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Obdachloser in der Zentralstation: Wer kein freies Bett bekommt, schläft im Freien. Manche Obdachlose fürchten Streit in Unterkünften. - © Archivfoto: Holger Kosbab
Obdachloser in der Zentralstation: Wer kein freies Bett bekommt, schläft im Freien. Manche Obdachlose fürchten Streit in Unterkünften. | © Archivfoto: Holger Kosbab

Paderborn Zu wenige Betten für Obdachlose in Paderborn

Kalte Monate: In der Winterzeit sind die Schlafbereiche bei KIM stets ausgebucht. Fachleute sehen einen Bedarf für zusätzliche Alternativen

Sabine Kauke
02.02.2019 | Stand 02.02.2019, 12:25 Uhr

Paderborn. In Paderborn leben etwa 50 obdachlose Menschen, die jeden Tag entscheiden müssen, wo sie die Nacht verbringen. Im Freien kann die Winterkälte für sie lebensbedrohlich werden, weil der Körper auskühlt. Trotzdem ist für einige offenbar die Hürde groß, in der städtischen Übernachtungsstelle zu schlafen. Sie übernachten lieber draußen in der Kälte, suchen sich Hauseingänge, Treppenhäuser, Garagen, schlafen in der Zentralstation. Kürzlich hatte eine Volksbank-Filiale in Paderborn deshalb den Vorraum einer Filiale geschlossen. Beim B2.Streetwork von KIM, wo niedrigschwellige Hilfe für süchtige und obdachlose Menschen geleistet wird, ist die Nachfrage hingegen größer als das Angebot. Allein im Januar mussten dort 17 Obdachlose abgewiesen werden. 42 Schlafplätze für rund 50 Obdachlose In der Stadt stehen Obdachlosen aktuell insgesamt 42 Schlafplätze zur Verfügung: 20 im B2.Streetwork von KIM, davon acht für Frauen, sowie 22 in der städtischen Übernachtungsstelle in der Wollmarkstraße, davon vier für Frauen. Selbst in der frostigen Nacht auf Donnerstag entschieden sich aber nur fünf Obdachlose, darunter eine Frau, für die städtische Übernachtungsstelle. Darüber informierte Sozialarbeiter Joachim Veenhof, Geschäftsführer des katholischen Vereins für Soziale Dienste, im Sozialausschuss des Rates. Im Januar hätten dort pro Nacht zwischen fünf und elf Menschen geschlafen, insgesamt waren es in dem Monat 230 Übernachtungen (Januar 2018: 321). "Der erklärte Wunsch, draußen zu schlafen, ist gestiegen", sagt Joachim Veenhof. Auch aus Angst vor Streit und Diebstahl, wenn sich mehrere Leute einen Raum teilten. Ein Grund könne aber auch sein, dass für die Unterkunft ein Übernachtungsschein erforderlich ist. Und der muss schon am Nachmittag beim SKM, bei B.O.S.S. oder bei der Bahnhofsmission organisiert werden. Weil die Menschen die Gefahren bei Kälte nicht immer richtig einschätzen, sind Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit dem B.O.S.S-Mobil auch außerhalb der Stadt auf der Suche nach Obdachlosen unterwegs. "Wir würden eine weitere Etage voll bekommen" Bei B2.Streetwork von KIM sind seit dem 20. Januar in den kalten Nächten alle Betten belegt. Dort wird niedrigschwellige Hilfe und Beratung für süchtige und obdachlose Menschen angeboten. Während das Café regelmäßig von rund 80 Menschen besucht wird, sind auch die 20 Betten im Winter sehr nachgefragt. "Wir würden eine weitere Etage voll bekommen. Im Januar mussten wir 12 Männer und fünf Frauen abweisen", sagt KIM-Geschäftsführer Günter Helling. Sie wurden mit warmen Schlafsäcken und Isomatten gegen die Kälte ausgestattet. Auch im zweiten Halbjahr 2018 hätten bereits mehrfach Menschen abgewiesen müssten, erklärt Helling: "Wir spüren die Probleme auf dem Wohnungsmarkt sehr", sagt der Geschäftsführer und stellt klar: "Wir sehen den Bedarf an mehr Schlafplätzen für Obdachlose." Man habe bereits Möglichkeiten geprüft, aber noch keinen konkreten Plan. Für Suchtkranke braucht man ein anderes Hilfesystem In den letzten Jahrzehnten sei in Paderborn zwar niemand erfroren, erklärt SKM-Geschäftsführer Joachim Veenhof auf die Frage nach einem Notfallplan für Minusgrade. Aber auch er sieht Bedarf. "Es wäre wünschenwert, im Winter weitere Alternativen zu haben. Denkbar wären auch Container-Lösungen oder Tiny-Houses, Mini-Häuser". Mit der Suchtproblematik sei die Zielgruppe bei B2.Streetwork eine andere, betonte Veenhof: "Für diese Menschen wird ein anderes Hilfesystem benötigt." Wer bei KIM abgelehnt werde, könne nicht zwangsläufig an die städtische Übernachtungsstelle verwiesen werden. In der städtischen Übernachtungsstelle haben 2018 insgesamt 64 Männer und elf Frauen Unterschlupf gesucht. Insgesamt wurden 2.759 Übernachtungen gezählt, 10,7 Prozent mehr als 2017. Der Großteil verbrachte dort eine bis sieben Nächte, nur knapp 10 Prozent schlief dort mehr als 100 mal. Im B2.Streetwork beträgt die Höchstdauer für Übernachtungen sechs Wochen. 66 Menschen mussten 2018 deswegen gehen. Im Winter gilt eine andere Regel: Nach einer Woche dürfen die Obdachlosen wiederkommen. Sofern es freie Betten gibt.

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