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Wirtschaft „Jungen Menschen Perspektive geben“

Liz Mohn engagiert sich für die Stärkung der Berufsausbildung in Spanien

Stefan Schelp
17.11.2015 | Stand 17.11.2015, 10:39 Uhr

Gütersloh. In Berlin beginnt heute das achte Deutsch-Spanische Forum der Bertelsmannstiftung. Im Gespräch mit Stefan Schelp erklärt Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn, warum ihr das Engagement in Südeuropa und Spanien so wichtig ist. Frau Mohn, unter der wirtschaftlichen Krise der vergangenen Jahre hat insbesondere die Jugend in Südeuropa gelitten. Der Satz von der „verlorenen Generation“ macht die Runde. Hat die Bertelsmann-Stiftung Rezepte, dieser Generation zurück ins Leben zu helfen? Liz Mohn: In einer Studie haben wir vor wenigen Wochen ermittelt, dass in der EU rund 26 Millionen Kinder und Jugendliche von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind, also knapp 30 Prozent aller unter 18-Jährigen. Das ist eine große Zahl, die uns alle betroffen machen sollte. Über fünf Millionen junge Menschen haben weder Arbeit noch haben sie einen Ausbildungsplatz. In Südeuropa ist die Situation am schlimmsten. Jeder zweite Jugendliche in Spanien hat keine Beschäftigung oder Ausbildung. Das finde ich alarmierend. Diesen Zustand zu beheben, wird einen langen Atem benötigen. Allerdings kann und muss man jetzt Entwicklungen anstoßen, um kurzfristig die Situation verbessern zu können. Deshalb unterstützt die Fundación Bertelsmann in Barcelona beispielsweise die Einführung des dualen Systems in Spanien. Wie gefährlich ist es, wenn es nicht gelingt, diese Generation in die Arbeitswelt zu integrieren? Liz Mohn: Zum einen ist es sicherlich bedrückend für die jungen Menschen, wenn sie keine berufliche Perspektive haben. Denn die meisten wollen einen Beruf erlernen und darin arbeiten, eine Familie gründen, für die Zukunft planen. Diesen jungen Menschen eine Perspektive zu geben bedeutet auch, dass sie ihre Würde und Selbstachtung erhalten und ein selbstbestimmtes Leben führen können. Bildung und Ausbildung sind dafür die ersten wichtigen Voraussetzungen. Denn natürlich wächst die Gefahr, dass ohne eine gut ausgebildete nächste Generation bereits in wenigen Jahren dringend benötigte qualifizierte Fach- und Führungskräfte fehlen werden. Vor drei Jahren ist in Spanien die duale Ausbildung eingeführt worden. Sie scheint wenig genutzt zu werden. Haben Sie dafür eine Erklärung? Liz Mohn: Es stimmt, nicht mal fünf Prozent der spanischen Auszubildenden lernen dort neben der Berufsschule in einem Betrieb. Das ist ja für uns ein Grund, sich für das Modell der dualen Ausbildung in Spanien so einzusetzen, wie wir es tun. Wir wollen auch die Skepsis vieler Unternehmer zerstreuen, die duale Ausbildung rechne sich nicht. In einer Untersuchung haben wir festgestellt, dass es in etlichen Berufen Ausbildungsgänge gibt, die bereits während der Ausbildung dem Arbeitgeber einen Nettogewinn verschaffen. Erfreulicherweise gibt die Fundación Bertelsmann mit Beschäftigungsinitiativen in Madrid, Katalonien und Andalusien über Pilotprojekte und Netzwerken zwischen deutschen und spanischen Unternehmen hierzu wichtige Impulse und wertvolle Erfahrungen weiter. Lässt sich das erfolgreiche deutsche Modell nicht ohne weiteres auf Spanien übertragen? Woran liegt das? Liz Mohn: Wir dürfen nicht vergessen, dass es in Spanien nur wenige und kurze Erfahrungen mit dem dualen Ausbildungssystem gibt. Außerdem müssen wir immer die Gegebenheiten im Land berücksichtigen. Für wichtig halte ich, dass wir deutlich machen, welche Vorteile die duale Ausbildung für den Staat, die Unternehmen und die Gesellschaft bietet. Es ist ein erfolgreicher Weg, die hohe Jugendarbeitslosigkeit zu senken und verhilft den Unternehmen zu gut ausgebildeten Fachkräften, die sie sich morgen nicht mehr kostspielig suchen müssen. Insbesondere Betriebe aus der Pflegebranche gehen dazu über, ihren Fachkräftemangel durch das Anwerben von Arbeitskräften in Spanien zu mildern. Ist das ein Weg auch für andere Berufe? Liz Mohn: Das ist nicht unproblematisch. Nicht wenige junge Menschen haben Spanien in den vergangenen Jahren verlassen und Arbeits- und Ausbildungsstellen in Deutschland angenommen. Das kann aber nach meiner Ansicht weder das Problem der hohen Jugendarbeitslosigkeit noch der fehlenden praktischen Ausbildung lösen. Die Unterstützung muss vor Ort ansetzen. Und wir können natürlich nicht auf Dauer in anderen Ländern Arbeitskräfte abwerben, wenn sie damit dem Arbeitsmarkt dort verloren gehen würden. Das muss fair gestaltet werden. Nicht erst seit dem Besuch des spanischen Königs in Gütersloh wissen wir, wie gut das Verhältnis zum spanischen Königshaus ist. Bietet das Forum Raum für Gespräche, die über das Wirtschaftsthema hinaus gehen? Welche sind das? Liz Mohn: Ich freue mich, dass König Felipe VI aus Anlass des Deutsch-Spanischen Forums nach Berlin kommt und damit unterstreicht, wie wichtig ihm der Dialog zwischen beiden Ländern ist. Auf der Tagesordnung für dieses Treffen stehen wirtschaftliche Themen, doch sicherlich werden wir auch über den Stand der Beziehungen zwischen beiden Ländern sowie aktuelle andere Themen sprechen. Zum Beispiel das Thema Flüchtlinge ist derzeit allgegenwärtig. Auch beim deutsch-spanischen Forum? Kann die Bertelsmann-Stiftung auch hier ihren Beitrag leisten? Liz Mohn: Der aktuell hohe Zustrom an Flüchtlingen und Migranten ist für das Einwanderungsland Deutschland eine enorme Herausforderung und es braucht dazu kurzfristige, humanitäre Hilfen, um Lösungen zu schaffen. Zugleich birgt die aktuelle Entwicklung, wenn sie richtig gestaltet wird, langfristig auch eine große Chance für Deutschland, dessen Bevölkerung angesichts seines demographischen Wandels altern und schrumpfen wird. Die Bertelsmann-Stiftung möchte deshalb dazu beitragen, die Diskussion über Flüchtlinge und Migration zu versachlichen und dauerhafte Lösungen zu entwickeln. Wir verstärken unser Engagement zum Thema Flüchtlinge und Migration in den Kompetenzbereichen, in denen wir bereits über große Erfahrung verfügen. Die Stiftung ist darüber hinaus im Gespräch mit Verwaltung und Politik auf allen Ebenen, um sich sinnvoll einbringen zu können. Das Flüchtlingsthema wird allerdings beim deutsch-spanischen Forum nicht im Mittelpunkt stehen. Deutsch-Spanisches Forum In Berlin beginnt am Dienstag das 8. Deutsch-Spanische Forum der Bertelsmann-Stiftung. Es versteht sich als Plattform des Meinungsaustausches führender Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft. Das Forum widmet sich der Zusammenarbeit, den Herausforderungen für Bildung und Beschäftigungsfähigkeit in Deutschland und Spanien sowie den Folgen der Digitalisierung für die Wettbewerbsfähigkeit. Das Forum steht unter der Schirmherrschaft des spanischen Königs Felipe. Er hat sich für den zweiten Kongresstag angekündigt.

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