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Optimistisch und mutig: Die 46. Eissaison wird wohl für die Familie Chiesurin eine unvergessliche werden. Aufgrund der Einschränkungen, aber noch viel mehr, weil Elisabeth Chiesurin überwältigenden Rückhalt von ihren Kunden erfährt. - © Monika Dütmeyer
Optimistisch und mutig: Die 46. Eissaison wird wohl für die Familie Chiesurin eine unvergessliche werden. Aufgrund der Einschränkungen, aber noch viel mehr, weil Elisabeth Chiesurin überwältigenden Rückhalt von ihren Kunden erfährt. | © Monika Dütmeyer

In Werther gibt es wieder Eis auf die Hand

Die Eisdiele „Venezia“ in Werther hat geöffnet. Doch das war nicht durchgehend so in der Corona-Zeit: Wie eine spendable Oma aus Köln dafür gesorgt hat, dass es in Werther und Halle schon seit einiger Zeit wieder leckeres Eis gibt.

Monika Dütmeyer
03.05.2020 | Stand 04.05.2020, 11:18 Uhr

Dass Elisabeth Chiesurin eine Mutmacherin ist, erkennt man schon vor dem Eis-Café „Venezia" in Werther, in der ihre Familie seit 1974 Eis verkauft. Denn als die Eisdiele wegen des Corona-Virus schließen musste, hat die Betreiberin Kinder und Jugendliche dazu aufgerufen, Bilder zu malen, die zeigen, was sie jetzt bewegt.

Mit den Werken hat sie eine kleine Galerie im Fenster der Eisdiele gestaltet. Auf den Blättern sind zum Beispiel Menschen mit Mundschutz in sattblauen Kitteln zu sehen, Buntstiftzeichnungen des stilisierten Coronavirus, auf denen er ein bisschen blasser und eieriger aussieht als der in diesen Tagen so oft gesehene Hintergrund im Nachrichtenstudio, und dann ist da noch etwas, das sofort ins Auge fällt: Ganz viele Eishörnchen mit Bildunterschriften wie „Icecream makes everything better" (Eis macht alles besser) oder „It’s always icecream weather" (Es ist immer Eis-Wetter). Doch durch die Ritzen zwischen den von innen an die Scheibe geklebten Blätter kann man sehen, dass drinnen etwas ganz anders ist als sonst Anfang Mai.

Eine Oma aus Köln sorgt dafür, dass es in Werther wieder Eis gibt

Dort sind die Stühle gestapelt, die Gäste eigentlich zum Verweilen in und vor dem Eiscafé Venezia einladen sollen. Zwar fällt die gewohnte Gemütlichkeit erst einmal aus, doch die gute Nachricht: Nachdem die Eisdiele am 22. März aufgrund der Gesetzeslage auf Facebook einen Smiley mit runter hängenden Mundwinkeln mit der Botschaft „Wir haben zu! Wir bleiben zu Hause!" posten musste, hat sie schnell wieder öffnen können.

Und das ist einem besonderen Engagement zu verdanken: Als Elisabeth Chiesurin zu Hause noch im Bett lag, weil die Eisdiele ja sowieso zu hatte, kam der Anruf einer Oma aus Köln. Sie wollte Gutscheine für ihre in Werther lebenden Enkel bestellen und traute ihren Ohren kaum, als sie hörte, dass die Eisdiele geschlossen hat. „Wieso? Bei uns haben die auf", erzählte sie der Betreiberin. Dass einige Eisdielen geschlossen hatten und andere geöffnet, war wohl auf eine teilweise unübersichtliche Informationslage in der Krise zurückzuführen. Doch die Eisverkäuferin mit Leib und Seele hat sich mit der exklusiven Oma-Info an Werthers Bürgermeisterin Marion Weike gewandt, die sich für „ihre" Eisdiele stark gemacht hat: Am 27. März durfte das Eiscafé Venezia seine Türen schließlich wieder öffnen – aber eine nach der anderen.

Kleingeld der Kinder fehlt

„Durch diese Tür geht ein Kunde rein und durch die daneben wieder raus", erklärt die 54-Jährige. So müsse sich niemand umdrehen und könnte anderen dabei zu nahekommen. Es darf immer nur einer hinein, zu kaufen gibt es ausschließlich Eis im Becher und es darf nicht im Umkreis von 50 Metern verzehrt werden. Auch ein Mindestabstand von zwei Metern zwischen etwaiger vor der Eisdiele wartenden Kunden gehört zu den Auflagen. An der Eistheke verkauft immer nur eine Person – mit Mundschutz, Handschuhen und Pinzette.

Der Oma und Elisabeth Chiesurin ist es zu verdanken, dass auch die Menschen in Halle wieder leckeres Eis genießen dürfen. „Ich habe sofort im Eiscafè Ceotto angerufen. Ich sehe uns nicht als Wettbewerber, sondern als vereint in derselben Situation." Nur das Kleingeld fehle ein bisschen in der Kasse, „das bringen uns normalerweise die Kinder", sagt sie und lacht. Doch die kämen im Moment überwiegend mit ihren Eltern. „Die nehmen die Fürsorgepflicht sehr ernst."

Tränen der Rührung angesichts der positiven Reaktionen der Kunden

Auch aufgrund des sonnigen Wetters sei es gelungen, rund 50 Prozent des normalen Umsatzes zu erreichen. „Damit gehören wir in der Krise wohl zu den Spitzenverdienern unter den Gastronomen." Zwei von den drei Angestellten habe sie in anderweitig unterbringen können, sodass niemand ohne Job dastünde. Obwohl das Glas für sie immer halb voll zu sein scheint, gibt es trotzdem etwas, das ihr die Tränen in die Augen treibt.

Allerdings der Rührung. „Als wir wiedereröffnen durften, war ich mir nicht sicher, ob wir nun etwas Gutes tun oder die Situation noch verschlimmern", erzählt sie. Denn die Kommentare in den sozialen Medien seien unterschiedlich ausgefallen. Doch nach einer Woche mit mehreren schlaflosen Nächten stand für sie fest: „Wir ziehen das jetzt durch!"

So könnte es weitergehen

Und die Kunden seien sofort wiedergekommen. Als sie davon berichtet, dass ein Kunde, der 18,90 Euro zahlen sollte, darauf bestand, 25 Euro zu geben, laufen die Tränen unter ihrer Brille. Der Rückhalt der Kunden und ihrer Familie hat ihr Kraft gegeben. Auch wenn ihr Mann gerade nicht an ihrer Seite sein kann: Denn der aus Italien stammende Giuliano Chiesurin ist derzeit in seinem Heimatland. Aufgrund der geschlossenen Grenzen darf der 76-Jährige nicht nach Werther reisen. „In Italien ist alles noch viel extremer. In den Augen unserer Verwandten dort habe ich die pure Angst gesehen", berichtet Elisabeth Chiesurin, die ursprünglich aus Polen stammt, BWL studierte und Italienisch als zweite Fremdsprache lernte.

Es ist nun die 46. Eissaison für Familie Chiesurin in Werther, die wohl auch weiterhin anders verlaufen wird als die bisherigen. „Aber man sieht jetzt schon einen Weg", sagt Chiesurin. Zum Beispiel plant sie, bald wieder Hörnchen zu verkaufen, die mit einer Schutzhülle ummantelt sind.

Und einen Plan, wie sie das Café mit weniger Sitzplätzen und sicherem Abstand kostendeckend betreiben kann, hat sie auch schon: „Wir würden gern Selbstbedienung anbieten", erzählt sie, die sich auch über einen eingeschränkten Cafébetrieb freuen würde. Und ganz bestimmt auch über den Besuch einer ganz besonderen Oma aus Köln – die vielleicht von ihren Enkeln mit üppigem Eisgutschein eingeladen wird.

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