwürfen Stellung bezogen: "Der alljährliche Markt im München Airport Center wird bereits seit dem Jahr 2006 unter dem Namen Wintermarkt veranstaltet. Der Grund für diese Benennung war seinerzeit, dass die Öffnungszeiten des Marktes im MAC verlängert wurden. So blieben die Stände im MAC in der Saison 2006/2007 erstmals bis zum 7. Januar offen – und damit zwei Wochen länger als die klassischen Weihnachtsmärkte. Mit der neuen Bezeichnung sollte sichergestellt werden, dass der Wintermarkt am Flughafen mit seiner längeren Öffnungsdauer von den Weihnachtsmärkten unterschieden wird. Auch im laufenden Jahr ist der Markt im MAC eben kein Weihnachts- oder Christkindlmarkt, die ja bekanntlich am ersten Adventswochenende starten. Demgegenüber beginnt der Wintermarkt am Flughafen bereits morgen und damit eine Woche früher. Anders als die Weihnachtsmärkte endet der Wintermarkt am Flughafen auch nicht an Heiligabend, sondern erst am 27. Dezember. Insofern wäre es schlicht irreführend, den Markt mit der gleichen Bezeichnung zu versehen, wie die auf die Adventszeit beschränkten Weihnachtsmärkte." Bild-Zeitung befeuert Diskussionen Doch für das Märchen vom verbotenen Weihachtsmarkt braucht es nicht zwangsläufig rechte Hetz-Seiten. Manchmal reicht auch die Redaktion einer großen Boulevard-Zeitung. Im Dezember 2014 erscheint in der Bild am Sonntag der Artikel "Haben wir nicht alle Lichter am Baum?". Der Anlass für die Empörung, laut Bild: "Heute ist der erste Advent. Und viele werden den Sonntag für einen Spaziergang nutzen zu jener vorweihnachtlichen Festivität, die als Weihnachtsmarkt volkstümlich geworden ist, in Süddeutschland als Christkindlmarkt. Genau das passt aber nicht allen. So muss etwa in Berlin, nicht nur in Kreuzberg, aber dort ausdrücklich, der Weihnachtsmarkt neuerdings 'Winterfest' heißen." Auch diese Geschichte ist, wie zu erwarten, völliger Quatsch. Wie Bildblog berichtet, heißt das besagte "Winterfest am Mehringplatz" bereits seit Jahren so - und zwar völlig freiwillig. Auch der "Kreuzberger Wintermarkt" wurde nicht auf Druck des Bezirksamtes umbenannt. Der "Gundelsheimer Wintermarkt" in Franken beispielsweise findet bereits vor der Adventszeit statt, und heißt deshalb auch nicht "Weihnachtsmarkt". Auch in Dortmund gab es einige Zeit einen "Wintermarkt", der seine Öffnungszeiten bis Neujahr verlängerte. Und dennoch drehen die Wintermärkte munter ihre Runden in den sozialen Netzwerken, um den vermeintlichen Untergang der deutschen Kultur zu belegen. Alle Jahre wieder. Dass viele Muslime sogar selbst das Weihnachtsfest in Deutschland feiern, ist dabei natürlich nicht mal eine Randnotiz wert. Am Ende bleibt eigentlich alles beim Alten. Weder der Weihnachtsmarkt, noch die Lebkuchen, gebrannte Mandeln oder der Weihnachtsmann sind in Gefahr. Oder, um es mit den Worten eines Facebook-Nutzers unter dem Steinbach-Post zu sagen: "Hilfe! Unsere Weihnachtsreifen heißen jetzt auch schon Winterreifen!"

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