Aufgrund von Lieferengpässen können mehrere Tankställen in NRW kein Diesel und Benzin mehr anbieten. - © Verwendung weltweit
Aufgrund von Lieferengpässen können mehrere Tankställen in NRW kein Diesel und Benzin mehr anbieten. | © Verwendung weltweit

Niedriger Rhein-Pegel Lieferengpässe: Den ersten Tankstellen geht der Sprit aus

Der niedrige Pegelstand des Rheins sorgt für Lieferengpässe - erste Tankstellen sitzen auf dem Trockenen. Obwohl der Rohölpreis sinkt, werden Benzin und Diesel immer teurer.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Lemgo/Bottrop/Aachen. Die hohen Preise für Benzin und Diesel werden den Autofahrern in Deutschland noch länger erhalten bleiben. Obwohl die Ölpreise seit ihrem Jahreshoch vor einem Monat wieder gefallen sind, merken Kunden an den Zapfsäulen davon wenig - die Preise steigen weiter. In Nordrhein-Westfalen ist nun ersten Tankstellen aufgrund von Lieferengpässen der Sprit ausgegangen. Probleme gibt es auch in Ostwestfalen-Lippe. Anfang Oktober kostete ein Liter Diesel im bundesweiten Schnitt noch 1,34 Euro. Ende des Monats waren es bereits 1,42 Euro. "Mitunter zahlen Dieselfahrer bis zu 1,50 Euro pro Liter", sagt Ralf Collatz,  Sprecher des ADAC Ostwestfalen-Lippe. Benzin verteuerte sich im Laufe des Monats nach Daten des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) von 1,49 Euro auf 1,53 Euro je Liter. Im gleichen Zeitraum sank der Preis für ein Barrel Rohöl der Nordsee-Sorte Brent jedoch um elf Prozent auf umgerechnet 66,40 Euro. Eigentlich können sich Verbraucher laut MWV darauf verlassen, dass die Preise von Kraftstoffen und Heizöl ungefähr mit dem Preis für Rohöl und dem Dollar schwanken. In diesem Herbst aber kommen Entlastungen an den Märkten bei den Verbrauchern nicht an. Schwierige Versorgungssituation Grund ist die extreme Trockenheit, die seit dem Frühjahr die Pegelstände der Flüsse sinken lässt. Nach Angaben des deutschen Wetterdienstes war auch der Oktober zu trocken. Insgesamt fielen nur halb so viele Niederschläge wie im langjährigen Mittel. Zudem deute der Start in den November ebenfalls auf zu hohe Temperaturen und zu geringe Niederschlagsmengen hin. Die Folge: In Deutschland besteht aktuell eine schwierige Versorgungssituation. "Wegen der monatelangen Trockenphase führen viele Flüsse Niedrigwasser, deshalb sind weniger Öltransporte möglich", erklärt Oliver Klapschus, Sprecher des Vergleichsportals „Heizoel 24", dem rund 500 Händler aus Deutschland ihre Preise melden. "Auf dem Rhein können Schiffe aktuell nicht mal die Hälfte der üblichen Ladung aufnehmen." Laut MWV werden auf Flüssen wie dem Rhein Kraftstoffe, Heizöl und Kerosin transportiert. "Ersatz für die Tankschiffe auf Schiene oder Straße zu schaffen, ist wegen knapper Kapazitäten jedoch schwierig und teuer", erklärt Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Tankstellengewerbes (ZTG). "Die Ladung eines Tankschiffes entspricht etwa 400 Tankwagen, deshalb ist ein Ausgleich nicht einfach zu organisieren." Bundesregierung gibt Vorräte frei Die Produkte kommen daher nicht zum Kunden oder allenfalls zu deutlich höheren Preisen. "In Bottrop und Aachen sind aufgrund der Lieferengpässe bereits mehrere Tankstellen trocken gelaufen", weiß Ziegner. Auch in OWL gibt es Probleme. "In Lemgo gibt es Tankstellen, die ihre Kunden nicht mehr versorgen können", erklärt Thomas Drott, Geschäftsführer des Bundesverbands Tankstellen und Gewerbliche Autowäsche Deutschland mit Sitz in Minden. "Besonders dramatisch ist die Situation in West- und Süddeutschland.  Im Norden gibt es derweil keine Probleme, weil die Regionen nicht vom Rhein abhängig sind", ergänzt Ziegner. Drott bittet verärgerte Autofahrer um Verständnis. "Ich kann verstehen, dass sich Autofahrer ärgern, wenn sie nicht tanken können, aber die Pächter und Mitarbeiter der Tankstellen können nichts für die Logistikprobleme." Vor allem die Pächter leiden unter den Logistproblemen, weil sie Kunden verlieren. "Wir erleben häufig, dass wütende Autofahrer in die Tankstellen stürmen und ihre Wut an den Mitarbeitern auslassen." Die hohen Spritpreise sind nach Angaben des ADAC jedoch trotzdem nicht für alle Regionen gerechtfertigt.  "In betroffenen Gebieten wie dem Rheinland sind die hohen Preise aufgrund der Logistikprobleme nachvollziehbar, aber nicht flächendeckend. Da konzentrieren sich die Unternehmen offenbar auf die Gewinnmaximierung und nutzen die Logistikprobleme aufgrund des Niedrigwassers als Ausrede." Branche gibt keine Entwarnung Um die betroffenen Regionen in Deutschland zu unterstützen, hat die Bundesregierung Vorräte des Erdölbevorratungsverbands freigegeben, weil der niedrige Wasserstand des Rheins die für die Wirtschaft wichtige Versorgung mit Erdölprodukten beeinträchtigt. Die Freigabe betrifft laut Ministerium 84.000 Tonnen Ottokraftstoff und 180.000 Tonnen Diesel für Autos sowie 67.000 Tonnen Treibstoff für Flugzeuge. Die Freigabe der Erdölvorräte ist eine außergewöhnliche Maßnahme, die sonst nur bei Naturkatastrophen und internationalen Konflikten eingeleitet wird. Das kam in der Geschichte des Verbandes bislang nur drei Mal vor. Mit Blick auf die kommenden Monaten gibt die Mineralölbranche keine Entwarnung: "Wir können nicht sagen, wann sich die Situation entspannt, weil die Lage vom Pegelstand des Rheins abhängt", sagt ein MWV-Sprecher. Auch bei Regen steigen die Pegel der Flüsse nur langsam. "So lange die Probleme in der Lieferkette anhalten, müssen die Autofahrer dafür bezahlen." Deshalb hält der Mineralölwirtschaftsverband eine temporäre Aufhebung des Sonntagsfahrverbots für Tanklaster als Entschärfung der Situation für sinnvoll.

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