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Nicht nur im Kreis Herford, auch in Hessen und anderen Bundesländern fiel am Wochenende massiver Starkregen. Für die Zunahme solcher Ereignisse gibt es einen Grund. - © picture alliance/dpa
Nicht nur im Kreis Herford, auch in Hessen und anderen Bundesländern fiel am Wochenende massiver Starkregen. Für die Zunahme solcher Ereignisse gibt es einen Grund. | © picture alliance/dpa

Folgen des Klimawandels Deutschland 2050: "Der Sommer wird eine ganz andere Dimension bekommen"

Mit Toralf Staud hat Nick Reimer wissenschaftliche Erkenntnisse darüber gesammelt, wie der Klimawandel Deutschland verändern wird. Im Interview gibt Reimer Ausblick auf ein anderes Leben.

Angela Wiese
08.06.2021 | Stand 08.06.2021, 20:49 Uhr

Herr Reimer, vor wenigen Tagen zogen Unwetter über Deutschland, die örtlich für heftigen Starkregen sorgten. Allein hier im Kreis Herford gab es Hunderte Feuerwehreinsätze. Die Wassermassen fluteten Straßen, Keller und Gärten. Werden solche Starkregenfälle Normalität?
Nick Reimer:
Leider ja. Wärmere Luft kann mehr Wasser speichern. Wenn es ein Grad wärmer ist, nimmt die Luft sieben Prozent mehr Wasser auf. Bis Mitte des Jahrhunderts wird es in Deutschland durchschnittlich 2 Grad wärmer sein. Das heißt, die Luft kann dann schon 14 Prozent mehr Wasser aufnehmen. Wasser ist geballte Energie. Je mehr Wasser die Luft aufnimmt, umso heftiger wird es.

Sind wir darauf vorbereitet?
Ich arbeite in Berlin, wo es in den Hitzesommern 2018 und 2019 solche Ereignisse gab - die Feuerwehr musste den Ausnahmezustand ausrufen. Damals gab es überflutete Straßen, U-Bahn-Schächte und Keller. Wir haben die Stadtentwässerung gefragt, ob man sich darauf vorbereiten kann. Die Antwort lautete: „Nein!" Denn wenn man den Durchmesser eines Abwasserkanals größer macht, dann muss er auch ständig mehr Wasser transportieren. Weil es aber künftig auch mehr trockene Perioden geben wird, würden diese Kanäle zu stinken beginnen, wenn zu wenig Wasser durchläuft. Auf bestimmte Sachen kann man sich einfach nicht vorbereiten.

In Ihrem Buch "Deutschland 2050" beschreiben Sie auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie sich das Leben dann in Deutschland verändert haben wird. Bleiben wir beim Wetter. 2050, schreiben Sie, wird der Wetterbericht nicht mehr "Badewetter" ankündigen, wenn es zum Sommer hin wärmer wird. Der Sommer bekommt ein neues Image?
In südlichen Ländern sorgt die Siesta im Sommer dafür, dass das Leben in der Mittagszeit, wenn es besonders heiß ist, stillsteht. So ähnlich wird es bei uns auch werden. Es wird in Deutschland so unglaublich heiß sein, dass zum Beispiel Dachdecker zu gewissen Zeiten keine Bitumenbahnen auf dem Dach verlegen können. Schon heute sind einige Jobs extrem vom Wetter abhängig. Zum Beispiel musste im Sommer 2019 im Straßenbau mancherorts das Arbeiten eingestellt werden. Sommer wird eine ganz andere Dimension bekommen, Hitze auch. Das schöne Badewetter wird bleiben, aber es wird nicht das sein, was den Sommer bestimmt.

Nick Reimer. - © Joachim Gern
Nick Reimer. | © Joachim Gern

Mit Folgen vor allem auch für ältere Menschen.
Ja, Hitze hat viele Auswirkungen auf den Körper. Und natürlich trifft es wie so oft die älteren Menschen. Speziell dann, wenn sie nicht mehr selbstständig sind, zum Beispiel selber nicht mehr genug trinken oder sich in eine kühlere Ecke verkriechen können. Im Hitzesommer 2003 sind in Europa 70.000 Menschen zusätzlich an Hitze gestorben. Damals dachten die Pfleger oft, dass sie den Leuten etwas Gutes tun, wenn sie sie zudecken. Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Hitze töten kann. Wir haben in Deutschland bereits heute mehr Hitze- als Verkehrstote.

Sie schreiben: "An Dengue zu erkranken, wird in Deutschland 2050 nichts Ungewöhnliches sein." Bislang tritt diese hochfieberhafte Viruserkrankung vor allem bei Reisenden in den Tropen auf. Warum wird sich das ändern?
Die Übertragungsinsekten, in diesem Fall die Tigermücke, wird wegen der Temperaturentwicklung in Deutschland heimisch werden. Es gibt auch andere Krankheiten, die auf uns zukommen. Die von Zecken übertragene Borreliose zum Beispiel war früher ein Phänomen, dass wir allenfalls aus dem heißen Süddeutschland kannten. Mittlerweile ist sie deutlich mehr verbreitet und wird in spätestens 20 Jahren auch in Gegenden Deutschlands, wo sie noch kein Thema ist, die Leute beschäftigen.

Wasserknappheit hat uns auch in Ostwestfalen-Lippe schon beschäftigt. In Löhne und Bad Oeynhausen zum Beispiel gab es sie im trockenen, heißen Sommer 2019. Auch andernorts in Deutschland gab es das Problem.
Für die Grundwasserversorgung brauchen tiefere Schichten im Boden eine bestimmte Sättigung mit Wasser. Obwohl es in diesem Winter mal wieder Schnee gab und es im Frühjahr relativ viel geregnet hat, haben wir heute noch in weiten Teilen Deutschlands in diesen tiefen Schichten eine Dürre. Dieses Problem wird sich verschärfen, weil Dürrejahre zunehmen und die Niederschläge in der Regel blitzartig fallen. Das führt dazu, dass viel Wasser abfließt und sich nur wenig in diese tieferen Bodenschichten durcharbeiten kann. Wir werden ein Grundwasserproblem bekommen, weil die Grundwasserneubildung gestört wird.

Deutschland 2050 - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird. Autoren: Toralf Staud, Nick Reimer. Verlag: KiWi-Paperback. 384 Seiten. 18 Euro. ISBN: 978-3-462-00068-9 - © Kiwi-Verlag
Deutschland 2050 - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird. Autoren: Toralf Staud, Nick Reimer. Verlag: KiWi-Paperback. 384 Seiten. 18 Euro. ISBN: 978-3-462-00068-9 | © Kiwi-Verlag

Werden wir in Deutschland um die Verteilung von Wasser streiten?
Wenn sie weniger Grundwasser haben, geben die Brunnen weniger Trinkwasser her. Das ist auf der einen Seite eine Verknappung des Gutes, auf der anderen Seite gibt es neue Konkurrenten, die auch Wasser abhaben wollen. Erste Bauern in Deutschland fangen bereits an, Felder zu beregnen. Bislang gilt Deutschland als wasserreiches Land, das ist in Zukunft nicht mehr sicher. In Niedersachsen zum Beispiel verbrauchen die Schlachthöfe große Mengen Wasser. Es gibt dort Gegenden, in denen sich Menschen Trinkwasser im Laden kaufen mussten, weil nicht mehr genug aus dem Hahn kam, aber die Industrie bekam weiter ihr Wasser. Das ist Konkurrenz um Wasser.

Landwirtschaft, Sicherheit, Verkehr, Wirtschaft, Leben in den Städten - Sie beschreiben die Folgen der Erderhitzung für mehrere für uns lebenswichtige Bereiche als gravierend. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Klima-Debatten und -Pläne der Politik in diesem Wahlkampfjahr?
Ich glaube, Lippenbekenntnisse der Politik sind tatsächlich mittlerweile da. Aber es bleiben Lippenbekenntnisse. Die SPD zum Beispiel möchte Klimaschutz, aber wenn es darum geht, dass der Benzinpreis steigt, dann sagt die SPD: „Nein!" Die Politik hat das Problem immer noch nicht durchdrungen. Denn was die Parteien zur Lösung auf ihrer Agenda haben, reicht bei weitem nicht aus, um unser schönes Leben zu sichern – nicht einmal bei den Bündnisgrünen.

Warum nicht?
Ich erkläre das anhand eines Beispiels: Der grönländische Eisschild ist 3.300 Meter hoch, auf dem Berg ist es natürlich kühler als im Tal. Wenn der Eisschild anfängt abzutauen, taut er nach unten in wärmere Schichten, weshalb sich dieser Prozess nicht mehr anhalten lässt. Durch das Abtauen würde der Meeresspiegel um sieben Meter steigen. Emden liegt einen Meter hoch. Wir können vielleicht noch ein paar Jahre die Deiche erhöhen. Aber weite Teile von Niedersachsen wären langfristig nicht zu halten. Wir entscheiden jetzt, ob das grönländische Eisschild noch gerettet werden kann. Statt also jetzt Kohlekraft zu verbieten, Inlandsflüge zu streichen und eine Steuer auf klimaschädliches Fleisch einzuführen, diskutiert die Politik darüber, ob der Benzinpreis um 15 oder 16 Cent steigt. Ich habe den Eindruck, dass die Politik nicht begriffen hat, wie groß dieses Problem ist.

Ein Satz, der häufig zu hören ist: "Deutschland ist ja nur für etwa 2 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Was bringt es also, wenn wir hier etwas unternehmen." Was entgegnen Sie?
Genau: Deutschland ist für zwei Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich, wir sind aber nur ein Prozent der Weltbevölkerung! Wenn alle so leben würden wie wir, dann wäre das Problem der Kipppunkte, ab denen sich der Klimawandel verselbstständigt, schon längst erreicht. Wir sind in Deutschland schlimme Klimafrevler, wir müssen natürlich anfangen.

Die Behauptung von Kritikern bleibt: Dass wir allein strenge Klimaschutz-Regeln einhalten, bringt dem Klima nichts.
Wenn wir uns angucken, wie Deutschland in die Solarenergie investiert hat: Weltweit löste das Erneuerbare-Energien-Gesetz einen unglaublichen Solarboom aus. Heute ist es viel billiger, ein Solarkraftwerk zu bauen als ein Kohlekraft. Das Dumme ist, dass die Politik hierzulande der Solarenergie solche Daumenschrauben angelegt hat, dass die meisten Solarpaneele, die bei uns verbaut werden, in Asien hergestellt werden. Die Staaten in Asien haben die deutsche Technologie kopiert, vervollkommnet. Wenn wir etwas machen, wird sich die Welt sehr genau angucken, ob das erfolgreich ist und dann wird es eine kleine Revolution geben.

Die gute Nachricht aus der Wissenschaft: Deutschland kann noch handeln, es ist noch nicht zu spät.
So ist es. Wir entscheiden heute, ob unser Leben nach dem Jahr 2050 so bleiben wird, wie es sich bis dahin verändert hat. Oder ob es bis zum Ende des Jahrhunderts katastrophal wird. Es gibt 16 Kippelemente im Erdsystem, die dazu beitragen, dass sich der Klimawandel verselbstständigt, egal was wir Menschen tun. Zum Beispiel der Permafrost. Unter der dauergefrorenen Erde in Alaska, Nordkanada, Sibirien ist milliardenfach Kohlenstoff gespeichert. Wenn sich die Erde global um mehr als zwei Grad aufheizt, taut dieser Permafrost und setzt Treibhausgase frei, die von ganz alleine dafür sorgen, dass die Konzentration in der Atmosphäre immer weiter steigt. Dieser Prozess kann nicht aufgehalten werden, wenn er erst mal eingesetzt hat. Wir sind heute an dem Punkt, wo die Menschheit entscheidet, ob wir dieses Tauen mit strengem Klimaschutz verhindern.

Information

Zur Person

  • Nick Reimer (55, Foto), studierte Energieverfahrenstechnik und schreibt als Journalist und Autor über Klima- und Umweltthemen.
  • Für den Blog Klima-Lügendetektor.de erhielt er 2012 den Otto-Brenner-Preis.
  • „Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird" von ihm und Toralf Staud ist im KiWi-Verlag erschienen.
  • 2007 erschien von Staud und Reimer bereits das Buch „Wir Klimaretter. So ist die Wende noch zu schaffen".
Links zum Thema

Zum Dürremonitor des Helmholtz Zentrum für Umweltforschung

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zu Kippelementen im Klimasystem

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