Paderborn. Sie haben es geschafft, sich einen gewissen Wohlstand erarbeitet jenseits der Niedriglohnjobs ihrer Eltern. Doch los lässt die Geschichte ihrer Mütter und Väter die zweite Generation polnischer Einwanderer nicht. Ist da doch diese nicht enden wollende Angst: wieder abzurutschen und den erreichten Lebensstandard nicht halten zu können. Diese Furcht vor dem gesellschaftlichen Absturz umtreibt die drei namenlosen Figuren in „Juices“, das im Studio des Paderborner Theaters Premiere hatte.
Regisseurin Sophie Killer, die in Paderborn bereits mit „Jeeps“ und „Warten auf Godot“ überzeugt hat, liefert ein nachdenklich-mehrdimensionales Stück. Im Text der selbst aus Polen stammenden Ewe Benbenek spielen auch autobiografische Züge der zweiten Migranten-Generation eine Rolle. Claudia Sutter, David Lukowczyk und Kai Benno Vos – angezogen mit einer Mischung aus Fashion und Funktionskleidung – bilden zusammen diese Kinder der Putzkräfte und Spargelstecher.
Komplett weiß ist die Bühne (Gabriela Neubauer: auch Kostüme), alles wirkt extrem clean. Doch selbstverständlich steckt hinter diesem Anschein viel Arbeit. Die permanente Gefahr des Abstürzens spiegelt das große Loch in der Mitte der Bühne. Dessen Abdeckung hängt ein paar Meter höher schräg in der Luft und dient auch als meist experimentell-abstrakte Projektionsfläche (Musik und Video: Thalia Killer) der Figuren.
Das Bühnenbild macht drohenden Absturz und gesellschaftliche Abgrenzung deutlich
Vor den weißen Bahnen an den Wänden verlaufen ringsum Geländer, die mit zwei parallelen Handläufen an Turnbarren erinnern: Sie dienen als Halt, helfen bildlich beim notwendigen Aufschwung aus dem drohenden Abgrund, sind nicht zuletzt aber auch eine gesellschaftliche Abgrenzung.
Alles in dieser Inszenierung ist mehrschichtig, Sprache, Spiel und Bühnenbild sind mal konkret, meist abstrakt und trefflich metaphorisch-bildhaft. Da sind seltsam-philosophische Gespräche über existenzielle Sorgen und das Fehlen eines Bodens, der einen auffängt. Das ganze Leben wird dominiert von der Angst vorm gesellschaftlichen Absturz.
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Viele direkte Ansprachen ans Publikum in Paderborn
Killers „Juices“ ist extrem dynamisch und durchschlagend. Oft ist es, mit vielen direkten Ansprachen ans Publikum, mehr experimentelle Performance als Schauspiel. Zurücklehnen ist nahezu unmöglich – weder fürs Publikum noch für die Figuren im Stück. Entspannung wird in der multifunktionalen Bühnensenke als abgehobener Wellness-Trip mit sphärischen Klängen und einem wirren Dialog übers Schaumbad inszeniert.
Der Druck, das Erreichte bewahren und weiterhin abliefern zu müssen, liegt schwer auf der Kindergeneration. Doch immer wieder hängt das zwischen Dada-Momenten, Diskurs-Ebene und Innensichten der Charaktere furios agierende Figurentrio durch und an den Rändern des Möglichen fest. Die drei sind erschöpft und verlieren den Stand, den ihnen auch das Geländer nur bedingt bietet. All dies wird durch die treffenden Regieeinfälle und Bildnisse sicht- und (be-)greifbar.
Die Nachfolgegeneration im Zwiespalt
Fragen werden gestellt: Wo bin ich? Dabei hole sich auch die Nachwuchsgeneration der Einwanderer manchmal eine Putzfrau ins Haus. Zwar alles fair und ethisch korrekt, dennoch ist es quasi die eigene Mutter. Eine Macherinnen-Mutter, die ihr Geld mit Putzen im Großraumbüro verdient hat, mit dabei der Sohn, der hier seine Hausaufgaben gemacht hat, während die Mama Geld verdient. Die Nachfolgegeneration weiß nicht, wie sie mit diesen Erinnerungen, dieser Geschichte umgehen soll, und wie dies erzählt werden kann. Lukowczyks Figur schreit heraus, was er sich von ihr gewünscht hätte: „Ich werde hier nicht gerecht bezahlt.“ Mit Schlamm schreibt er die Worte „Ich werde hier“ an die weiße Wand. Kurz darauf wird das von einer Putzfrau weggewischt.
Diese Reinigungskraft (Carmen-Diana Kersting) ist fast während der gesamten Spielzeit still zugange und reinigt, ohne zu reden, die Bühne. Sie wischt und schrubbt, links, rechts, überall. Irgendwann gehört sie mehr oder weniger zur Ausstattung und verschwindet darin nahezu – unsichtbar und ungesehen, so wie wohl auch die erste Migrantengeneration. Nur als sie mit Trinkpäckchen und Stulle eine Pause macht und einmal allein auf der Bühne ist, konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf sie. Das Putzen wird zum Bild für eine nicht endende Arbeit: Ist es an einer Stelle sauber, ist es woanders schon wieder dreckig: ein fortwährender Kampf ums Vorankommen oder Ausrutschen.
Verweis auf Stadtbild-Äußerung von Friedrich Merz
„Juices“ liefert nicht nur die klassische Migrationsgeschichte, unterschiedliche Diskurse werden angesprochen: Anwerbeabkommen mit anderen Ländern und der wirtschaftliche Aufstieg der BRD, die EU-Osterweiterung mit billigen Arbeitskräften und welchen, „die gut reinpassen ins Stadtbild“ – ein Verweis auf Kanzler Friedrich Merz –, zweifelhafte Solidarität und dazu, wer denn ins Land darf und wer nicht.
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Die über dem Loch im Boden passende Abdeckung schwebt schließlich herunter, immer tiefer. Die zunächst noch am Rand sitzenden Darsteller müssen sich irgendwann hinlegen und Regisseurin Killer macht erst einmal den Deckel drauf. Das perfekte Bild für den immer wiederkehrenden Absturzstress und den Druck, den alle Generationen haben.
Dann wird das Loch zum Provinzsee, der zur Bewässerung für die Felder des Königs, ja Kaisers aller Gemüse dient: Spargel. Die drei flippen aus, bespritzen sich mit Wasser, immerzu „Wachsen“ rufend. Ein wunderbares Irrbild für den zyklischen Spargel-Hype, der seinen menschlichen Preis hat. Nur dass heute die Kinder der Spargelstecher am See liegen, dort wo ihre Eltern sich früher verbogen haben. Am Schluss reden dann, wie schon am Anfang, alle wild durcheinander, dazu krachige Musik. Es ist der passende Abschluss für eine nicht leicht konsumierbare, aber runde Inszenierung, die ebenso lauten Applaus erhält.
Weitere Aufführungen sind unter anderem am 6., 14., 28. Dezember und 8. Februar. Karten sind an der Theaterkasse am Neuen Platz unter Tel. 05251 2881100 und per E-Mail an kartenservice@theater-paderborn.de erhältlich.
Anmerkung: Dieser Artikel wurde bereits zuvor veröffentlicht und an dieser Stelle in Form der Rezension aktualisiert.