Stellen müssen seit Ende 2017 unter neuen Vorzeichen ausgeschrieben werden. - © picture alliance / Klaus Ohlenschläger
Stellen müssen seit Ende 2017 unter neuen Vorzeichen ausgeschrieben werden. | © picture alliance / Klaus Ohlenschläger

Gesellschaft Was Stellenanzeigen für "div" für tausende Menschen bedeuten

Bielefeld/Köln. Der 10. Oktober 2017 war der Tag der Revolution. "Ich konnte es gar nicht glauben, bin jetzt noch überwältigt", sagt Mika (Name der Redaktion bekannt). Seit diesem Tag ist für den Menschen, der sich als nicht-binär* und trans versteht, klar: Das Zwei-Geschlechter-System ist abgeschafft. Das hat Auswirkungen auf das Leben von Tausenden Menschen. Wenn es nach Mika geht, bald auf alle.

Das Bundesverfassungsgericht hat an diesem Tag entschieden, dass es für Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen oder zugehörig fühlen, eine Möglichkeit geben muss, dies positiv eintragen zu lassen. Der Weg für das oftmals fälschlich verwendete "3. Geschlecht", besser: die "Dritte Option" im Personenstandsrecht ist frei.

Mika gehört zu der Gruppe, die die Verfassungsbeschwerde eingereicht hatten. Eine Gesetzesgrundlage gibt es noch nicht, bisher hat das Bundesverfassungsgericht nur entschieden, dass die Regierung eine solche schaffen muss.

"Jetzt schon verfassungswidrig"

Vom Verfassungsgericht anerkannt zu bekommen, dass es mehr als nur männlich und weiblich, "dass es mich gibt", das war unvorstellbar befriedigend. "Ich muss bald hoffentlich niemandem mehr meine Existenz erklären", sagt Mika.

Die zweifellos wegweisende Entscheidung wirkt sich schon jetzt aus, zum Beispiel auf die Arbeitswelt. Denn Arbeitgeber müssen ihre Stellen geschlechtsneutral ausschreiben. Das bedeutet jetzt eben: auch für die sogenannte "Dritte Option". "Weil es jetzt schon verfassungswidrig ist, dieses in der Stellenausschreibung wegzulassen", erklärt Wolfgang Kleinebrink von der Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände.

Arbeitsrechtler Wolfgang Kleinebrink. - © Privat
Arbeitsrechtler Wolfgang Kleinebrink. | © Privat

Der Arbeitsrechtler berät Firmen und lehrt Strategisches Arbeitsrecht an der Hochschule Niederrhein. Er sagt: "Die Form der Kennzeichnung ist juristisch nicht wichtig. Wichtig ist, dass es eine gibt." Sie kann "div" für divers oder schlicht "x" lauten, aber auch andere Formulierungen sind denkbar.

"Es gibt keine Bezeichnung, auf die sich alle einigen können"

Mika findet die Reihung "m/w/div" in Stellenanzeigen eher schwach. Das "divers" enthalten ist, sei zwar ein Fortschritt. "Aber man könnte sprachlich noch mehr machen, aber das sind Kämpfe, die wahrscheinlich noch zu führen sind." Außerdem erinnert Mika an einen wichtigen Punkt: "Es gibt wahrscheinlich keine Bezeichnung, auf die sich alle nicht-binären Menschen einigen können."

Denn auch wenn verallgemeinernd von der "Dritten Option" die Rede ist: Die Menschen sind trotzdem unterschiedlich. Intersexuelle, die mit beiden Geschlechtsmerkmalen geboren werden und sich als intersexuell definieren, würden "inter" in Stellenanzeigen wohl begrüßen. Wer sich aber schlicht nicht im binären System wiederfindet, ist nicht auch intersexuell. Es ist also nicht so leicht.

Eines gilt jedoch für sie alle: Werden Stellen nicht erkennbar geschlechtsneutral ausgeschrieben, können Betroffene - und nur die - vom Unternehmen eine Entschädigung einklagen. Die kann bis zu drei Monatsgehälter umfassen. Bekannt sind solche Fälle bisher aber nicht, wohl auch, weil es für Unternehmen keinen großen Aufwand darstellt, die Stellenanzeigen zu ändern.

Kuriose Ausnahme

Es kommt laut Kleinebrink übrigens nicht darauf an, ob den Bewerbern ein tatsächlicher Schaden entstanden ist. "Es geht um die Diskriminierung." Entsprechend könne aber kein Unbeteiligter, in diesem Fall Mann oder Frau, das Unternehmen verklagen, weil eine Stellenausschreibung keinen Hinweis auf eine dritte Option enthält.

Dass es immer noch Unklarheiten gibt, wie man als Unternehmen mit der Neuregelung verfährt, zeigt ein Beispiel. Per Google-Suche stoßen wir auf eine PR-Agentur, die sowohl Stellen für drei als auch für zwei Geschlechtsbezeichnungen ausgeschrieben hat - auf der firmeneigenen Seite im Netz.

Weil uns das merkwürdig vorkommt, fragen wir nach. Vom Unternehmen heißt es, man sei einfach noch nicht dazu gekommen. Kurze Zeit später sind auch die zuvor nur für Frauen und Männer ausgeschriebenen Trainee-Stellen mit "m/w/x" gekennzeichnet.

Doch Mika wünscht sich viel mehr als korrekte Bezeichnungen in Stellenanzeigen. "Ich hoffe, dass das Gesetz ermöglicht, die Eintragung im Pass zum Beispiel bis zum 18. Lebensjahr offen zu lassen und danach eine freie Formulierung möglich ist. Aber daran glaube ich eigentlich nicht." Wichtig sei, dass selbstverständlich wird, "dass ich mich nicht anders fühlen muss".

Einen Tipp für Arbeitgeber hat Mika dennoch: "Ich habe mich bei meiner letzten Bewerbung schon total danach gerichtet, welche Firma durch die Anzeige signalisiert, dass da jemand das Thema geschlechtliche Vielfalt auf dem Schirm hat. Auf eine Stelle für 'Sachbearbeiter m/w' würde ich mich überhaupt nicht bewerben."

Copyright © Neue Westfälische 2019
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group