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Wanderung mit Ausblick: Einer der Höhepunkte der Wunderroute ist dieser Aussichtspunkt kurz vor dem Nonnenstein. Hier können Fotos vom Bünder Land gemacht werden.  - © Julia Fahl
Wanderung mit Ausblick: Einer der Höhepunkte der Wunderroute ist dieser Aussichtspunkt kurz vor dem Nonnenstein. Hier können Fotos vom Bünder Land gemacht werden.  | © Julia Fahl

Wandern mit Kindern Märchenhafter Wunderwald

Im ersten Lockdown 2020 hat der Heimatverein Rödinghausen einen Märchenwanderweg für Kinder und erwachsene Kinder erschaffen. Der kam so gut an, dass das Projekt für diesen Sommer verlängert wird. Unsere Autorin war im Wunderwald unterwegs.

Julia Fahl
16.06.2021 | Stand 15.06.2021, 16:02 Uhr

Ein Stein blickt mich mit ängstlichen Augen aus dem Gras an. Moment, ein Stein? Ja, vor mir liegt ein Findling. Mit Augen. Spätestens jetzt weiß ich, dass vor mir keine normale Wanderroute liegt. Ich befinde mich an einem fantastischen Ort.

Und dieser liegt in Rödinghausen im Kreis Herford. Hier ist der Heimatverein im ersten Corona-Jahr auf eine mutmachende Idee gekommen: Er hat einen Wunderwald mit einem Märchenwanderweg erschaffen. „Normalerweise tanzen wir mit circa 100 Kindern in unseren Showtanzgruppen", sagt Heimatvereinsvorsitzende Jessica Mey.

Doch als das öffentliche Leben zwangsweise stillgelegt war, suchte sie mit anderen Vereinsmitgliedern nach einer Alternative, um mit den Kindern in Kontakt bleiben zu können. „Wir wollten ihnen ein schönes Osterferienprogramm mit Bewegung in der Natur ermöglichen." Und damit auch etwas gegen die schlechte Laune, gegen den Bewegungsmangel und für soziale Kontakte auf Abstand tun.

So entstanden die Fantasiegeschichte „Frieda sucht den Frühling" und verschiedene Wanderrouten, auf denen das Märchen an 13 Stationen erzählt wurde. Kinder und Spaziergänger schrieben Postkarten, bemalten Kicherkugeln oder hängten Wünsche an Bäume. Das Projekt kam an – und sprach sich schnell rum. „Wir bekamen immer mehr Anfragen von immer weiter weg", erinnert sich Jessica Mey. „Das alles hat sich sehr verselbstständigt."

Mit Hut und Krawatte: Der weise Waldschrat.  - © Julia Fahl
Mit Hut und Krawatte: Der weise Waldschrat.  | © Julia Fahl

Mittlerweile nehmen die Spaziergänger durchaus bis zu eine Stunde Autofahrt auf sich und reisen aus Porta Westfalica, Lage oder Bielefeld an, um im Rödinghausener Wunderwald spazieren zu gehen. Und so war klar: Für diesen Sommer muss ein neues Märchen her. „Wanda braucht ein Wunder" heißt es und wurde wie auch das erste Märchen von Ronja Büscher geschrieben.

Meine Suche nach dem Wunder beginnt am Parkplatz hinter der Bartholomäuskirche am Kirchweg. Ein paar Schritte Richtung Wiehengebirge weist mir erstmals ein kleines, handflächengroßes, quadratisches Holzschild den Weg. „Wunderroute" ist darauf zu lesen. Dem kleinen Pfeil folgend, begebe ich mich an diesem Freitagmorgen in ein Abenteuer. Die goldfarbenen Zeiger der Kirchturmuhr zeigen 10.30 Uhr, die Luft ist drückend und für den Nachmittag sind Gewitter angekündigt.

Der Pfeil schickt mich nach links Richtung Obstwiesen. Dort laufe ich nach wenigen Metern auf eine Bank zu, an der auf einem laminierten Din-A4-Blatt das Märchen beginnt.

Wegweiser: Die Wunderroute ist ausgeschildert. - © Julia Fahl
Wegweiser: Die Wunderroute ist ausgeschildert. | © Julia Fahl

Wanda ist ein kleines, flauschiges, blaues Wunderwesen mit einem besten Freund: Wutz. „Normalerweise wartet Wutz jeden Morgen auf Wanda an ihrer Lieblingsbank am Waldrand", lese ich. Doch dieses Mal nicht, Wanda wartet vergebens auf ihren Freund. Oder doch nicht? Plötzlich trifft Wanda der Schock: Wutz ist durchaus zu der Bank gekommen, aber er wurde in einen Stein verwandelt. Nun braucht Wanda dringend Hilfe – und ein Wunder, um den Steinzauber aufzulösen. Ich – und alle anderen Spaziergänger – begleiten sie auf ihrer Suche.

Und so laufe ich als nächstes den Berg hinauf zur Straße Lange Hegge. Dank vieler kleiner und großer, farbenfroher und unauffälliger gestalteter Trolle, Gnome und Fabelwesen hat sich der Teil des Wiehengebirges rund um den Nonnenstein bis hin zum Grünen See in einen Wunderwald verwandelt. Deshalb begegnet mir nach einer Linksabzweigung schon ein weiteres Fabelwesen. Ein alter Herrenhut, ein Brillengestell, ein weißer Bart, eine Krawatte mit wildem Muster und kluge Augen verwandeln einen Baumstumpf in den mindestens 729 Jahre alten weisen Waldschrat. Wieder kann ich auf einer Bank eine Pause machen, um in Ruhe die nächsten Märchenzeilen zu lesen. Der weise Waldschrat, so erfahre ich, kennt die Bäume im Wald, seit sie Setzlinge sind. Und er gibt Wanda einen Tipp: Hinter Wutz‘ Verwandlung könnte der Dunkelich stecken, das unheimlichste Wesen im Wunderwald.

Der Heimatverein Rödinghausen um Jessica Mey hat sich viel Zeit genommen und ebenso viel Arbeit sowie Kreativität investiert, um in Absprache mit den Förstern diesen märchenhaften Spaziergang zu einem spannenden Familienerlebnis zu machen. Im verirrten Garten – eigentlich der Kräutergarten neben dem Atrium am Waldrand – muss ein kleines Buchstabenrätsel gelöst werden. Und einige Meter weiter sammelt und verschenkt das Steinhörnchen bunt bemalte Glückssteine.

Von so viel Glück begleitet, folge ich dem geschotterten Weg entlang des Waldrandes, immer wieder den weiten Ausblick über das Bünder Land genießend. Dann endlich führt mich der Weg tief in den (Wunder-)Wald. Dort, wo Farbe, Augen, Münder und Nasen Baumstämme in wunderbare Waldwesen verwandeln, kleine Holztüren sich zu Baumhäusern öffnen und Kinder auf einem Schweinhorn durch den Wald reiten können, ist es nach der Schwüle am Waldrand angenehm kühl.

Den zahlreichen Vogelstimmen lauschend, gehe ich über den Rödinghauser Bergweg oberhalb der Jugendherberge langsam, aber stetig bergauf, dem Kamm entgegen. Aufmerksam sollten Wanderer sein, denn wirklich überall gibt es etwas zu entdecken: Kicherkugeln, Wunschbäume und natürlich den Nonnenstein, den rund 274 Meter hohen Berg auf der Grenze zwischen den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke.

Wer die 70 Stufen des 14 Meter hohen gleichnamigen Aussichtsturms erklimmt, kann bei klarer Sicht mit ein bisschen Glück das Hermannsdenkmal sehen. Mich verlässt hier das Glückssteineglück: Heute ist es diesig. Macht aber nichts, denn auch am Waldboden gibt es noch einiges zu entdecken. Zum Beispiel das Dorf der Kieselkobolde, das die Klasse 2b der Grundschule Bruchmühlen errichtet hat.

Ob Wanda am Ende wirklich ein Wunder findet, um Wutz zu helfen? Das verrate ich nicht. Aber es lohnt sich, es selbst herauszufinden.

Information

So lang ist die Wunderroute

Insgesamt 15 unterschiedliche Stationen bietet die blaue Wunderroute, ein Rundweg, der vier Kilometer lang und kinderwagengeeignet ist. Erweitert werden kann die blau gekennzeichnete Strecke um die rote Route zum Grünen See auf 6,5 Kilometer Länge, allerdings ist dieser Teil der Strecke wegen seiner Steigungen nicht kinderwagengeeignet. Entweder folgen Wanderer den kleinen Holzschildchen – Achtung, manchmal sind sie etwas versteckt – oder laden sich die Wanderkarte über einen QR-Code auf ihr Handy. Tipp: Nach und nach werden noch weitere Stationen und dank großzügiger Paten auch neue Beschilderungen hinzukommen. „22 Stationen sollen es am Ende sein", sagt Jessica Mey. „Dann wird ein Tag nicht mehr ausreichen, um alles in Ruhe abzugehen, zu lesen und zu entdecken."

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