Wer nach bestandener Fahrprüfung ein eigenes Auto hat, muss in der Regel hohe Versicherungsprämien in kauf nehmen. - © picture alliance/KEYSTONE
Wer nach bestandener Fahrprüfung ein eigenes Auto hat, muss in der Regel hohe Versicherungsprämien in kauf nehmen. | © picture alliance/KEYSTONE

Bielefeld Kfz-Versicherer bieten Fahranfängern Preisnachlass gegen persönliche Daten

Innovation: Junge Menschen können ihre Fahrweise über ein Telematik-System überwachen lassen. Wer besonnen fährt, spart Geld. Fahrlehrer und Datenschützer sind dazu geteilter Meinung

Alexandra Schaller

Bielefeld. Fahranfänger mit eigenem Auto müssen für ihre Kraftfahrzeug-Versicherung meist tief in die Tasche greifen. Große Kfz-Versicherer wie die HUK Coburg oder die Allianz haben dafür in den vergangenen Jahren eine Lösung auf den Markt gebracht, die immer mehr zum Trend wird: Wer seinen Fahrstil überwachen lässt, kann bei seiner Versicherung sparen. Das System stößt vor allem bei Datenschützern auf Kritik. Telematik heißt die Technik, die bereits seit einigen Jahren auf dem Vormarsch ist. Bereits 65.000 Fahranfänger nutzen etwa das "Smart Driver Programm" der HUK Coburg: Sie haben sich eine sogenannte Smart Driver Box im Innenraum ihres Fahrzeuges nicht sichtbar einbauen lassen. Via GPS werden damit unterwegs unter anderem Beschleunigung, Geschwindigkeit und Bremsverhalten gemessen. Aber auch Zeit und Ort der Fahrt fließen in die Bewertung mit ein. Letztlich entscheidet die Fahrweise darüber, wie viel pro Jahr an Versicherungskosten gespart werden kann. Bis zu 30 Prozent Nachlass sind maximal möglich. "Das kann durchaus ein hoher dreistelliger Betrag sein", sagt HUK Coburg-Sprecher Holger Brendel. Die Versicherung zielt mit Hilfe der neuen Technik nach eigenen Angaben darauf, Fahranfänger zu einem umsichtigeren Verhalten im Straßenverkehr zu bewegen. Dass das Unfallrisiko gerade bei Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren besonders hoch ist, belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Insgesamt sind demnach im Jahr 2016 in Deutschland fast 66.000 junge Männer und Frauen im Straßenverkehr verunglückt, 435 sogar tödlich. Langfristig ist jedoch ein Abwärtstrend zu erkennen. Seit 1991 hat sich die Zahl der verunglückten Fahranfänger um rund die Hälfte reduziert. Kritik am Telematik-System gibt es vor allem von Seiten der Datenschützer. Denn die Versicherungen geben zwar an, Personen- und Fahrdaten strikt zu trennen. Laut Kerstin Demuth von der Bielefelder Organisation Digitalcourage bleibt aber die Sorge, dass Unbefugte an sensible Daten der Fahranfänger gelangen könnten. "Vor allem wenn es um Standortdaten geht, lauert Gefahr", meint sie. Damit könnten Kriminelle sich nicht nur Informationen zu Wohnort oder Arbeitsplatz der jungen Menschen beschaffen. Im Endeffekt könnten private Tagesabläufe so komplett ausspioniert werden. So funktionieren die Systeme Verschiedene Systeme: Während die Teilnahme am Programm des Versicherungskonzerns Allianz jungen Menschen von 17 bis 28 Jahren möglich ist, bietet es die HUK Coburg Fahranfängern bis 25 Jahren sowie allen an, die erst maximal fünf Jahre ihren Führerschein besitzen. Für die Nutzung des Smart Driver Programms der HUK wird im Fahrzeug nicht sichtbar die sogenannte Smart Driver Box verbaut. Ohne Box läuft es beim "Allianz Bonus Drive" der Allianz. "Nötig ist lediglich die zugehörige Telematik-App auf dem Smartphone sowie ein bluetoothfähiges Radio oder - falls es sich um ein älteres Fahrzeug handelt - der mitgelieferte Bluetoothstecker", erklärt Allianz-Sprecherin Charlotte Gerling. In beiden Fällen kann über den GPS-Empfänger das Fahrverhalten beobachtet werden. "Dazu gehören Geschwindigkeit oder Bremsverhalten. Einzelne Fahrfehler fließen nicht in die Bewertung ein", erklärt Holger Brendel. Die Fahrdaten werden schließlich über einen Dienstleister verarbeitet und verschlüsselt zurück an die Versicherungen geleitet. Reichlich Sparpotenzial Bis zu 30 Prozent können laut den Sprechern im Jahr bei der Versicherungsprämie gespart werden - wenn man vorausschauend fährt und damit ausreichend Punkte für eine gute Bewertung sammelt. Laut Charlotte Gerling ist das auch durchaus zu schaffen. "Die vollen 30 Prozent sind bei uns keine Seltenheit", sagt sie. Gerade bei Fahranfängern könne sich das durchaus lohnen. "Einen hohen dreistelligen Betrag pro Jahr einzusparen ist bei einer rücksichtsvollen Fahrweise keine Seltenheit", meint sie. Verbraucherschützer plädieren dennoch dafür, sich nicht blind auf einen solchen Vertrag einzulassen. "Zuvor sollte in jedem Fall verglichen werden, ob eine andere Versicherung - auch ohne Telematik-Technik - doch noch günstigere Tarife für Fahranfänger anbietet", rät Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale NRW. Kritik hinsichtlich des Datenschutz Vor allem Datenschützer sehen ein großes Risiko in der Telematik-Technik. "Langfristig droht die Gefahr, dass es zur Regel wird, persönliche Daten im Austausch gegen günstige Versicherungstarife anzubieten", meint Kerstin Demuth von der Bielefelder Organisation Digitalcourage. Sie warnt vor einer drohenden Preisdiskriminierung. "Wer sich weigert, seine Daten zu übermitteln, zahlt dann eben mehr." Hier lauert auch nach Ansicht von Steffen Klöne, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht in der Bielefelder Kanzlei Dr. Stracke, Bubenzer und Partner, die Gefahr: "Wird die Einwilligung zum Muss, um eine Versicherung abschließen zu können, wäre die Freiwilligkeit nach der Datenschutz-Grundverordnung nicht mehr gegeben." Er sehe das gesamte System eher kritisch. "Wir werden damit immer mehr zum gläsernen Fahrer." Zwar sei das Risiko, dass ein potenzieller Unfallgegner in einem Zivilrechtsprozess Auskunftsanspruch bei der Versicherung geltend machen könne, eher gering. Kritisch könne es aber bei staatlichen Ermittlungsbehörden werden. "Geht es um Verkehrsunfälle mit Todesfolge oder etwa Terrorgefahr, ist durchaus vorstellbar, dass die Behörden die Versicherung zur Herausgabe der Daten zwingen können." Insgesamt sei die rechtliche Entwicklung noch unklar. Die Versicherer sehen im Datenschutz derweil kein Problem. Man habe sich bewusst für zwei getrennte Datenkreise entschieden, die Personen- und Fahrdaten strikt voneinander trennten, erklärt Allianz-Sprecherin Charlotte Gerling. Eine Herausgabe von Daten sei auch laut Holger Brendel nicht vorgesehen.

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