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Ziel: Kinder mit und ohne Behinderung sollen an Regelschulen gemeinsam lernen, auch wenn sie verschiedene Abschlüsse machen. - © picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa
Ziel: Kinder mit und ohne Behinderung sollen an Regelschulen gemeinsam lernen, auch wenn sie verschiedene Abschlüsse machen. | © picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa

Düsseldorf Kritik am Inklusionskonzept der NRW-Landesregierung

Die Landesregierung will die Zahl der Schwerpunktschulen begrenzen. Lehrerverbände kritisieren das.

Miriam Scharlibbe
06.01.2018 | Stand 31.01.2018, 14:29 Uhr

Düsseldorf. Das Modell des Gemeinsamen Lernens in NRW steht kurz vor den Halbjahreszeugnissen seines vierten Schuljahres. Seit Mitte 2014 haben Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf Anrecht auf einen Platz an einer Regelschule (siehe Kasten). Aber noch immer mangelt es bei der Inklusion an allem: Zu wenige Lehrer und Sonderpädagogen haben zu wenig Zeit um in zu großen Klassen alle Kinder gleich zu fördern. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) will jetzt die Zahl der Inklusionsschulen begrenzen und erntet damit schon vor den Gesprächen mit Interessensverbänden Kritik. Künftig sollen nur noch Schulen, in denen im Schnitt drei Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf pro Klasse vertreten sind, Orte des Gemeinsamen Lernens werden. Die Landesregierung spricht in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen im Landtag von einer „Neuausrichtung mit einer Bündelung der Angebote". So sollen Finanzen und Personal zielgerichteter eingesetzt werden. "Ein vergiftetes Lob" Die Grünen befürchten, dass dadurch vor allem Gymnasien zunehmend von Inklusionsverpflichtungen befreit und der gemeinsame Unterricht auf Gesamtschulen konzentriert wird. Bereits im Koalitionsvertrag von CDU und FDP wurde die besondere Rolle der Gesamtschulen betont – für die Grünen „ein vergiftetes Lob". „Integration und Inklusion sind gesamtgesellschaftliche Aufgaben. Das gilt für alle Schulformen", sagt Sigrid Beer, Landtagsabgeordnete aus Paderborn und Bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. Die Landesregierung gehe fatalerweise auf die Weigerungshaltung einzelner ein. So hätten zum Beispiel in Paderborn alle Gymnasien abgelehnt, zieldifferent zu unterrichten. Beer: „Sie nehmen zwar Kinder mit Behinderungen auf, zum Beispiel Rollstuhlfahrer oder Autisten, aber nur solche, die das Potenzial haben Abitur zu machen und ,nicht zu schwierig’ sind." Zahlen der Bezirksregierung Detmold belegen die ungleichmäßige Verteilung. So lernen im aktuellen Schuljahr 5.608 Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf in OWL an öffentlichen allgemeinbildenden Schulen: 1.996 besuchen eine Grundschule, 1.787 eine Gesamtschule, 723 eine Realschule, 712 eine Sekundar-, Gemeinschafts- oder Primusschule, 207 eine Hauptschule und nur 183 ein Gymnasium. Gespräche mit allen Beteiligten Zur künftigen Verteilung und weiteren Details der Pläne will sich das Schulministerium derzeit nicht äußern. Die Ministerin sei in Gesprächen mit allen Beteiligten. Nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Interessensvertreter soll in der nächsten Woche an drei Tagen verhandelt werden: mit Eltern und Schülervertretern, den Lehrerverbänden und den kommunalen Spitzenverbänden. „Wir gehen offen in solche Gespräche", sagt der Vorsitzende des GEW-Verbands Bildung und Erziehung (VBE) in NRW, Stefan Behlau. Er erwarte aber konkrete Vorschläge der Politik. Seine Forderungen: Eine Doppelbesetzung von jeweils einem Lehrer und einem Sonderpädagogen pro Klasse, eine maximale Klassengröße von 25 Kindern – wobei Förderschüler doppelt zählen – und mehr Multiprofessionalität, also Zusammenarbeit der Berufsgruppen. Behlau: „Schule muss ganz neu aufgestellt werden." Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erwartet die Detailplanungen mit Spannung. „Aus unserer Sicht kann die Bündelung nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur vollständigen Inklusion sein", sagt die GEW-Vorsitzende in NRW, Dorothea Schäfer. Nach wie vor sei der Lehrermangel ein Riesenproblem. „Gemeinsames Lernen funktioniert nicht besser, in dem ich die Zahl der Schwerpunktschulen begrenze, ich muss sie auch vernünftig ausstatten."

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