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Die AfD will ihre Heimat zurück. Andere Parteien finden das Verschandeln des Begriffs überhaupt nicht gut. - © dpa
Die AfD will ihre Heimat zurück. Andere Parteien finden das Verschandeln des Begriffs überhaupt nicht gut. | © dpa

Politik Wie Parteien versuchen, der AfD den Begriff "Heimat" abzujagen

Miriam Scharlibbe
21.10.2017 | Stand 28.10.2017, 18:50 Uhr

Bielefeld. Heimat, das klingt nach Sonntagsbraten, Kinderzimmer, Waldspaziergang. Heimat klingt aber auch nach Populismus und wütenden Demonstranten, es klingt nach AfD. Neuerdings aber soll Heimat auf der politischen Landkarte wieder in der Mitte liegen. Bei der CDU. Im Herzen der Sozialdemokratie. Sogar die Grünen wollen Heimatpartei werden. Wann ist dieser viel benutzte und oft missbrauchte Begriff zum neuen Hit der Politik geworden? Eine Bestandsaufnahme. Wird im politischen Kontext über Heimat gesprochen, hat das in Deutschland einen Beigeschmack. Der Grad zwischen Bewahren und Abschotten ist schmal. Tradition und Toleranz vertragen sich nicht immer. Die Geschichte hat die Deutschen gelehrt im Zweifel besser nicht zu viel Patriotismus an den Tag zu legen – es sei denn, es ist Fußball-WM. Dann sind wir alle Schwarz-Rot-Gold. Heimatfarben. Doch mit dem Erfolg der rechtspopulistischen AfD ändert sich der öffentliche Sprachgebrauch. Im Bundestagswahlkampf warb die Partei mit Slogans wie „Unser Land, unsere Heimat" oder „Hol Dir Dein Land zurück". Ihr Credo: Menschen, die neu nach Deutschland kommen, verändern das, was wir als Heimat kennen und lieben – zum Negativen. Lange haben sich die etablierten Parteien über diese Hetze empört. Steinmeier: "Heimat ist mehr als 'wir gegen die'" Kaum aber hat es die selbst ernannte Heimat-Partei in den Bundestag geschafft, reklamieren andere den Begriff für sich. „Die Sehnsucht nach Heimat, nach Sicherheit, Entschleunigung, Zusammenhalt und Anerkennung, dürfen wir nicht den Nationalisten überlassen", sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Heimat müsse mehr sein als „Wir gegen die" und der „Blödsinn von Blut und Boden". Lob gab es dafür von Grünen-Chef Cem Özdemir. Es sei gut, „dass der Bundespräsident den Heimatbegriff positiv besetzt und nicht denen überlässt, die unser Land spalten wollen". Robert Habeck, ebenfalls Grünen-Politiker und stellvertretender Regierungschef in Schleswig-Holstein forderte: „Politik muss auch eine Idee formulieren, eine Heimatidee, eine Identitätsidee." Habeck konkretisierte: „Ich bin sehr dafür, dass wir Grüne Begriffe wie Heimat und Deutschland nicht der AfD überlassen. Wir müssen sie mit unseren Geschichten füllen." Er habe erlebt, dass Menschen sich über die Tradition ihrer Orte, ihres Berufs, ihrer Heimat definierten. Da verbiete sich jede Form von Verächtlichkeit. „Wir müssen uns trauen, über Begriffe wie Heimat und Patriotismus zu reden, sie für uns zu reklamieren und sie definieren. Heimat ist der Raum, in dem wir leben, den wir gestalten, gleich, woher wir kommen. Heimat ist unser Zusammenleben", so Habeck. Nur zu sagen, „wählt nicht die AfD", helfe nicht. SPD will "moderne Heimatpartei" werden Andere Grüne mokierten sich indes darüber, dass Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt von einer Liebe zur Heimat spricht. Das Wort sei „herkunftsbezogen und zudem tendenziell ausgrenzend". Es ist zu belastet, reserviert für Nazis, die sich zum Beispiel in der rechtsradikalen Gruppe Thüringer Heimatschutz tummeln. Während die Grünen noch um ihre Definition von Heimat ringen, hat sich Michael Groschek Vorsitzender der SPD in Nordrhein-Westfalen festgelegt: „Wir wollen eine moderne Heimatpartei werden", so Groscheks Vision für die durch Wahlniederlagen gebeutelten Sozialdemokraten. Gerade die junge Generation gehe damit ganz unbefangen um. „Schauen Sie sich nur die Oktoberfest-Welle im Ruhrgebiet an. Das drückt Sehnsucht aus nach einem Ort des Wohlfühlens, an dem man sich gut aufgehoben und zu Hause fühlt", sagte Groschek. Die Union, die bei der Bundestagswahl viele Stimmen an AfD-Wähler verlor, hat bereits 2013 ihrem bayrischen Staatsministerium der Finanzen das Ressort Heimat zugeordnet. In NRW hat die neue schwarz-gelbe Landesregierung ein Heimatministerium gegründet. Und die FDP setzte im Wahlkampf zwar weniger auf romantische Idylle, aber auf Schwarz-Weiß-Fotos. Die Kampagne wurde allerdings von einer Berliner Werbeagentur erarbeitet, die einen verheißungsvollen Namen hat: Heimat.

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