Die Zeche Prosper Haniel in Bottrop macht Ende des Jahres dicht. Damit schließt die letzte Zeche des Ruhrgebiets. - © picture alliance/imageBROKER
Die Zeche Prosper Haniel in Bottrop macht Ende des Jahres dicht. Damit schließt die letzte Zeche des Ruhrgebiets. | © picture alliance/imageBROKER

Bottrop Schicht im Schacht: Im Ruhrgebiet schließt die letzte Zeche

Industriegeschichte: Nach 150 Jahren geht der Steinkohlenbergbau in Deutschland zu Ende. Auf Prosper-Haniel, der letzten Zeche im Ruhrgebiet, stellen sich die Bergmänner mit gemischten Gefühlen auf die Schließung ein

Florian Pfitzner

Bottrop. Mächtige Walzen schrauben sich in das Flöz, Wasser spritzt aus Zapfen, fängt den groben Staub. Steinkohle kracht herab, ein Metallband schleppt sie aus dem schwarzen Gang. Hinter dem Stahlgerüst sackt das Gebirge ein, der "Alte Mann". Stoisch warten Bergleute mit rußigen Gesichtern das Gebrüll der Maschine ab. Es ist einer der letzten Fördergänge auf der Zeche Prosper-Haniel, in drei Monaten wird sie dichtgemacht - Schicht im Schacht. Über dem Streb, dem Abbauraum, lasten 1.200 Meter Gestein. Jahr um Jahr haben die Bergmänner in dem Revier bei Bottrop vier Millionen Tonnen Kohle gefördert. Vorbei. Auf Prosper-Haniel, dem letzten Bergwerk im Ruhrgebiet, fahren jeden Tag weniger Kumpel ein. Der Bergmann, er fährt - auch wenn er läuft. Über den Drehtüren der An- und Ausfahrt steht mit Kreide das Kürzel für "Christus mansionem benedicat" - "Christus, segne dieses Haus". "Richtige Rupper" - Dreißig Jahre vor Kohle "Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt", singt Herbert Grönemeyer in seiner Ode an Bochum. Geprägt von der Steinkohle galt das Ruhrgebiet als Motor des Wirtschaftswunders. 150 Millionen jährlich geförderte Tonnen deckten zwei Drittel des deutschen Energieverbrauchs. In der Hochphase des Steinkohlenbergbaus, in den 1950er-Jahren, zählte der Industriezweig 607.000 Beschäftigte, 496.000 allein an der Ruhr. Tausend Männer gibt es noch auf Prosper-Haniel. Der Förderkorb in Schacht 10 scheppert in die Tiefe. Vierzig Bergleute auf Seilfahrt. Man prüft das Geleucht, steckt die Grubenlampe an den Helm und Schnupftabak in die Nase. Unten angekommen, schiebt sich die Mannschaft durch zugige Korridore. "Glückauf", der alte Bergmannsgruß, ist hier mehr als Folklore. Man ist einsilbig, streicht das Glück, sagt nur knapp: "Auf!". Andreas Stieglan gehört zu den "richtigen Ruppern", erzählen sie im Kumpelkreis. Dreißig Jahre vor Kohle. Schweiß liegt auf seiner Stirn. Die Walze im Streb ist ruhiggestellt, heute hat sie noch mal zehn Meter geschafft. Stieglan hat lange in der Enge eines niedrigen Flözes gearbeitet, zigmal habe er die Schufterei verflucht, sagt er. "Wir sind durch den kleinen Streb gerutscht, das geht auf die Knochen." Trotzdem werde ihm die Maloche fehlen, die Gemeinschaft unter Tage. "Kohle unter der Haut" Der Niedergang der Zechen setzte zu Beginn der 1960er Jahre ein. Erdöl, Gas und Strom aus neu gebauten Kernkraftwerken verdrängten die Kohle. In der Bundesrepublik vereinbarte man erste Staatshilfen für unrentable Bergwerke. Die RAG, 1969 als Stabilisator der Steinkohle gegründet, schätzt die Höhe der Subventionen für den "sozialverträglichen Rückzug" heute auf rund 130 Milliarden Euro. Pause auf Prosper-Haniel, André Bulka beißt in sein Brot. Subventionen habe es ja auch woanders gegeben, sagt er. Bulka hat Revierschlosser gelernt. Er ist 46, es dauert noch eine Weile bis zum Vorruhestand, der langjährig unter Tage Beschäftigten ab 50 offensteht. Bulka hat Glück, er wird in der Konzernsparte Technik und Logistikdienste gebraucht. Die Fachabteilung organisiert den Rückzug, räumt die Gruben aus. Was wird bleiben? Bulka sagt: "Die Kohle unter meiner Haut." Echte Männer, ehrliche Arbeit, dafür steht der Bergbau seit eineinhalb Jahrhunderten. Nach der Sage ist ein Hirtenjunge auf das schwarze Gold in der Region gestoßen. "Er hat ein Feuer gemacht und anne Ruhr übernachtet", erzählt Grubenführer Dirk Tomke, gelernter Steiger. In der Früh war das Holz verbrannt, "dafür waren die Steine am Glühen". Der Hirte prüfte nach, "jo, dat Zeug brennt". Er sammelte die Kohlen ein, die ersten Zechen wurden in die Tiefe gesetzt, "abgeteuft". Einige Männer bleiben unter Tage Niemand soll "ins Bergfreie" fallen, heißt es im Kumpeljargon, seit die Industrie dem Untergang geweiht ist. Einige Fachkräfte haben längst neue Jobs gefunden, bei der Feuerwehr oder der Bahn. Wenn die letzte Kohle gefördert ist, bleibt Prosper-Haniel zunächst offen. Ismail Colak wird wie Schlosser Bulka die Grube ausräumen, "alles, was nicht niet- und nagelfest ist". Der 46-Jährige sitzt nach der Frühschicht in der Kantine. Kaffee 70 Cent, Frikadelle 1,50 Euro. Bald gehört er endgültig zu den letzten Bergmännern. "Ich werde traurig sein." Die RAG hat nach dem Ende des Bergbaus im Dezember genug zu tun. Mit großen Pumpen muss sie das salzhaltige Gruben- vom Trinkwasser fernhalten. In der Region tragen sie regelmäßig Konflikte aus über Bergschäden. Ganz in der Nähe der Zeche geriet ein Gebäude in Schieflage. Es musste aufwendig gesichert werden. In Bottrop wehren sich Bürger gegen Verschmutzungen einer Kokerei. Der schmierige Staub macht den Atemwegen zu schaffen. Unter Tage ist die Luft sauberer geworden. Staublungen gibt es heute selten. "Irgendwelche Einschränkungen hat aber jeder", sagt Colak, "Rücken, Knie." Der Geist unter Tage allerdings, der sei einmalig: "Herkunft und Religion spielen bei uns keine Rolle." Prosper-Haniel vereint Männer aus dreißig Nationen. "Man kann sich aufeinander verlassen", sagt Colak. "Wenn ich noch mal auf die Welt komme, will ich wieder auf Zeche."

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