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Könnte Andrea Nahles herausfordern: Achim Post, SPD-Bundestagsabgeordneter aus dem Kreis Minden-Lübbecke. - © picture alliance/ dpa
Könnte Andrea Nahles herausfordern: Achim Post, SPD-Bundestagsabgeordneter aus dem Kreis Minden-Lübbecke. | © picture alliance/ dpa

SPD-Spitzenkampf Konkurrent von Andrea Nahles: Achim Post, der unterschätzte Ostwestfale

Achim Post hat sich zum größten Widersacher von SPD-Chefin Andrea Nahles entwickelt. Dabei ist er außerhalb von Ostwestfalen-Lippe ein weitgehend Unbekannter.

Andreas Niesmann
01.06.2019 | Stand 01.06.2019, 08:01 Uhr

Berlin. Der Blick ist neu. So ernst, entschlossen, ja grimmig wie vergangenen Mittwoch hat man Achim Post in Berlin noch nie gesehen. Der Fraktionsvize der Bundestags-SPD ist eigentlich ein ausgeglichener und fröhlicher Charakter. Es müsse schon eine Menge passieren, damit „der Achim" aus der Haut fährt, sagt einer, der ihn gut kennt. Aber es ist ja auch eine Menge passiert in der SPD. Wahldesaster, Putschgerüchte und die vorgezogene Abstimmung über die Zukunft von Fraktionschefin Andrea Nahles haben die Partei in einen Zustand aus Frust, Entsetzen und Aufruhr versetzt. Es gibt immer mehr Sozialdemokraten, die sich nach Veränderungen an der Spitze sehnen. Und Post, ein außerhalb des politischen Systems bislang weitgehend Unbekannter, ist plötzlich der Mann, der diese Veränderung herbeiführen soll. Das ist Achim Post Alle Augen richten sich auf ihn, wenn sich Fraktionschefin Nahles am Dienstag zur Wiederwahl stellt. Tritt Post persönlich gegen sie an? Lässt er einem anderen Kandidaten den Vortritt? Oder muss Andrea Nahles in eine Abstimmung ohne Gegenkandidat gehen, bei der ihr trotzdem der Verlust der Mehrheit drohen würde? Das alles hängt nun wesentlich von ihm ab. Achim Post, 60, Soziologe aus dem ostwestfälischen Minden, evangelisch, verheiratet, zwei Kinder, ist zum gefährlichsten Widersacher der SPD-Partei- und Fraktionschefin geworden. Das Verrückte daran ist, dass Post selbst jetzt noch von vielen in der SPD unterschätzt wird. Das mag an seinem im Vergleich zu vielen anderen Politikern bescheidenen Auftreten liegen, an seinem unauffälligem Erscheinungsbild, vielleicht auch daran, dass er sehr lange anderen gedient hat, bevor er selbst den Schritt in die erste Reihe gewagt hat. „Fußball und Biertrinken, das ist das einzige, wovon ich wirklich etwas verstehe", ist ein typischer Post-Satz über sich selbst. Der Spruch ist sympathisch, aber ziemlicher Unsinn. Post hat eine lange Parteilaufbahn hinter sich, in der er für viele große Sozialdemokraten gearbeitet hat. Er hatte jahrzehntelang Zeit, um ein dichtes Netzwerk zu knüpfen und die Mechanik der Macht zu studieren. 14 Jahre lang leitete er die Internationale Abteilung 1976 ist Post in die SPD eingetreten, wegen Willy Brandt, wie so viele seiner Generation. Zehn Jahre später fing er als Mitarbeiter im Deutschen Bundestag an. Er arbeitete für eine Reihe von Abgeordneten, bis er zu Hans-Jürgen Wischnewski kam. Über die Zeit beim großen „Ben Wisch" redet Post noch heute gerne. Sie hat ihn geprägt, seine Liebe zur Außenpolitik begründet. Später ging er ins Europaparlament, wo er als Geschäftsführer die Arbeit der SPD organisierte, 1999 folgte der Wechsel ins Willy-Brandt-Haus. 14 Jahre lang leitete Post dort die „Internationale Abteilung", so etwas wie das Außenministerium der SPD. Von 2002 bis 2012 war er auch stellvertretender Bundesgeschäftsführer, organisierte in dieser Zeit Wahlkämpfe für Gerd Schröder und Frank-Walter Steinmeier. 2012 wurde Post Generalsekretär der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE). In dieser Funktion zog er die Strippen, damit seinen Freund Martin Schulz bei der Europawahl 2014 als Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten antreten durfte. 2013 folgte die Wandlung vom Mitarbeiter zum Politiker – Post kandidierte erfolgreich für den Bundestag. Nur zwei Jahre später wurde er Chef der Landesgruppe der NRW-Abgeordneten in der Fraktion, 2017 auch Fraktionsvize. In der Fraktionsführung verdrängte Post den Bochumer Abgeordneten Axel Schäfer, dem er zuvor schon die Führung der Landesgruppe in einer Kampfkandidatur abgenommen hatte. Schäfer ist auch so einer, der Post unterschätzt hatte. Heute sagte er nur: „Über Achim Post sage ich besser nichts". Post führt gute Beziehung zu Niedersachsens Ministerpräsident Die NRW-Landesgruppe ist zahlenmäßig traditionell die größte in der SPD-Fraktion, vor Post aber war sie politisch weitgehend bedeutungslos. Das hat sich unter seiner Führung geändert. Sinnbildlich dafür stand eine Klausurtagung unter dem Motto „Neue Stärke", die Post Anfang des Jahres zusammen mit der niedersächsischen Landesgruppe unter großer medialer Aufmerksamkeit in Osnabrück organisiert hatte. Die Tagung war seinerzeit auch als Warnung an Andrea Nahles interpretiert worden. Kurz vor der Europawahl feierte Post seinen 60. Geburtstag in einer alten Mühle in seinem Wahlkreis. Viele Weggefährten waren da, auch ein paar Journalisten. Und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Das Verhältnis gilt als eng, und Weil wird als möglicher Nachfolger gehandelt, falls Andrea Nahles nach einer Abwahl in der Fraktion auch den Parteivorsitz hinwerfen sollte. Damals wurde noch gemunkelt, nun macht Post offenbar ernst. Zwar hat er bei der Fraktionssitzung der SPD am Mittwoch auch auf Nachfrage hin seine Kandidatur nicht erklärt, dass er aber ein Ende der Ära Nahles will, gilt als sicher. Seit Monaten, so berichten es Vertraute, höre Post an der Basis, mit Nahles und Olaf Scholz an der Spitze gehe es für die SPD nicht weiter. Ein 60-Jähriger als Zeichen des Aufbruchs? Ob Post selber antritt? Er weiß, dass ein 60-Jähriger Mann nur schwerlich als Signal des Aufbruchs verkauft werden kann. Gut möglich wäre deshalb, dass Post einem jüngeren Kandidaten den Vortritt lässt. Es wäre nicht das erste Mal. Als die Nordrhein-Westfälische SPD im vergangenen Jahr einen neuen Vorsitzenden suchte, war Post Teil der Findungskommission. Er soll großen Anteil daran gehabt haben, dass am Ende der bis dahin weitgehend unbekannte Sebastian Hartmann für den Landesvorsitz nominiert wurde – auch er ein persönlicher Freund. Gut möglich, dass Post gerade einen ähnlich Coup plant. Man sollte ihn nicht unterschätzen.

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