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Zum Stichtag 30. Juni 2017 waren in NRW 32.300 Menschen wohnungslos gemeldet, nahezu 30 Prozent mehr als im Vorjahr. - © picture alliance
Zum Stichtag 30. Juni 2017 waren in NRW 32.300 Menschen wohnungslos gemeldet, nahezu 30 Prozent mehr als im Vorjahr. | © picture alliance

Düsseldorf Zahl der Wohnungslosen in NRW ist rasant gestiegen

Der Verlust der Wohnung gehört nach Hunger zu den schlimmsten Kennzeichen von Armut

Florian Pfitzner
03.08.2018 | Stand 03.08.2018, 17:22 Uhr

Düsseldorf. In Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Wohnungslosen sprunghaft gestiegen. Zum Stichtag 30. Juni 2017 waren 32.300 Menschen wohnungslos gemeldet, nahezu 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Das geht aus dem Wohnungsnotfall-Bericht des Sozialministeriums hervor. Sachverständige vermuten eine hohe Dunkelziffer und verlangen von der Landesregierung, der Not entgegenzuwirken. Wer als wohnungslos registriert ist, lebt in Obdachlosenunterkünften oder Hilfseinrichtungen in freier Trägerschaft, andere schlafen zunächst bei Freunden. Einigen droht dagegen, die Nächte in Parks, Gartenlauben oder U-Bahnstationen zu verbringen. „Jeder wohnungslose Mensch ist einer zu viel", sagt Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU). Klar sei aber auch: „Niemand muss in Deutschland unter freiem Himmel leben, egal ob Deutscher oder Nicht-Deutscher." Zuständig für die Unterbringung wohnungsloser Menschen sind die Kommunen. Sie nennen zwei Gründe für den Anstieg: den überhitzten Wohnungsmarkt und die Unterbringung von anerkannten Asylbewerbern. 37 Prozent der erwachsenen Wohnungslosen haben keine deutsche Staatsangehörigkeit, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 8,7 Prozent. Der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisiert eine verfehlte Wohnungspolitik. „Wir hinken nach wie vor hinter dem Bedarf an Sozialwohnungen hinterher", sagt Sylvia Rietenberg vom Paritätischen NRW. „Inzwischen geht die Verfügbarkeit an billigem Wohnraum sogar in den Kreisen zurück, in den Städten war das eh zu erwarten." Der Wohnungsmarkt ist angespannter denn je Da zeigt sich der Wohnungsmarkt angespannter denn je. Doch auch wegen der Hilfsangebote melden sich in den größeren Städten häufiger wohnungslose Menschen als in ländlichen Regionen. Die kreisfreien Städte haben landesweit im Durchschnitt 27 Wohnungslose je 10.000 Einwohner gezählt, die Kreise hingegen zwölf. Die Spanne reicht von zwei Wohnungslosen auf 10.000 Einwohner im Kreis Höxter bis hin zu 80 wohnungslose Menschen in Düsseldorf. Gleichwohl ist die Zahl im Regierungsbezirk Detmold von 1.671 im Jahr 2014 auf zuletzt 2.909 gestiegen. NRW ist bislang das einzige Bundesland, das regelmäßig eigene Zahlen zur Wohnungslosigkeit erhebt. Jeder siebte Wohnungslose ist demzufolge minderjährig, mehr als zwei Drittel der erfassten Menschen sind männlich. Frauen fallen laut der Freien Wohlfahrtspflege oft aus den Tabellen heraus, weil sie länger irgendwo unterkommen – wenngleich nicht selten in prekärer Lage. Die Landesregierung erwägt, die Mittel für die Wohnraumförderung um 300 Millionen Euro auf 1,1 Milliarden Euro aufzustocken. Nach Meinung des Paritätischen reicht das kaum, um der grassierenden Wohnungsnot entgegenzutreten. So habe die NRW-Regierung vor, das Fördervolumen für den sozialen Wohnungsbau zu kürzen, gleichzeitig erhöht sie die Mittel für die Eigentumsförderung. „Aus unserer Sicht setzt die Koalition damit völlig falsche Prioritäten", sagt Rietenberg. „In erster Linie brauchen wir bezahlbaren Wohnraum, gerade für Menschen mit geringem Einkommen." "NRW sollte wieder eine eigene Wohnungsbaugesellschaft einrichten" Der Vorsitzende der SPD in NRW, Thomas Kutschaty, sieht darin die häufig versprochene klassische Heimatpolitik. „Viele Menschen haben Sorgen, ob sie in ihren Stadtvierteln noch Wohnungen finden und sich dann auch noch leisten können." Der Wohnungsmarkt sei „fast überall leergefegt". Prognosen gehen bis 2020 von einem Bedarf von 400.000 neuen Wohnungen aus. „Das schafft die private Wirtschaft allein nicht mehr", sagt Kutschaty, „deswegen brauchen wir eine Korrektur: NRW sollte wieder eine eigene Wohnungsbaugesellschaft einrichten." Das bringe Stabilität in die Kommunen. Der sozialpolitische Sprecher der Grünen, Mehrdad Mostofizadeh, dringt auf die Weiterführung des Programms „Housing first". Einem Hilfsangebot, bei dem suchtkranke Wohnungslose ohne Vorbedingungen an Therapieteilnahmen einen Mietervertrag bekommen. „Dafür braucht es eine kommunale Wohnungsaufsicht sowie die Unterstützung von hilfsbedürftigen Personen in Krisensituationen, damit es gar nicht erst zur Obdachlosigkeit kommt."

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