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Kreativ in der Krise: Steinkrüger-Geschäftsführer Olaf Matthies, Simon Fogarizzu und Sebastian Laack (v. l.) haben in kürzester Zeit ein Start-up innerhalb des Unternehmens aufgezogen und beliefern über einen Onlineshop nun auch Privathaushalte. - © PR
Kreativ in der Krise: Steinkrüger-Geschäftsführer Olaf Matthies, Simon Fogarizzu und Sebastian Laack (v. l.) haben in kürzester Zeit ein Start-up innerhalb des Unternehmens aufgezogen und beliefern über einen Onlineshop nun auch Privathaushalte. | © PR

Wie Steinkrüger sich in der Krise neu erfindet

Weil Gastronomiebetriebe, Kindergärten, Schulen und Betriebsrestaurants schließen mussten, hat der Bielefelder Lebensmittellieferant enorme Umsatzeinbußen. Doch das Unternehmen baut innerhalb kürzester Zeit einen Onlineshop auf.

Julia Fahl
01.05.2020 | Stand 04.05.2020, 11:26 Uhr

Besondere Situationen erfordern Mut. Mut, etwas vollkommen Neues zu wagen, sich etwas zu trauen. Die Corona-Krise ist so eine Situation. Sie bedroht Unternehmen in ihrer Existenz. Lieferketten waren zeitweise unterbrochen, Geschäfte größtenteils geschlossen, zig Kunden benötigten von jetzt auf gleich erst einmal keine Waren mehr. Diese Erfahrung machte auch die Steinkrüger Frucht- und Frischehandel GmbH aus Bielefeld.

Das Unternehmen beliefert vom Bielefelder Großmarkt an der Oldentruper Straße aus etwa 2.500 Kunden mit frischen Lebensmitteln. Regionale Supermärkte, Feinkostgeschäfte, der Markthandel, Hofläden, aber vor allem gastronomische Betriebe und Großverbraucher bekommen an sechs Tagen in der Woche per Kühl-Lastwagen frisches Obst und Gemüse, Molkereiprodukte, Feinkost und andere Frischwaren geliefert. Normalerweise. Doch in der Corona-Krise ist eben nichts normal.

 "Die Wucht der Konsequenzen hat uns regelrecht überfahren"

In Imbissen darf in diesen Tagen ebenso wenig gegessen werden wie in Sterne-Restaurants. Kinder spielen und Studenten lernen immer noch zu Hause – also müssen sie nicht im Kindergarten oder in der Uni verköstigt werden. Zudem haben viele Betriebskantinen und Cateringbetriebe geschlossen. Ein Großteil des Steinkrüger-Kundenstamms ist damit einfach weggebrochen. „Eine Zuspitzung der Ereignisse haben wir wohl geahnt, die Wucht der Konsequenzen hat uns dann aber doch regelrecht überfahren", sagt Steinkrüger-Geschäftsführer Olaf Matthies nun rückblickend.

Sorgte er sich Mitte Februar noch um mögliche Auswirkungen von einzelnen Quarantänefällen unter seinen Mitarbeitern, wurde „uns nur wenige Tage später unser gesamtes geschäftliches Fundament unter den Füßen weggezogen. Wir sind, obwohl sehr breit aufgestellt, hart aufgeschlagen", fasst Matthies ehrlich zusammen. „Wir haben vorerst ,funktioniert’ und zuallererst unsere Krisenpläne nach Dringlichkeit abgearbeitet. Erst dann kam der Schock einer betriebswirtschaftlich existenziellen Krise aufgrund des gravierenden Umsatzeinbruchs von zwischenzeitlich fast 80 Prozent sehr heftig bei uns an."

Erst einmal auf das konzentrieren, was noch da ist

Eine Ausnahmesituation, die so noch nie dagewesen ist. „Ich selbst brauchte erst einmal ein Wochenende, um die Situation halbwegs einzuordnen." Aber den Kopf in den Sand stecken? Nein, das kam nicht infrage. Wie auch, wenn vom unternehmerischen Erfolg die Existenzen der Mitarbeiter abhängen.

Also konzentrierten sich Olaf Matthies und sein Team zunächst auf das, was noch da ist – und „was Hoffnung macht". In erster Linie waren das die verbliebenen Kunden wie Kliniken, Seniorenresidenzen, Bäckereien, Metzgereien, der Markthandel und regionale Lebensmittelhändler. Sie benötigen weiterhin frische Lebensmittel – und Steinkrüger diese Umsätze. Zusätzlich wurden die betriebsinternen Strukturen coronabedingt angepasst. „Mit der konsequenten Umsetzung aller Maßnahmen haben wir den Betrieb innerhalb weniger Tage zumindest in eine stabile Seitenlage bekommen", vergleicht Olaf Matthies die Ereignisse mit einem medizinischen Notfall. „Aber wir verlieren immer noch viel Blut."

Innerhalb von 72 Stunden einen neuen Onlineshop aufgebaut

Doch dann hatten er und zwei seiner Mitarbeiter aus dem Vertrieb, Simon Fogarizzu und Sebastian Laack, eine zündende Idee, wie sie diese Blutung zumindest ein bisschen stoppen können. Innerhalb von nur 72 Stunden passten sie die Steinkrügersche Unternehmensstrategie der Corona-Situation an: weg von B2B (Business-to-Business = Geschäftsbeziehung zwischen mehreren Unternehmen) hin zu B2C (Business-to-Customer = Geschäftsbeziehung zum Endverbraucher). Heißt: Steinkrüger beliefert nun seit wenigen Wochen erstmals in der Unternehmensgeschichte auch Privathaushalte. „Steinkrüger Familiy" heißt der neue Unternehmensbereich, der innerhalb von drei Tagen entstanden ist, inklusive eines funktionsfähigen Onlineshops unter www.frische-nach-hause.de.

Nicht nur von außen betrachtet eine irre Leistung. Möglich gemacht hat es vor allem der Einsatz des Teams, das weiß auch Olaf Matthies. „Unsere Mitarbeiter sind sturmfest", betont er stolz. Und flexibles Handeln gewohnt. Das liege daran, dass auch in normalen Zeiten der Lebensmittelhandel in Deutschland eine Herausforderung ist. „Die Ansprüche an unsere Produkte und Dienstleistungen sind hoch, Fehler dürfen wir uns nicht erlauben", erklärt Matthies. „Alles, was wir tun, ist dabei zeitkritisch und wird schnell und unter hoher Unsicherheit entschieden." Die Mitarbeiter von Steinkrüger waren es also auch schon vor der Krise gewohnt, den Betrieb jeden Morgen zu „resetten" und alle Leistungsparameter für die kommenden 24 Stunden wieder neu aufzubauen und auszurichten.

Es herrscht Aufbruchstimmung

„Das funktioniert nur in flachen Hierarchien, mit entsprechend klaren Aufgaben, hohen Entscheidungsbefugnissen und einem hohen Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen." Erfahrungen, auf die das Unternehmen nun in der Corona-Krise bauen kann. „Ich möchte jetzt nicht sagen, dass Krise bei uns Routine wäre, aber unsere Struktur hilft uns bei der Bewältigung von zumindest dieser Krise sehr", sagt Matthies. Vor allem sei es hilfreich, dass die Firmenkultur intakt ist und ein Vertrauensverhältnis zwischen den handelnden Personen besteht. „Das ist bei uns uneingeschränkt der Fall", lobt er.

Und so konnte innerhalb weniger Tage eine neue Geschäftsidee umgesetzt werden. Es herrscht Aufbruchstimmung im Unternehmen. „Wir haben ,Steinkrüger Family’ so aufgebaut, wie wir uns eine Start-up-Kultur vorstellen: Wir haben ein komplett eigenständiges, hierarchiefreies Team mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen geschaffen", erklärt Olaf Matthies. Alle Ebenen im Unternehmen haben dafür zu sorgen, dass das neue Team optimal arbeiten kann. Umgekehrt soll das Start-up-Team diese Strukturen nur dann nutzen, wenn es etwas selbst nicht bewältigen kann.

Mehr Menschen kaufen Lebensmittel online ein

„Auf diese Weise haben wir Entscheidungswege und mögliches Kompetenzgerangel aus dem Weg geräumt und sehr schnelle Ergebnisse ermöglicht", so Matthies. Und wenn er sehr schnell sagt, meint er das auch: Innerhalb von nur 30 Minuten war die Entscheidung über das grundsätzliche Shop-System gefällt. In kaum 48 Stunden stand das begleitende Marketing: Name, Logo, Webseite, Social-Media-Auftritt. „Und so waren wir nach 72 Stunden mit dem Shop online, auch mit der Akzeptanz des „Nicht-Perfekten" und dem Mut, damit trotzdem rauszugehen. Das ist eher ungewöhnlich für uns."

Dass sich Matthies und sein Team getraut haben, etwas völlig Neues aufzubauen, hat sich gelohnt. In der Corona-Krise setzen mehr Menschen auf den kontaktlosen, digitalen Lebensmittel-Einkauf. „Wir haben laufend Bestellungen, die Anzahl steigt deutlich und das System ist stabil", zieht Matthies eine erste Bilanz. Mit Hochdruck arbeitet das Team daran, den Onlineshop zu verbessern. Unter anderem plant es weitere Kooperationen mit regionalen Lebensmittelproduzenten, um mehr Produkte über das Steinkrüger-Sortiment hinaus anbieten zu können.

"Steinkrüger Family" soll auch in Zukunft bestehen bleiben

Die Krise als Chance sehen: Auch nach Corona soll der neue Unternehmensbereich auf jeden Fall weiter bestehen bleiben. „Man kann schon sagen, dass ,Steinkrüger Family’ uns ans Herz gewachsen ist, aufgrund des Zuspruchs, aber auch aufgrund der Entstehungsgeschichte als moralische Bastion in unternehmerisch schwierigen Zeiten."

Künftig sollen die Lieferzeiten den Bedürfnissen der Familien angepasst werden. Sind die Menschen dann vermehrt nicht mehr im Home-Office, sondern wieder an ihren normalen Arbeitsplätzen tätig, werden die weißen Lastwagen mit den drei Herzen aus Erdbeere, Salat und Käse eben eher am Abend unterwegs sein. „Wir machen unsere Hausaufgaben, ,Steinkrüger Family’ wird auch nach der Krise weiterhin Privathaushalte beliefern", sagt Olaf Matthies.

„Aber am meisten freuen wir uns auf den Tag, an dem wir die Stimmen unserer Kunden aus der Gastronomie wieder hören. Wir hoffen, dass viele, am liebsten alle, die Krise durchstehen und wir uns im Sommer nicht in einer gastronomischen Wüste in Bielefeld wiederfinden …."

Information

Mut zur Zukunft: Erfolgsgeschichten aus der Region

Mit langsamen und vorsichtigen Schritten nimmt das öffentliche Leben wieder Fahrt auf. Damit das so weitergeht, ist es weiterhin geboten, auf sich und andere aufzupassen – durch Distanzhalten, Händewaschen und das Tragen von Masken. Genauso wichtig sind aber Einfallsreichtum, Optimismus, Solidarität und Treue. Wie Ideen in die Tat umgesetzt werden und wie man mit positiven Gedanken an neue Projekte herangeht, zeigen wir in unseren Erfolgsgeschichten aus der Region. Beschrieben werden Menschen, Unternehmen und Institutionen, die trotz Krisenzeiten den Mut nicht verloren haben und die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln um eine gute Zukunft kämpfen.

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