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Im Interview: Michael Menke-Peitzmeyer, Regens des Paderborner Priesterseminars. - © Stefan Köneke
Im Interview: Michael Menke-Peitzmeyer, Regens des Paderborner Priesterseminars. | © Stefan Köneke

Paderborn Paderborner Priesterausbilder: „Sexualität soll nicht verteufelt werden"

Interview mit Michael Menke-Peitzmeyer, Regens des Paderborner Priesterseminars

Birger Berbüsse
17.02.2019 | Stand 17.02.2019, 12:26 Uhr

Paderborn. Michael Menke-Peitzmeyer, Regens des Paderborner Priesterseminars, äußert sich zu der jüngsten Debatte um homosexuelle Priester. Außerdem spricht er über Missbrauchsprävention und über die Zukunft des Zölibats. Ihre Erklärung, dass das Paderborner Priesterseminar auch homosexuelle Kandidaten akzeptiert, hat für Aufsehen gesorgt. Hat Sie das überrascht? Michael Menke-Peitzmeyer: Die Heftigkeit der Debatte hat mich schon erstaunt, weil ich eigentlich davon ausging, dass die Unterscheidung, die ich vorgenommen habe, keine Weltsensation ist. Allerdings ist durch eine missverständliche Darstellung des Gesagten – ausgerechnet in einem katholischen Medium (das Internetportal katholisch.de, Anm. d. Red.) – der Eindruck entstanden, als würden hier Türen geöffnet, die de facto immer schon offen waren: dass die Ausbildungsverantwortlichen nämlich unter Einbeziehung von Fachexperten sehr differenziert schauen, welche Rolle das sexuelle Empfinden eines Bewerbers im Blick auf den späteren Dienst als Priester spielt. Wozu hat das Ihrer Meinung nach geführt? Menke-Peitzmeyer: Die Debatte hat sich im Sinne einer Reduzierung auf die Frage nach der Bewertung von Homosexualität verselbstständigt. Da wurde eine dem gesellschaftlichen Mainstream folgende Fixierung auf ein Thema und eine Personengruppe vorgenommen, so dass von unseren Bemühungen um eine reife menschliche Entwicklung im Rahmen der Priesterausbildung überhaupt nicht mehr die Rede war. Damit wurde mein eigentliches Anliegen bedauerlicherweise konterkariert. Welchen Stellenwert hat das Thema Sexualität in der achtjährigen Priesterausbildung? Menke-Peitzmeyer: Das Bemühen um eine reife Sexualität ist eine wichtige Voraussetzung, um die priesterliche Ehelosigkeit dauerhaft zufrieden und glaubwürdig leben zu können. Es muss bereits am Anfang des Weges deutlich werden, dass die Fragen persönlicher Sexualität auch Thema der Ausbildung sind. Es geht eben nicht darum, Sexualität zu verteufeln oder zu verdrängen, sondern besprechbar zu machen und in diesem Sinne offen damit umzugehen. Wenn ein Priesteramtskandidat das nicht tut, besteht die Gefahr, dass sich später Eigendynamiken entwickeln, die dem einzelnen nicht gut tun und im seelsorglichen Alltag zu Problemen führen, die den priesterlichen Dienst unglaubwürdig machen und unter bestimmten Bedingungen sogar zu Straftaten führen. "Das sind keine Verrückten oder Abgedrehten oder Außerirdischen" Wie sieht das in der Ausbildung konkret aus? Menke-Peitzmeyer: Ein wichtiger Punkt ist gleich am Anfang im Rahmen des Bewerbungsverfahrens die Eignungsdiagnostik der Kandidaten unter Leitung eines Psychiaters. Die betrifft aber nicht nur Fragen der Sexualität. Es geht dabei ja nur um einen, wenn auch wichtigen Ausschnitt aus dem Gefühlsleben eines Menschen. Deswegen fragen wir umfassender: Gibt es in der Persönlichkeit des Bewerbers Auffälligkeiten bis hin zu Persönlichkeitsstörungen, die einen Ausbildungsweg zum Seelsorger erschweren oder gar ausschließen? Allerdings muss ich sagen: Ich erlebe in den Bewerbungsgesprächen hauptsächlich – physisch wie psychisch – gesunde junge Männer. Da kommen keine Verrückten oder Abgedrehten oder Außerirdischen zu uns; es sind vielmehr junge Männer, wie sie in unserer Gesellschaft einfach da sind. Und welche Rolle spielt die Missbrauchsprävention? Menke-Peitzmeyer: Neben den Ausbildungsmodulen zur menschlichen Reifung haben wir ein ausgefeiltes Präventionsprogramm. Im Grunde genommen werden dabei die Präventionsschulungen, die alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diözese absolvieren müssen, auch bei unseren Priesteramtskandidaten vom ersten Jahr an durchgeführt. So stellen wir sicher, dass sie schon als 19-, 20-Jährige auf demselben Niveau informiert sind und geschult werden, wie es bei den älteren und erfahreneren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fall ist. Dabei stellen wir erfreulicherweise fest, dass die jungen Männer eine hohe Sensibilität für dieses Thema entwickelt haben und sehr darum bemüht sind, etwa die Fragen von Nähe und Distanz in zwischenmenschlichen Beziehungen ernst zu nehmen. "Drewermann kennt die jungen Leute nicht" Der Psychotherapeut und Kirchenkritiker Eugen Drewermann nannte Priester „Gefangene ihrer Triebdynamik" und sprach vom „Zwangszölibat". Menke-Peitzmeyer: Eugen Drewermanns Aussagen sehe ich differenziert. Sein Anliegen, die katholische Kirche müsse auf der Grundlage der Botschaft Jesu glaubwürdig unterwegs sein, ist zu teilen. Ich stimme ihm auch zu, wenn es darum geht, Strukturen innerhalb der Kirche zu benennen und zu verändern, die zu bestimmten Fehlentwicklungen geführt haben, gerade wenn es um die Folgen des Verfehlens der zölibatären Lebensweise geht. Ich glaube aber auch, dass Herr Drewermann die Gemengelage unter jungen Menschen, die sich heute auf den Priesterberuf vorbereiten, nicht genau kennt. Er hat eher die Situation der 60er und 70er Jahre im Blick, als er selber Priesteramtskandidat war und dann auch Priester ausgebildet hat. Das Deutungsmuster der Freudschen Theorie von den Folgen der Triebunterdrückung halte ich an diesem Punkt für nicht ausreichend. Er spricht also von Dingen, die es so heute gar nicht mehr gibt? Menke-Peitzmeyer: Heute haben wir es nach meiner Erfahrung eher mit der Frage zu tun, wie sich junge Bewerber angesichts der Liberalisierung und weitgehenden Wertfreiheit im sexuellen Bereich bewusst und reflektiert auf den Zölibat vorbereiten können. Es ist ja nicht so, dass der typische Kandidat von seiner Mutter oder aus einem verklemmten Sozialgefüge in diese Lebensweise gedrängt wird und hinterher merkt, dass er in einem Gefängnis ohne Ausgang gelandet ist. Sondern? Menke-Peitzmeyer: Wer heute Priester werden will, muss sich in einer Gesellschaft, in der sich die Stellung der Sexualität nach 1968 massiv verändert hat, fragen: Welchen Wert hat die menschliche Sexualität für mich? Bin ich bereit und fähig, für die ehelose Lebensform des Priesters meine persönlichen Bedürfnisse so weit zurück zu stellen, dass ich diesen Wege gehen kann? Das ist eine gewaltige Herausforderung. Aber von einem Zwangssystem zu sprechen, halte ich für überzogen. Zumal in einem achtjährigen Prozess junge Männer, unterstützt durch unser Ausbildungssystem, reiflich überlegen können, ob sie diesen Weg gehen können. Zölibat? Vielleicht gibt es noch eine Überraschung... Diesen Weg beschreiten immer weniger junge Männer. In diesem Jahr werden 3 Priester geweiht – 1991 waren es über 30. Menke-Peitzmeyer: Die Lage wird sich in den nächsten Jahren noch dramatisieren durch das altersbedingte Ausscheiden einer zahlenmäßig sehr starken Generation aus dem aktiven priesterlichen Dienst. Dieses Problem kann unter den gegenwärtigen Bedingungen wie der Existenz des Zölibats nur dadurch gelöst werden, dass wir unsere Anstrengungen vermehren, Frauen und Männer in den kirchlichen Dienst haupt- und ehrenamtlich einzubeziehen, die engagiert und glaubwürdig dazu beitragen, dass der Glaube vor Ort gelebt und auch weitergegeben wird. Da muss ein Ruck durch die Kirche gehen. Immer wieder wird der Zölibat diskutiert. Menke-Peitzmeyer: Die Debatte um die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt muss gewiss weitergeführt werden, sie alleine kann aber bei weitem nicht zur Lösung des Problems beitragen. Es ist eine gemeinsame Anstrengung aller notwendig. Vielleicht rächt sich heute auch, dass wir in der Vergangenheit zu sehr auf die hauptamtlichen Kleriker und zu wenig auf die Laien gesetzt haben. Können Sie sich vorstellen, dass hier im Priesterseminar irgendwann Männer ausgebildet werden, die nicht mehr zölibatär leben müssen? Und dass sie mit Frauen geweiht werden? Menke-Peitzmeyer: Angesichts der Debatten, die mittlerweile auch auf bischöflicher Ebene geführt werden, kann ich mir vorstellen, dass wir bei den Zulassungsbedingungen vielleicht noch die eine oder andere Überraschung erleben, die wir heute nicht für möglich halten.

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