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Mit Siegel: Imker unterstützen natürlich die Bienenstrom-Aktivistin. - © Joachim Göres
Mit Siegel: Imker unterstützen natürlich die Bienenstrom-Aktivistin. | © Joachim Göres

Artenschutz Bienenstrom gegen das Insektensterben

Landwirte bauen statt Mais vermehrt Wildpflanzen für Biogasanlagen an

Joachim Göres
27.01.2019 | Stand 31.01.2019, 19:09 Uhr

Celle/Delbrück. Seit vergangenem Jahr bieten die Stadtwerke Nürtingen bundesweit Bienenstrom an. Bisher 200 Kunden zahlen pro Kilowattstunde einen Aufschlag von einem Cent. Das Geld kommt rund einem Dutzend Landwirten auf der Schwäbischen Alb zu Gute, die als so genannte Blühpaten auf insgesamt 19 Hektar statt wie früher Mais nun Wildpflanzen anbauen und dabei auf den Einsatz von Pestiziden verzichten. Da der Energieertrag von Wildpflanzen bei der Verarbeitung in der Biogasanlage geringer ist als der von Mais – pro Hektar macht das je nach Boden und aktuellem Weizenpreis 300 Euro und mehr aus – bekommen die Landwirte als Anreiz für die Umstellung pro Hektar einen festgelegten Betrag von den Stadtwerken Nürtingen.

Von der Umstellung profitieren Bienen und andere Fluginsekten, die unter den Maismonokulturen leiden und deren Aufkommen in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen ist. „Besonders bei den Wildbienen ist ein positiver Effekt zu beobachten", sagt Walter Haefeker, Präsident des Europäischen Berufsimkerverbandes und Vorstandsmitglied des deutschen Berufs- undErwerbsimkerbundes (DBIB).

Haefeker sprach auf dem vom DBIB veranstalteten Großen Celler Imkertagen, mit rund 2.500 Besuchern bundesweit eine der größten Fachveranstaltungen. „Es gibt genügend Landwirte, die bei Ausgleichszahlungen wie in Nürtingen praktiziert zu einer Umstellung auf Wildpflanzen bereit sind, um so etwas für ein besseres Image der Landwirtschaft zu tun", sagt der bayrische Berufsimker und fügt hinzu: „Der Erfolg dieser Idee hängt von der Zahl der Stromkunden ab, die diesen zusätzlichen Cent zahlen."

Motivation ist die Sorge um die Zukunft

Er sieht dafür gute Chancen, gerade bei älteren Menschen, die noch nie ihren Energieversorger gewechselt haben. „Ich erlebe häufiger, dass die Sorge um die Zukunft der Bienen und der Natur sie motiviert, aktiv zu werden", berichtet Haefeker. Er sucht dafür zudem weitere Energieversorger als Anbieter von Bienenstrom. „Wenn es einen Anbieter vor Ort gibt und die Menschen in ihrer Region sehen können, wie einstige Maisflächen zu Blühlandschaften werden, sind sie eher zum Umstieg auf Bienenstrom bereit", ist er überzeugt. In Celle habe die Stromversorgung Osthannover (SVO) bereits Interesse an demModell bekundet, auch in Regionen mit großen Maisflächen gebe es häufiger Nachfragen von Energieerzeugern.

In Delbrück hat Richard Schulte 2014 auf 20 Hektar Maisflächen in Wildblütenfelder verwandelt. Die Blühpflanzen verarbeitet er nach der Ernte im Herbst in seiner Biogasanlage, den so erzeugten Strom verkauft er an Eon. „Ich bekomme dafür keinen finanziellen Ausgleich, sondern ich will etwas für die Bienen tun. Außerdem profitiere ich davon auch als Jäger: Die Blühlandschaften sind zu einem Rückzugsgebiet von Hasen, Rebhühnern und Fasanen geworden", sagt der Geschäftsführer des Geflügelhofes Franz Schulte. Er hofft, dass es künftig viel mehr solcher Flächen geben wird. „Dafür muss aber ein Förderprogramm her, damit mehr Landwirte mitmachen."

Mais bekommt durch den Klimawandel Probleme

Klaus Ahrens, Imker im niedersächsischen Müden/Örtze und DBIB-Vizepräsident, betont weitere Vorzüge der Wildblütenpflanzen:„Durch den Klimawandel bekommt der Mais immer mehr Probleme. Bei Starkregen kann der Boden von Wildblütenpflanzen viel mehr Wasser aufnehmen, bei großer Trockenheit können sie länger Wasser speichern." Ahrens ist selber Kunde von Bienenstrom – ein Etikett auf seinen Gläsern könnte künftig darauf hinweisen, dass sein Honig mit Bienenstrom geschleudert wurde.

Der Bienenstrom der Stadtwerke Nürtingen ist zu 100 Prozent Ökostrom, der in alpinen Wasserkraftwerken erzeugt wird. Er stammt nicht aus den Biogasanlagen der Blühpaten-Landwirte. Im Gegensatz zu reinen Anbietern von Ökostrom bieten die Stadtwerke Nürtingen auch Strom aus fossilen Energieträgern an. Haefeker hatte übrigens auch Ökostromunternehmen wie Greenpeace Energy, Naturstrom und EWS Schönau das Bienenstrommodell vorgestellt: „Sie waren nur mäßig interessiert. Die sind mit ihrer eigentlichen Aufgabe voll beschäftigt."

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