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Beispiel für Datenscouting: Wegen seiner Assists holte Brentford den Arminen Konstantin Kerschbaumer 2015 nach England. - © Christian Weische
Beispiel für Datenscouting: Wegen seiner Assists holte Brentford den Arminen Konstantin Kerschbaumer 2015 nach England. | © Christian Weische

Bielefeld Digitale Revolution hinter den Fußball-Kulissen

Technik-Innovationen: Vereine nutzen beim Scouting auf dem Transfermarkt riesige Datenbanken, die Stärken und Schwächen von Hunderttausenden Spielern aufschlüsseln. Doch es gibt Skeptiker. Weitere Umbrüche im Visier

Dennis Rother
14.07.2017 | Stand 12.04.2019, 20:50 Uhr

Bielefeld. Die Jagd nach dem Erfolgscode auf dem 25 Milliarden Euro schweren Transfermarkt ist eröffnet – und sie läuft digital. Fußballvereine setzen auf Datenbanken, die Stärken und Schwächen von Hunderttausenden Spielern detailliert aufschlüsseln. Neuzugang-Geheimtipps kommen immer öfter vom Computer statt vom Ex-Profi, der im Klub-Auftrag über Dorfacker oder durch ferne Länder tingelt. Das vereinfacht, spart Geld und verringert den Risikofaktor Mensch, sagen Befürworter. Doch es gibt Skeptiker. Unterdessen planen IT-Experten schon die nächsten Innovationen. Jungunternehmer Mirko Ronge arbeitet in einer Branche, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Der ausgebildete Volkswirt führt mit Geschäftspartnern die Firma Matchmetrics mit Sitz in Gütersloh. Ihr Produkt „Scoutpanel" – zu deutsch ungefähr Spielbeobachtungs-Tafel – ist eine PC- und Tablet-Applikation. Sie ordnet und visualisiert Europas Fußballstatistiken. Sie liest quasi das Spiel. Pässe, Schüsse, Grätschen, Fouls, Sprints – alles, was in 90 Minuten passiert, fließt als unsortierter Datenberg in die Software. Die spuckt Graphen, Diagramme, Fieberkurven oder Heatmaps aus. Heatmaps sind quasi Wärmebilder, die zeigen, wie oft ein Spieler wo auf dem Feld unterwegs war. Talentsuche wie Billy Beane und die Oakland Raiders Mit rund 2.800 Einzel-Events pro Partie wird das Scoutpanel gefüttert, so Ronge. „Das Ziel ist, Prognosemodelle zu erstellen und Trends zu entdecken." So könnten Klubs systematisch verborgene Schätze heben – vom unbekannten Talent bis zum verkannten Routinier. Im Klartext: Vorsprung durch Technik. Laut Mirko Ronge stammt die Geschäftsidee von Matchmetrics aus dem Baseball. Teamchef Billy Beane habe Anfang des Jahrtausends bei den Oakland Raiders erstmals eine Mannschaft betreut, dessen Kader-Zusammensetzung großteils auf ausgeklügelten Statistiken basierte. Basieren musste, denn Oakland fehlte Geld. Am Anfang wurde Beane belächelt. Dann schlug der Außenseiter haushohe Favoriten, kam in die Play-Offs. Jüngst verfilmte Hollywood seinen Aufstieg. Mislintat gründete Unternehmen mit - Infos zu 130.000 Spielern Infos von 130.000 Spielern führt Matchmetrics. Mitgründer ist Sven Mislintat, der Ex-Chefscout von Borussia Dortmund, der nun für den FC Arsenal London arbeitet. An nur einen Verein pro Land wird die Software verkauft. Ohne Exklusivität würde der Effekt verpuffen, sagt Ronge. Vereinsnamen nennt er nicht. Der Preis fürs „Scoutpanel": sechsstellig. Der Vorteil des sogenannten datenbasierten Scouting ist laut Ronge, dass das Urteil letztlich unbestechlich ist. Hat ein Spieler einen schlechten Tag, senken Beobachter auf der Tribüne womöglich prompt den Daumen, so Ronge. „Oder ein einziges starkes Solo bleibt in Erinnerung, während andere Aktionen schlecht waren." Menschen seien subjektiv. Algorithmen nicht. Daten kommen von Opta Sports Matchmetrics veredelt das, was der britische Sportdatenanbieter Opta Sports liefert. Opta ist einer der Platzhirsche auf dem rasant wachsenden Markt der Fußball-IT-Dienstleister, Opta ist eine Datenkrake. Genau wie Stats aus den USA. Stats erstellt beim „Tracking", also beim Dauerverfolgen der Akteure, mit acht hochauflösenden Kameras eine zweidimensionale Spielanimation. Finte, Zupfer, Übersteiger: Nichts bleibt unbemerkt, alles läuft automatisiert. Fußball wird gläsern. Der italienische Konkurrent WyScout wirbt unterdessen mit der größten Zahl an erfassten Spielern: Mehr als 200.000. Kunden erhalten obendrein Videos sogar von Brasiliens Regionalmeisterschaften. Wie Konstantin Kerschbaumer zum FC Brentford kam Ein Beispiel für den Umbruch hinter den Transfermarkt-Kulissen kickt derzeit auf der Alm: Konstantin Kerschbaumer, Leihgabe vom FC Brentford. Der englische Zweitligist suchte 2015 einen Spieler, der viele Tore vorbereitet. Coach und Manager stießen per digitalem Raster auf den 25-Jährigen, der zu dem Zeitpunkt noch in Österreich für Admira Wacker Mödling auflief. In der Erstliga-Rückserie kam er auf fünf Assists – und wurde prompt verpflichtet. Hunderte Vereine nutzen bereits Wyscout – darunter auch Arminia selbst und der SC Paderborn. SCP-Sprecher Matthias Hack betont aber: „Technische Programme dienen bei Verpflichtungen nur als Unterstützung." Potenzielle Zugänge würden vor Ort „durch mehrere Verantwortliche beobachtet". Heribert Bruchhagen ist skeptisch Das sagte auch Heribert Bruchhagen jüngst bei einem Vortrag in der Schüco-Arena. Der 68-jährige Vorstandschef des Hamburger SV gilt als Traditionalist. Bei ihm klang durch: Ein glühender Fan vom Scouting am Bildschirm ist er nicht. Der HSV greift laut Bruchhagen auf der Suche nach Transferzielen auf Daten von Deltatre zurück, ehemals Impire, nach eigenen Angaben das am aufwendigsten gepflegte Bundesliga-Rechercheinstrument. Die Software könne erster Filter sein, so Bruchhagen. Scouts würden zum „Festigen des Eindrucks" und zum persönlichen Gespräch zu denjenigen Spielern fahren, die die Suchmaske zuvor ermittelt hat. Bundesligasaison widerlegt Ergebnisse der Software-Daten Bruchhagen zweifelt aber ähnlich wie Trainer Felix Magath am Sinn von mancher Datenerhebung. Dass etwa Laufleistungen zwangsläufig gute Ergebnisse bedeuten, hätte die jüngste Bundesligasaison widerlegt: Mannschaften mit den meisten zurückgelegten Kilometern hätten keine vorderen Tabellenplätze belegt – ganz im Gegenteil, so Bruchhagen. „Zweikämpfe, in die beide Spieler unter gleichen Voraussetzungen gehen, gibt es nicht", sagte er zudem. Vor jedem Duell gebe es bessere und schlechtere Ausgangspositionen. Die würden per Software nivelliert. Was der Computer ermittelt, sei daher „mitunter zweifelhaft". Elektronische Geräte sollen Bewegungen und Gesundheitsdaten checken Datenanalysten wie Mirko Ronge und seine Mitstreiter ficht das nicht an. Der Markt boomt, immer mehr Erfolgsgeschichten werden publik. Längst haben IT-Unternehmen auch weitere Facetten des Fußballs im Visier. Der Trainingsalltag von Spielern etwa könnte durch tragbare Elektrogeräte im Miniaturformat flächendeckend umgekrempelt werden. Dank der Übermittlung von Bewegungsabläufen und Gesundheitsdaten in Echtzeit kann gezielt gesteuert werden, wer wann welche Übung wie intensiv absolviert. Das Ziel ist ein individuell zugeschnittenes Pensum. Testläufe waren vielversprechend. Die Revolution geht weiter.

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