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Warum Musiker Uve Müllrich keine Angst vor Corona hat

In einer Zeit, in der viele Grenzen plötzlich wieder dicht sind, bricht Uve Müllrich von der Weltmusik-Band „Dissidenten“ eine Lanze für internationale Verständigung. Und er hat versöhnliche Worte für all jene, die vielleicht finanzielle Einbußen haben.

Monika Dütmeyer
01.05.2020 | Stand 04.05.2020, 11:51 Uhr |
Die „Dissidenten": Friedo Josch, Uve Müllrich und Marlon Klein (hintere Reihe, von links) sind seit rund 40 Jahren als musikalische Friedensbotschafter international erfolgreich. Sie spielen mit Musikern aus aller Welt zusammen und haben das Label „Exil" gegründet. - © PR
Die „Dissidenten": Friedo Josch, Uve Müllrich und Marlon Klein (hintere Reihe, von links) sind seit rund 40 Jahren als musikalische Friedensbotschafter international erfolgreich. Sie spielen mit Musikern aus aller Welt zusammen und haben das Label „Exil" gegründet. | © PR

Unter das sanfte Rauschen der Ostseewellen am Strand von Binz auf Rügen mischen sich harmonische Akkordeonklänge zu einem Szenario, das man sich romantischer wohl kaum vorstellen könnte. Was klingt wie eine wach gerufene Urlaubserinnerung, ist der Soundtrack der Kindheit des Musikers Uve Müllrich. Die Location: sein Geburtsort. Am Akkordeon: seine Mama. Die Musik soll das verbindende Element im Leben des heute 72-Jährigen werden, der mit seinen Bands „Embryo" und etwas später „Dissidenten" als Begründer des Genres Worldbeat (Weltmusik) gilt und auf eine mehr als 40 Jahre fortdauernde internationale Karriere blicken kann.

Aber damit es überhaupt so weit kommen konnte, musste erstmal seine Briefmarkensammlung dran glauben. „Die habe ich versetzt, um mir meine erste Gitarre zu kaufen", sagt er und lacht. Denn er war mit seiner Familie zwischenzeitlich nach Berlin umgezogen; in eine Zwei-Zimmer-Wohnung, die er unter anderem mit seinen zwei Brüdern und Dackel Heini teilte. „Ich dachte, mit einem Akkordeon nervst du hier echt jeden. Aber unter der Decke auf der Gitarre rumzupfen, das ging."

In der Künstlerkolonne ging es raus in die Welt

Seine Spielfreude und sein Talent blieben aber nicht lange unter der Decke: Er spielte beispielsweise mit den Musikern von Nina Hagen und Ton, Steine, Scherben um Rio Reiser zusammen und machte das, „was man so Krautrock nannte". Und mit seiner Band „Embryo" wagte er schließlich 1978 etwas, das viele Menschen vermutlich nur von der Lastwagen-Legende Manfred Krug aus der TV-Serie „Auf Achse" kannten.

Mit gebrauchten Bussen, mehreren Händen voll Musikern, einem Clown und einem Maler an Bord, ging es in der Künstlerkolonne los in die Welt. Oft über unbefestigte Straßen mit Schlaglöchern und Staubwolken, die die Busse umhüllten. Möglich machte das das Goethe-Institut, das den Künstlern Kontakte und Konzerte verschafft hatte. „Uns hatte die Abenteuerlust gepackt." Das, was Müllrich in den Büchern von Karl May gelesen hatte, wollte er nun selbst erleben.

„Musik ist ein hervorragendes Mittel, um Berührungsängste abzubauen"

Die jeweilige Landessprache beherrschten die Künstler meistens nicht. „Musik ist ein hervorragendes Mittel, um Berührungsängste abzubauen. Man kann überall auf der Welt einfach aus dem Bus aussteigen und mit Musikern über Rhythmen und Töne kommunizieren." Zum Beispiel in Afghanistan, Iran oder Indien. „Du merkst im Spiel ganz schnell: Die anderen sind genauso lustig wie wir." Die Erfahrung, Musikstile als Puzzle der Identitäten zu einem Ganzen zu vereinen, in dem jeder „Seins" einbringt, prägt sein weiteres musikalisches Leben, das ihn mit der Band „Dissidenten" weltbekannt machen sollte.

Das Gründertrio, bestehend aus Uve Müllrich, Friedo Josch und Marlon Klein bildet seit rund 40 Jahren das Herz der Gruppe. Zusammen mit verschiedensten Musikern aus aller Welt prägten sie als Pioniere den Sound der Weltmusik. Sie haben das Palladium in New York gefüllt, unzählige Festivals gespielt und das Rolling-Stone-Magazin hat sie die „Godfathers of Worldbeat" getauft. „Ich glaube, das mit der Weltmusik hat uns um 1988 die New York Times angehängt", sagt Müllrich und lacht. Dass die Band so lange Bestand hat, führt er unter anderem darauf zurück, „dass wir sofort eine GmbH gegründet und wir eine klare Aufgabenteilung haben". Er sei der „Außenminister"; pflege Kontakte in alle Welt und verarzte Presseanfragen wie diese, Friedo Josch sei der Geschäftsführer und Marlon Klein Produzent und Kapellmeister, der die Arrangements mit den verschiedenen Musikern treffe.

Uve Müllrich sitzt in seinem Haus in Portugal fest

Die Corona-Krise sei für die Musiker „eine Katastrophe – und das nicht nur finanziell". Denn eigentlich würde sich die Band jetzt zum Beispiel auf die Seoul-Music-Week im Mai vorbereiten.

Stattdessen sitzt Uve Müllrich in seinem Haus in Portugal fest. Doch er nutzt die Zeit, um die Arbeit an dem Buch über die Abenteuer der Band weiter voranzutreiben, das im Herbst erscheinen soll. Der Titel: „Fata Morgana" – angelehnt an einen internationalen Dance-Hit der Band, der sogar Titelsong einer brasilianischen Telenovela wurde, die dort so bekannt sei wie die Lindenstraße in Deutschland. Die Schließung vieler Grenzen weltweit gibt ihm, der mit den Dissidenten 2012 mit dem Praetorius-Musikpreis in der Kategorie „internationaler Musikfriedenspreis" ausgezeichnet wurde, zu denken.

"Die besten Dinge sind sowieso umsonst"

Er hat volles Verständnis für die Maßnahmen, doch „nationalistisches Verhalten und Grenzschließungen – sogar innerhalb Deutschlands – empfinde ich angesichts einer globalen Bedrohung als lächerlich". Zudem plädiert er dafür, wichtige gesellschaftliche Funktionen wie den öffentlichen Transport oder den medizinischen Sektor, zu dem auch die Herstellung von Atemschutzmasken und Medikamenten gehört, nicht den Gesetzen der Globalisierung und des Kapitalismus zu unterwerfen.

Dass die Menschen aus dieser Krise etwas lernen, daran glaubt er nicht. „Da bin ich Pessimist." Angst vor Corona hat er aber keine. „Man muss immer bedenken, hier kommt niemand lebend raus", sagt er und lacht. Und auch die finanziellen Einbußen betreffend, hat er einen tröstenden Spruch parat: „Die besten Dinge sind sowieso umsonst." Zum Beispiel, wenn er auf seiner Gitarre spielt und sich die Klänge unter das Rauschen des portugiesische Meeres vor seiner Haustür mischen.

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Bei Youtube kann man sich Uve Müllrichs erste große Reise in die Weltmusik noch einmal ansehen. Dort kann man nicht nur die musikalischen Abenteuer miterleben, sondern auch bei der Geburt seiner Tochter dabei sein, die 1978 in Indien im Kerzenschein und im Kreise der Mitreisenden zur Welt gekommen ist. Sie ist heute selbst erfolgreiche Musikerin mit der Band „Bonobo". Mehr Infos über die Dissidenten unter 
www.dissidenten.com.

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