0
Prof. Tim Kampe, Dr. Stefanie Pannier und Martin Kalis sind drei der insgesamt acht Mitarbeiter des neugegründeten Center for Entrepreneurship an der Fachhochschule Bielefeld.  - © Sarah Jonek
Prof. Tim Kampe, Dr. Stefanie Pannier und Martin Kalis sind drei der insgesamt acht Mitarbeiter des neugegründeten Center for Entrepreneurship an der Fachhochschule Bielefeld.  | © Sarah Jonek

Gründungshilfe „Nichts im Kühlschrank, aber im Meeting glänzen“

Stefanie Pannier, Tim Kampe und Martin Kalis arbeiten an der Fachhochschule Bielefeld als Gründungshelfer – seit dem 1. April im neuen Center for Entrepreneurship (CfE).

Tina Gallach
28.10.2020 | Stand 27.10.2020, 16:00 Uhr

Frau Pannier, die Corona-Situation wird aktuell wieder schlimmer, trotzdem wird gegründet. Ist das im Moment ein besonders mutiger Schritt?
STEFANIE PANNIER: Wenn man in die Historie schaut, findet man selbst im Krieg Menschen, die gegründet haben. Manchmal sind Krisen ein Auslöser, um Motivation und Ideen zu generieren. Ich denke, wir könnten das empirisch jetzt nicht nachweisen, ob es mehr Ideen gibt, weil die alle zu Hause sitzen und Zeit haben, Ideen zu entwickeln, oder ob die Ideen eh schon da waren. Es gibt so Tendenzen, dass in Krisen mehr Menschen in unabhängige Beschäftigung gehen.

TIM KAMPE: Ich glaube aber, dass man in unsichereren Zeiten etwas mehr Mut braucht. Es kann ja jederzeit wieder ein partieller Lockdown kommen, das bringt Unsicherheit. Aber wer gründen will, braucht sowieso eine gewisse Risikoaffinität.

MARTIN KALIS: Der richtige Begriff ist da vielleicht die Herausforderung. Die muss man annehmen. Die ersten Jahre kämpfen, nichts im Kühlschrank haben, aber abends dann ein Meeting mit wichtigen Investoren machen und brillieren. Wer dazu bereit ist, der lässt sich auch von Corona nicht abschrecken.

Auch Sie wurden bei der Gründung des CfE im Frühjahr vom Lockdown überrascht . . .
KAMPE: Uns hat Corona ja gerade beim Aufbau des CfE erwischt. Es wurde gesagt, jetzt geht mal alle nach Hause, da waren wir gerade in der Einstellungsphase. Wir haben also die Bewerbungsgespräche über Zoom geführt, wir haben die Einarbeitung digital gemacht, wir arbeiten jetzt alle digital. Und das funktioniert bis zu einem gewissen Grad, aber das Zwischenmenschliche fehlt.

KALIS: Gerade bei unserem Gründungscamp fehlt das. Das heißt normalerweise: Eine Woche mit allen Neugründern wegfahren, isoliert von der Außenwelt, schwanger mit den eigenen Ideen Zeit mit Experten verbringen, diskutieren. Nach so einer Woche ist man gerüstet und weiß, wo man steht. Das geht mir unglaublich leid ab, dass ich das nicht machen kann jetzt.

KAMPE: Trotzdem ist erstaunlich, wie viel digital geht. Wir haben jetzt so viele Teams in der Betreuung, wie nie. Für die Studierenden, die jünger und überwiegend Digital Natives sind, ist das ganz normal, mit Zoom unterwegs zu sein, digital zu besprechen, Whatsapp-Gruppen zu haben. So dass Corona da eigentlich kein Problem ist.

Es kommen aber nicht nur Digital Natives zu Ihnen . . .
PANNIER: Zu uns kommen in erster Linie Studierende oder wissenschaftliche Mitarbeitende der Hochschule, die eine Idee haben, die sie vielleicht in ein Geschäftsmodell überführen könnten. Das können Gestalter sein, Ingenieure, Leute aus dem Sozialwesen, Mitarbeitende aus Forschungsprojekten. Das ist sehr heterogen gemischt.

Wie ist dabei die Frauen-, Männer-Quote?
PANNIER: Es sind mehr Männer. Es ist aber eins unserer großen Ziele, mehr Frauen in die Gründung zu bringen. Wir wollen herausfinden, was ihnen dafür fehlt, diesen Weg zu wählen.

KAMPE: Wir haben momentan eine Frauenquote von etwa 10 Prozent. Wir mussten uns in den letzten drei Jahren aber auch stark auf technikgetriebene Gründungen fokussieren, weil wir momentan drittmittelfinanziert sind. Zuerst vom Land NRW, jetzt ist vom Bund – und beide sind daran interessiert, dass Firmen entstehen und damit Arbeitsplätze. Und die entsprechenden Studiengänge sind einfach stärker von Männern nachgefragt. Wir hatten vor etwa sieben Jahren mal einen Frauenanteil von 40 Prozent, weil wir da sehr viel stärker in andere Fächer gegangen sind. Da wollen wir jetzt wieder hin.

KALIS: Positiv erwähnen kann man, dass in den aktuellen Teams 30 Prozent Frauen sind.

Wenn sich Gründungswillige beworben haben – was passiert dann?
PANNIER: Wir haben verschiedene Formate und Angebote. In der Regel gibt es zuerst eine Erstberatung und Analyse, um zu sehen wo die Leute stehen. Dann schauen wir gemeinsam, welches Angebot für sie relevant ist. Zum Beispiel, inwiefern eine Teilnahme an unserem Herzstück dem Inkubator sinnvoll ist.

Was ist das?
PANNIER: Das ist das Intensivprogramm für Leute mit fortgeschrittenerer Geschäftsidee.

KAMPE: Das ist ein feststehender Begriff. Inkubatoren kennt man ja von Frühgeborenen: Brutkästen. Genau das ist die Sache: Es kommt eine kleine Idee rein, und kann unter besonderen Bedingungen wachsen.

Wie funktioniert das?
PANNIER: Die Interessenten bewerben sich bei uns mit ihrem Vorhaben, dann analysieren wir im Team, wie der Stand, die Perspektiven und Bedarfe sind. Auf der Basis entscheiden wir, wer aufgenommen wird. In der aktuellen Kohorte haben wir acht Projekte, die jetzt im Oktober gestartet sind.

KAMPE: Die Teilnehmer bekommen zum Beispiel ein Persönlichkeitscoaching durch Steffi, das Gründungscamp mit Martin, Marktmentoren für spezielle Qualifikationen und Spezialisten für Bereiche, in denen unsere Kenntnisse begrenzt sind. Die Aufgabenverteilung bei uns intern orientiert sich an den Bereichen Sensibilisierung, Persönlichkeitstraining, Qualifizierung, Finanzierung und intensives Coaching.Es lässt sich aber nicht immer alles komplett abgrenzen. Eine Qualifizierungsmaßnahme kann gleichzeitig in verschiedenen Bereichen stattfinden, geht also auch in die Breite.

Wie bringen Sie die Neugründer damit nach vorn?
KALIS: Vielleicht ist das Bild vom Trichter gut. Oben kommen Menschen mit Ideen rein, unten kanalisiert sich der Trichter. Jeder, der es bis zum Kanal schafft, ist hoch interessiert, wer unten rauskommt, ist vollumfänglich ausgebildet. Wir haben aber immer den Anspruch, dass unsere Studierenden ihre Abschlüsse zu Ende machen.

KAMPE: Das ist auch unser Auftrag als staatliche Hochschule. Da unterscheiden wir uns von anderen Gründungsförderern wie zum Beispiel von unseren Kollegen der Founders Foundation in Bielefeld. Die haben ein sehr kurzes Programm, mit dem sie die Leute schnell auf den Markt schicken. Wir sind mehr auf Nachhaltigkeit aus. Es ist kein Geheimnis, dass 9 von 10 Start-ups das Start-up-Stadium nicht überleben. Wir betreuen da länger, intensiver. Wir legen Wert auf Persönlichkeitsbildung.

Das alles läuft ein Jahr. Und dann?
PANNIER: Das Programm ist so angelegt, dass es in dem Zeitrahmen funktioniert. Es gibt aber auch immer Situationen, da geht es schneller oder dauert länger. Danach halten wir auch Kontakt zu unseren Ehemaligen. Manche kommen nach einem halben Jahr am Markt noch mal mit Fragen.

KALIS: Wir haben seit 2019 sogar ein eigenes Format, um die Ehemaligen im Boot zu halten: den Generation Day. Alte Gründende kommen, um sich auf hierarchieloser Ebene mit unserem Nachwuchs auszutauschen.

Wie sollten Gründungsinteressierte sich denn eigentlich selbst auf ihre Selbstständigkeit vorbereiten?
KAMPE: Man braucht eine gute Idee, die man soweit denken kann, dass man weiß, was sie von anderen unterscheidet. Warum sollen Kunden das Produkt bei mir kaufen und nicht bei der Konkurrenz?

PANNIER: Man braucht einen Businessplan, den man strukturiert niederschreibt. Für die Gründenden dient dies als Reflektionstool, an dem sie sich orientieren können.

KAMPE: Und spätestens, wenn ich auf der Suche nach Kapitalgebern bin, brauche ich diesen Plan. Die wollen da reinschauen, die wollen sehen, wie kalkuliere ich, wie stelle ich mir das vor.

Stichwort Finanzierung: Braucht man ein Polster für die Selbstständigkeit?
PANNIER: Das kommt auch auf den Bereich an. Gründet jemand digital und braucht nur Rechner und Lizenzen, ist das überschaubar. Braucht jemand Maschinen und eine Produktionshalle, ist das was anderes. Man sollte außerdem eine Durststrecke überstehen können. Ein bisschen Geld braucht man auch, wenn man etwa ein Patent anmelden muss.

KAMPE: 70 Prozent der Unternehmen in Deutschland werden mit Eigenkapital gegründet. Momentan gibt es aber niederschwellige Möglichkeiten der Finanzierung unabhängig von Banken. Das sind öffentliche Kapitalgeber. In NRW haben wir zum Beispiel das Gründerstipendium NRW. Da kann man mit einer Ideenskizze um Geld bitten. Das gibt bis zu 1.000 Euro im Monat.

Außer einem Plan und Geld: Welche persönlichen Voraussetzungen braucht man, um auch bei Gegenwind durchzuhalten?
KAMPE: Man muss auf jeden Fall die eigene Komfortzone verlassen können.

PANNIER: Es gehören aber auch eine Ungewissheitstoleranz, Geduld und Balance dazu. Wenn ich das habe und auch eine hohe Frustrationstoleranz, dann kann ich auch mit Risiko umgehen.

KALIS: Dazu vielleicht auch noch Neugier. Davon bringen unsere Gründenderinnen und Gründer ganz viel mit. Open Minded sein, unvoreingenommen an Sachen rangehen. Das macht die Arbeit mit diesen Menschen auch für uns so spannend.

Information
Center for Entrepreneurship

Seit Anfang April 2020 gibt es an der Bielefelder Fachhochschule das neue Center for Entrepreneurship (CfE) – eine zentrale Anlaufstelle für alle Gründungsinteressierten der FH Bielefeld, die das 2017 gegründete Innovationslabor OWL jetzt ersetzten soll.

Mit dem CfE sollen Gründungsinteressierte unterstützt werden, egal, in welchem Stadium der Gründung sie sich befinden: von der ersten Idee bis zum ausgefeilten Businessplan.

Das das CfE wird es über das Programm „EXIST-Potentiale" des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi), finanziert. Projektleiter ist Professor Tim Kampe.

Empfohlene Artikel

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken

NW News

Jetzt installieren