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Ständig gefragt: Elmar Brok, die europäische Stimme der Christdemokraten, war jahrelang Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses und ein regelmäßiger Talkshowgast. Foto: Marcel Kusch/dpa - © Verwendung weltweit
Ständig gefragt: Elmar Brok, die europäische Stimme der Christdemokraten, war jahrelang Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses und ein regelmäßiger Talkshowgast. Foto: Marcel Kusch/dpa | © Verwendung weltweit

Porträt Elmar Brok – Abgang eines Urgesteins

Vier Jahrzehnte lang ist der CDU-Politiker Elmar Brok aus Ostwestfalen-Lippe in der Sisyphusarbeit des Europaparlaments aufgegangen. "Nun soll es gut sein", sagt der dienstälteste EU-Abgeordnete. Im größten Landesverband der Union gibt es Lob für sein Lebenswerk

Florian Pfitzner
22.01.2019 | Stand 04.09.2019, 14:56 Uhr

Düsseldorf. Es wird gerne mal geschmeichelt auf den langen Gängen des Europäischen Parlaments. "Elmar", flötet Antonio Tajani kurz vor seiner Wahl zum EU-Präsidenten in einem der Straßburger Korridore: "der wichtigste Abgeordnete des Parlaments." Elmar Brok lässt die Übertreibung so stehen im Dezember 2016. Gerade haben ihn hohe Diplomaten aus Europa um seine Meinung gebeten: zu Russland, zu Syrien, zur Türkei. Eigentlich ist er ständig gefragt, gestern als Strippenzieher im Ukraine-Konflikt, heute als Brexit-Beauftragter der konservativen EVP-Fraktion. Jetzt hat der 72-jährige Brok seinen Rückzug aus dem EU-Parlament angekündigt. Das dienstälteste Mitglied des Hohen Hauses hört auf, erklärt Brok nach einer "Zeit zur Reflexion" in einer Mitteilung. Er werde bei der CDU-Landesvertreterversammlung an diesem Samstag in Siegburg auf eine Kandidatur verzichten. "Nun soll es gut sein." So ein freies Wochenende sei ja auch mal eine schöne Sache. Manche in der CDU hätten ein rundes Ende schöner gefunden Brok fehlt auf der Vorschlagsliste der NRW-CDU für die Europawahl Ende Mai. Er war bei der Nominierung durchgefallen und rang mit der Frage einer Kampfkandidatur. In der Partei habe man ihm "das Gefühl gegeben, gewinnen zu können". Gleichwohl zieht er jetzt die Reißleine. Manche in der CDU hätten ein rundes Ende schöner gefunden. Nun würdigt man seine Verdienste. "Mit großem Respekt" habe er die Entscheidung aufgenommen, sagt der Chef des größten CDU-Landesverbands, Armin Laschet, gegenüber dieser Zeitung. Parteiübergreifend genieße Brok durch seine jahrzehntelange Arbeit hohe Wertschätzung. Persönlich bleibe eine enge Verbindung, sagt Laschet: "Sein Europaverständnis ist mein Europaverständnis." Ein Meister der Vermarktung Brok hat vorgemacht, was sich mit dem Vorsitz des Auswärtigen Ausschusses anstellen lässt. Das Beratungsgremium ist dafür zuständig, den Kontakt zur außereuropäischen Welt zu pflegen. Brok, geboren am 14. Mai 1946 in Verl, fast genau ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hegt seinen "Lebenstraum Europa" – und entpuppt sich als Meister der Vermarktung. Man lerne bei ihm, was es heißt, Verhandlungsergebnisse zu verkaufen, sagen Ex-Mitarbeiter. Nur seine Erfahrung ist größer als seine Expertise, lästerten manche Als Europapolitiker gehört er dem Parlament seit 1980 an. Beinahe vier Jahrzehnte geht er auf in der Sisyphusarbeit des Parlaments. 2017 gab Brok, als letzter Mann aus den Tagen Helmut Kohls, seinen langjährigen Posten als Vorsitzender des Außenausschusses an David McAllister ab. Einigen gilt er trotzdem bis heute als die europäische Stimme der Christdemokraten. Auf das Ende der Abgeordnetentätigkeit hat sich der gewiefte Ostwestfale vorbereitet: "Irgendwann erwischt es jeden", sagte Brok im Herbst dem "Deutschlandfunk", wo er einst volontierte. "Das muss man, glaube ich, gelassen sehen." Mitunter neigt Brok, der einmal wegen eines Beraterjobs für Bertelsmann in der Kritik stand, zu Wutanfällen. Das sagen diejenigen, die länger mit ihm gearbeitet haben. Politische Gegner loben seine außenpolitische Einschätzungsgabe, seine Fähigkeit, Kompromisse zu schmieden. Weil aber, wie manche lästern, nur seine Erfahrung größer sei als seine Expertise, habe er den Ausschuss zuweilen nach Gutsherrenart geführt. Brok freut sich auf "das Wagnis eines Neuanfangs" Durch den Brexit, die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und die "Verwundbarkeit der EU" sieht Brok in Europa eine dringende Notwendigkeit zur Veränderung – vor allem angesichts der "Denkweise der Mitgliedsstaaten". Er hält es für "überholt, außen- und sicherheitspolitische Überlegungen aus einer engstirnigen, nationalen Perspektive anzustellen". Engstirnigkeit zu überwinden, team- und ergebnisorientiert aufzutreten, an der Einheit Europas zu feilen – "das war das Lebenswerk Elmar Broks", sagt Laschet. Er sei "sicher, dass er auch ohne Mandat weiter für Europa wirkt. Mir bleibt er ein wichtiger Berater und guter Freund". Elmar Brok ist gespannt auf die Etappe nach der Politik. So ganz kann er allerdings noch nicht loslassen: Er sei ja gerade erst in den CDU-Bundesvorstand gewählt worden und in den Vorstand der Europäischen Volkspartei. Abgesehen von der Union freue er sich "auf das Wagnis eines Neuanfangs".

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