Sorgerechtsstreit: Wenn sich Eltern nach einer Trennung nicht einigen können, entscheiden Gerichte über das Sorgerecht für Kinder. - © dpa
Sorgerechtsstreit: Wenn sich Eltern nach einer Trennung nicht einigen können, entscheiden Gerichte über das Sorgerecht für Kinder. | © dpa

Lübbecke/Bielefeld Zwei von drei Gerichtsgutachtern haben keine Approbation

Zwei Drittel der psychologischen Gutachten in familienrechtlichen Verfahren enthalten fachliche Mängel. Von den Fehldiagnosen sind laut einer Studie immer häufiger Mütter betroffen

Elena Gunkel
30.06.2016 | Stand 01.07.2016, 12:30 Uhr

Lübbecke/Bielefeld. Psychologische Gutachten, die in den sorgerechtlichen Prozessen zum Einsatz kommen, haben vielleicht die größte Macht, die ein Blatt Papier über Menschen haben kann. Unter anderem können sie bewirken, dass den Eltern ihr Kind weggenommen wird. Nichtsdestotrotz werden sie offenbar immer wieder unter Missachtung fachlicher und wissenschaftlicher Standards erstellt. Ende April hat die NW im Artikel "Tauziehen um die kleine Maja" über den Fall von Lea M. aus Lübbecke (alle Namen geändert) berichtet. In einem psychologischen Gutachten, das im Auftrag des Amtsgerichts Lübbecke erstellt wurde, wurde bei der Frau die sogenannte Bindungsintoleranz festgestellt. In Folge wurde das Aufenthaltsbestimmungsrecht in Bezug auf ihre damals eineinhalbjährige Tochter auf den Kindesvater übertragen, obwohl dieser den gelegentlichen Drogenkonsum vor Gericht zugegeben hat. Der Fall von Lea. M ist nach Angaben des Psychologen Werner Leitner von der IB-Hochschule Berlin kein Einzelfall. Im vergangenen Jahr veröffentlicht Leitner die Ergebnisse seiner Analyse von 272 Familienrechtsgutachten, die von 231 Sachverständigen aus allen Bundesländern 2013 und 2014 erstellt wurden. Allein aus NRW untersucht Leitner 69 Gutachten. Das Ergebnis der Studie ist alarmierend. Bei zwei Drittel der von den Gerichten beauftragten Sachverständigen handelt es sich um nichtapprobierte Fachpsychologen für Rechtspsychologie und nichtapprobierte Psychologen, überwiegend als Diplom-Psychologen qualifiziert, erklärt Leitner. „Dabei fehlt nichtapprobierten Psychologen die grundlegende Voraussetzung für eine Kassenzulassung", so Leitner. Mindeststandards nicht erfüllt Der Psychologe stellt außerdem fest, dass bei den meisten untersuchten Gutachten wissenschaftliche Mindeststandards nicht erfüllt wurden. „Viele Gutachter verwenden wenig gültige oder zuverlässige Diagnosemethoden", moniert Leitner. Immer häufiger werden neben Kindern offensichtlich auch Mütter Opfer wissenschaftlich unhaltbarer Schlussfolgerungen. „Frauen befinden sich bei Trennungen in einer besonderen Belastungssituation", sagt der Psychologe. „Besonderheiten im Erleben und Verhalten, die dabei als ganz normale Reaktionen auftreten, werden von unzureichend qualifizierten Sachverständigen nicht selten als Anzeichen mangelhafter Erziehungskompetenz fehlinterpretiert." Die Bezeichnung „Fachpsychologe für Rechtspsychologie", die manche Gutachter bei Richtern auf den ersten Blick qualifiziert erscheinen lassen, ersetze laut Leitner keine Approbation. „Was ein Gutachter in Familiensachen benötigt, ist ein fundierendes Wissen in den Bereichen der Entwicklungs-, Erziehungs- und Familienpsychologie sowie psychologischer Diagnostik unter Berücksichtigung der Gütekriterien", betont Leitner, der im März im Auftrag des Justizministeriums in Magdeburg Richter von Oberlandes- und Amtsgerichten fortgebildet hat. „Auch Kenntnisse im Bereich Psycholinguistik, die vielen Gutachtern fehlen, spielen bei der Gesprächsführung und bei Testinterpretationen eine wichtige Rolle", erklärt Leitner. Problematisch sei außerdem, dass die Bezahlung für die Erstellung der Gutachten nicht selten extrem hoch ausfällt. „In Einzelfällen bekommt ein Sachverständiger mehr als 30.000 Euro." Berufsbezeichnung ist nicht geschützt Da die Berufsbezeichnung Sachverständiger nicht geschützt ist, kann ihn jeder ausüben, den ein Richter für geeignet hält. „Über die Beauftragung und Auswahl der Sachverständigen entscheidet der Richter", erklärt der Direktor des Amtsgerichts Lübbecke, Thomas Beimann. „Familienpsychologische Gutachten erstellt zwangsläufig ein Psychologe mit abgeschlossenem Studium", sagt Beimann. Diplom-Psychologin Anne Marie Müller-Stoy ist seit 1996 hauptberuflich als Sachverständige im gerichtspsychologischen Institut Bielefeld tätig. „Gutachterliche Schlussfolgerungen und Empfehlungen werden aus der Perspektive von Beteiligten manchmal als große Ungerechtigkeit empfunden, wenn diese entgegen ihren Vorstellungen ausfallen", sagt Müller-Stoy. „Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, für betroffene Kinder die bestmögliche Lösung zu finden." Die Situationen, in denen die Kompetenz des Gutachters angezweifelt oder ein Zweitgutachten in Auftrag gegeben werde, seien laut Müller-Stoy eher selten. „Psychologische Sachverständige des Familienrechts haben demnach einen sehr verantwortungsvollen, der Diagnostik mit Intervention verbindet", erklärt Müller-Stoy. In der Regel müssen im Gutachten konkrete Fragen des Richters beantwortet werden, wie zum Beispiel: Wo soll das Kind leben? Mit wem soll das Kind Umgang haben? Zudem müsse der Gutachter auch die Erziehungsfähigkeit der Eltern überprüfen. „Um sich ein differenziertes Bild von der gesamtfamiliären Situation zu verschaffen, wenden sich die Gutachter unter anderen an die Kita, Schule oder den behandelnden Arzt." Da die Gutachter nicht im therapeutischen Bereich arbeiten, sei es nicht ihre Hauptaufgabe eine Diagnose zu stellen. „Wenn der Verdacht besteht, dass einer der Elternteile psychische Auffälligkeiten aufweist, die seine Erziehungsfähigkeit beeinflussen könnten, kann eine ergänzende Begutachtung durch familienpsychologische, psychiatrische oder psychotherapeutische Sachverständige sinnvoll sein", sagt Müller-Stoy. Dabei ist das Urteil des Gutachters für den Richter nicht bindend. „Obwohl psychologische Gutachter bei der Aufklärung des Sachverhaltes unterstützen, treffe der Richter grundsätzlich eine eigene Entscheidung", sagt Beimann.

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