Campus Handwerk in Bielefeld: Der Neubau der Handwerkskammer kostet über 60 Millionen Euro. RUDOLF - © Wolfgang Rudolf
Campus Handwerk in Bielefeld: Der Neubau der Handwerkskammer kostet über 60 Millionen Euro. RUDOLF | © Wolfgang Rudolf

Wirtschaft Aufsicht prüft Kammern

Kritik an Selbstbedienungsmentalität / Gehälter werden frei verhandelt

Andrea Frühauf
11.08.2015 | Stand 11.08.2015, 17:04 Uhr

Bielefeld/Düsseldorf. Der Landesrechnungshof nimmt mehrere Handwerkskammern in NRW unter die Lupe. Es geht dabei unter anderem um den Verdacht auf überhöhte Gehälter. Ob die Rechtsaufsicht auch die Handwerkskammer Bielefeld überprüft, sei noch nicht entschieden, heißt es bei der Behörde in Düsseldorf. Seit Monaten prüfen die Finanzkontrolleure, ob Ortwin Weltrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Köln, zu viel verdient und ob die Haushaltsführung der Kammer (250 Mitarbeiter) wirtschaftlich angemessen ist. Laut Kölner Stadtanzeiger beläuft sich das Grundgehalt des promovierten Juristen ohne Zulagen und Nebeneinkünfte auf etwa 150.000 Euro. Damit verdient er ungefähr so viel wie Kölns Oberbürgermeister, der einer Verwaltung mit 17.000 Mitarbeitern vorsteht. Die Handwerkskammer Hannover sorgte mit ihrer Dienstwagenaffäre für Wirbel. Die Aufsichtsbehörde hat Unterlagen zum Dienstfahrzeug des Hauptgeschäftsführers Jans-Paul Ernsting angefordert. Er soll die Mercedes-E-Klasse auch reichlich privat genutzt haben. "Es gibt Hinweise darauf, dass es Kammern gibt, bei denen die Selbstbedienungsmentalität ausgeprägt ist", sagt Kai Boeddinghaus, Geschäftsführer des Bundesverbandes für freie Kammern (BffK). Eine Kammer, die sich größtenteils über Mitgliedsbeiträge finanziert, sei nicht mit der freien Wirtschaft vergleichbar. "Es gibt kein Insolvenzrisiko. Es gibt kein unternehmerisches Risiko und im Vergleich zu mittelständischen Unternehmen nur wenig Personal", betont Boeddinghaus. Die Abschaffung des Beamtenstatus werde von Kammern zwar als Modernisierung gepriesen, aber "damit wurde auch der Weg in andere Gehaltsklassen eröffnet". Und die gute Absicherung fürs Alter bleibe gleichzeitig bestehen. Boeddinghaus empfindet schon 100.000 Euro Gehalt für einen Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz als zu viel. Kammern lassen sich ungern in die Bücher schauen. Niedersachsens Handwerkskammern legten nach dem Wirbel erst kürzlich mit einer Transparenzoffensive die Gehälter aus ihrer Geschäftsführung und der ersten Führungsebene offen - aber nur in Summe, nicht pro Kopf. Demnach erhielten die 32 Spitzenkräfte der sechs regionalen Kammern 2014 rein rechnerisch einen Durchschnittslohn von 81.000 Euro. Dabei reicht die Zahl der Führungskräfte je Kammer von vier bis zu sieben. "Die Handwerkskammer OWL liegt im Gehaltsgefüge immer ganz unten", sagt deren Vizepräsident Hans Schmitz. Der Dienstwagen für den Hauptgeschäftsführer wurde abgeschafft. Für Dienstfahrten werde bei Bedarf ein Dienstleister beauftragt. Nach Angaben von Hauptgeschäftsführer Michael Heesing beziehen die vierköpfige Geschäftsführung sowie die drei Stellvertreter aus der zweiten Führungsebene insgesamt ein Grundgehalt von 650.000 Euro - bei 134 Beschäftigten. Zum Vergleich: Die Kammer Braunschweig-Lüneburg-Stade zahlt sieben Mitgliedern der ersten Führungsebene insgesamt nur 572.534,92 Euro - bei 350 Mitarbeitern. Auch die übrigen Kammern in Niedersachsen zahlen weniger. Die Kammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim zahlt ihrer sechsköpfigen Geschäftsspitze 486.248,28 Euro. "Ich fühle mich nicht schlecht bezahlt, aber ich schäme mich auch nicht dafür", sagt Heesing über sein Gehalt. Wie viel es ist, sagt er nicht. Heesing rückte nach 22 Jahren bei der Kammer als Hauptgeschäftsführer an die Spitze. Er war damals über 50 Jahre alt. Auf seine Pension wollte er daher nicht verzichten, wie er sagt. Rein statistisch verdient bei der Bielefelder Kammer jedes Geschäftsführungsmitglied samt den drei Stellvertretern aus der zweiten Führungsreihe 92.857 Euro. Der frühere Bielefelder Hauptgeschäftsführer Horst Lenz wurde vor der Abschaffung der Beamtenbezüge nach B 5 entlohnt. Dies wären heute knapp 100.000 Euro. Es ist davon auszugehen, dass Heesing mehr verdient. Die Gehälter werden bei der Kammer frei verhandelt. Vorstand und Präsidium müssen sie absegnen. Ein guter Hauptgeschäftsführer sei ihm 20.000 Euro mehr wert, so Schmitz. Zulagen erhält Heesing laut eigenen Angaben nicht. Dafür hat der Jurist zwölf Ehrenämter und Mandate. Bei der Handwerksbau AG erhält er Sitzungsgeld. Als Mitglied der Vertreterversammlung der Signal-Iduna Leben dürfte er lukrative Nebeneinkünfte haben. Der Versicherer, der vor allem Handwerksbetriebe umwirbt, verschaffe sich bei Kammern durch "robuste fünfstellige Beträge" für solche Posten "exklusive Beziehungen", so Boeddinghaus. ¦ Meinungsbörse

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