Schweinehälften: Blick ins Kühlhaus eines Schlachthofs in Niedersachsen. - © Mohssen Assanimoghaddam
Schweinehälften: Blick ins Kühlhaus eines Schlachthofs in Niedersachsen. | © Mohssen Assanimoghaddam

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Fleischindustrie Endstation Schlachthof: Horrorfilm ohne Zuschauer

Die Elektrobetäubung wird künftig komplett videoüberwacht. Veterinäre und Juristen fordern aber auch eine komplette Videoüberwachung der CO2-Betäubung bei Schweinen

Wolfgang Große-Westermann
17.04.2019 | Stand 18.04.2019, 18:53 Uhr

Bielefeld. Bundesweit werden im Jahr 57 Millionen Schweine geschlachtet. Jüngste Vorkommnisse haben gezeigt, dass in einigen Bereichen des Schlachtablaufes Verbesserungspotenzial im Tierschutz besteht. Vor diesem Hintergrund hat die NRW–Landtagsfraktion der CDU im Februar einen Antrag auf Videoüberwachung in Schlachthöfen auf den Weg gebracht – der Antrag befindet sich nun im Bundestag. Überwacht werden sollen Abladen, Stall, Zutrieb, Betäubung und Entblutung.

Gängige Betäubungspraxis in 90 Prozent aller großen Schlachtbetriebe ist die CO2-Betäubung. Die Schweine werden zu mehreren Tieren in eine Gondel getrieben, die dann wie ein Fahrstuhl in eine Grube fährt. Im Inneren des Schachtes herrscht eine 90-prozentige CO2-Konzentration. Da Kohlendioxid schwerer ist als Luft, sammelt sich das Gas am Boden der Grube. Nach etwa 100 Sekunden fährt die Gondel wieder hinauf. Was beim Auswurf der betäubten Tiere sauber aussieht, entpuppt sich als heiß diskutiertes Thema. CO2 ist ein stark reizendes Gas. Die Betäubung tritt nicht sofort ein, sondern erst nach 20 oder – nach neuen Erkenntnissen – erst nach 60 Sekunden. Bis dahin leiden die Schweine unter Atemnot, Hyperventilation und Verbrennungen der Mund- und Nasenschleimhäute. Sie zeigen starke Abwehrreaktionen, panikartige Fluchtversuche und äußern schrille Schreie.

„Panikartige Fluchtversuche und schrille Schreie"

Dieses Verfahren ist laut EU-Verordnung von 2009 legalisiert. Man hatte seinerzeit zwar Gutachter-Empfehlungen zur Kenntnis genommen, aus dieser Praxis schrittweise auszusteigen, sie aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht in die Tat umgesetzt. Es soll aber nach Alternativen geforscht werden.

Wissenschaftler und Veterinäre protestieren gegen die Entwicklung heftig. Zuständige Forschungseinrichtung des Bundes für alternative Betäubungsarten ist zur Zeit das Friedrich-Löffler-Institut. Das Institut teilte mit, dass Versuche mit Helium und Argon zwar erfolgreich waren, sich aber nicht in die Praxis umsetzen ließen. Helium sei zu knapp, bei Argon gebe es eine zu geringe Zeitspanne zwischen Betäubung und Entblutung. Favorisiert würde momentan eine Kombination von CO2 und Argon. Das Schwein nimmt Argon nicht wahr.

Der Grund für die Verbreitung der CO2-Betäubung liegt in wirtschaftlichen Vorteilen gegenüber der Elektrobetäubung. Durch das gleichzeitige Betäuben mehrerer Schweine ist eine deutlich höhere Stundenleistung mit weniger Personalaufwand möglich.

"Der größtmögliche Stress, Angst und Schmerz"

Während die seltene Elektrobetäubung künftig videoüberwacht sein soll, ist das für den Betäubungsvorgang im Inneren der CO2-Schächte nicht geplant. Daher fordert etwa die BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Fleischhygiene, Tierschutz und Verbraucherschutz) eine komplette Überwachung des Betäubungsvorganges. „Die Überwachung wurde bislang zeitversetzt 40 Sekunden nach dem Auswurf der Tiere vorgenommen. Eine Kameraüberwachung im CO2-Schacht brächte sicher einen Informationsgewinn über den Ablauf der Betäubung", erklärt der BAG-Vorsitzende Kai Braunmiller. „CO2 reizt die Atemwege und verdrängt in den Lungenbläschen den Sauerstoff. Das Tier nimmt dies deutlich als Ersticken war." Es sei „der größtmögliche Stress, Angst und Schmerz, den man anhand der bis zur 1.000-fachen Ausschüttung von Stresshormonen im Blut des Tieres nachweisen konnte."

Ähnlich äußert sich die Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht (DJGT). „Die Videoüberwachung der CO2-Schächte wird seitens der DJGT für sehr sinnvoll gehalten", da so „gezeigt werden könnte, dass Schweine extrem unter dieser Art der Betäubung leiden", so die Gesellschaft. „Die Praxis der CO2-Betäubung verstößt gegen das Tierschutzgesetz. In ihm ist es verboten, Tiere ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Rein wirtschaftliche Erwägungen können kein Grund für das Leiden der Tiere sein."

"Tönnies hat seit vielen Jahren Videokameras"

„Wir unterstützen die Initiativen zur Videoüberwachung der tierschutzrelevanten Bereiche am Schlachthof", erklärte André Vielstädte, der Sprecher des Rheda-Wiedenbrücker Schlachtkonzerns Tönnies, auf Anfrage. „Tönnies hat bereits seit vielen Jahren Videokameras in den tierschutzrelevanten Bereichen der Anlieferung, des Stalls, des Zutriebs und der Betäubung installiert." Speziell in den CO2-Schächten hielten die Fachleute des Konzerns eine Videoüberwachung aber für „nicht notwendig". Hier gebe es keine Interaktion zwischen Menschen und Tieren, bei der eine missbräuchliche Behandlung möglich sei. Die eigentlich Betäubung werde zugleich durch technische Parameter – wie die Höhe der Gas-Konzentration – überwacht.

Bei Westfleisch in Münster hieß es, man habe keine Kenntnisse über wissenschaftliche Untersuchungen, welche Betäubungsart „besser" sei.

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