Anfang November erfuhren die Finke-Beschäftigten vom Aus des Standorts Paderborn. "Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen", sagt eine langjährige Mitarbeiterin. - © Lena Henning
Anfang November erfuhren die Finke-Beschäftigten vom Aus des Standorts Paderborn. "Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen", sagt eine langjährige Mitarbeiterin. | © Lena Henning

Paderborn Trauer, Wut und Zukunftsängste: Drei Finke-Mitarbeiter berichten

Drei Beschäftigte erzählen, was das plötzliche Aus und der Verlust ihres Arbeitsplatzes bedeuten

Lena Henning
26.11.2018 | Stand 27.11.2018, 07:47 Uhr

Paderborn. Die Nachricht Anfang November kam für die meisten völlig überraschend: Die Krieger-Gruppe schließt das Finke-Einrichtungshaus in Paderborn bis Juni 2019. Das Gebäude soll abgerissen werden. Für die Stadt ist es das Ende einer Ära. Für die Mitarbeiter eine Katastrophe. Viele sind schon sehr lange dabei, haben das Unternehmen durch Höhen und Tiefen begleitet. Drei von ihnen erzählen, was das plötzliche Aus und der Verlust ihres Arbeitsplatzes für sie bedeuten. "Das war blanker Hohn" "Im ersten Moment war ich total geplättet von dieser Nachricht, das war ein Schock", sagt Werner Meyer (alle Namen von der Redaktion geändert). Er und seine Kollegen hatten mit so einer Nachricht überhaupt nicht gerechnet, denn bis dahin war immer davon die Rede gewesen, dass die Filiale erhalten bleiben sollte. "Und dann hieß es auf einmal: Das Unternehmen ist angeblich marode", sagt Meyer. Für ihn total unverständlich. Die Mitarbeiter haben sich Jahre lang für die Firma aufgeopfert. Finke ist für viele "wie eine zweite Familie" gewesen. Dass die Eigentümer nach der Mitarbeiterversammlung durch das Gebäude gegangen seien und einzelne Mitarbeiter gefragt hätten, wie es ihnen gehe, empfand Meyer nicht als tröstend, sondern erniedrigend: "Das war blanker Hohn. So was kann man sich sparen." Werner Meyer wäre in wenigen Jahren in Rente gegangen. "Eigentlich steht man fast am Ende des Arbeitslebens - und dann soll man noch mal was ganz Neues aufbauen?", fragt er sich. "Ich war in meinem Leben nie arbeitslos. Für mich wird das doppelt schwer", fürchtet er. Er weiß einfach nicht so richtig, was jetzt kommt. Den geplanten Urlaub im nächsten Jahr haben er und seine Frau storniert. "Auch die Weihnachtsgeschenke haben wir eingestampft", sagt er. Nur das Enkelkind bekommt trotzdem was. Unter den Mitarbeitern herrscht inzwischen ein Gefühl der Gleichgültigkeit. Viele melden sich krank. Andere haben das Unternehmen bereits verlassen. "Solange ich bezahlt werde, mache ich meinen Job", sagt Meyer. "Wir dürfen jetzt den Kopf nicht hängen lassen." "Die Tränen sind getrocknet. Jetzt kommt die Wut" Auch Sabine Müller arbeitet seit vielen Jahren bei Finke. Sie hat in dieser Zeit Höhen und Tiefen mitgemacht. Mit Einschnitten und Kündigungen hatten die Mitarbeiter nach der Übernahme gerechnet. Aber sie sind immer davon ausgegangen, dass zumindest der Standort erhalten bleibt. "So eine Nachricht haut einen erst mal um", sagt sie. Jeder Mitarbeiter ist in diesen Tagen ein bisschen neben der Spur. Man reißt sich eben zusammen. Abhängig von der Tagesform klappt das mal besser, mal schlechter. "Die Tränen sind getrocknet. Jetzt kommt die Wut", sagt Müller. Niemand könne verstehen, dass ein traditionelles Familienunternehmen einfach so zerschlagen werde, auch die Kunden nicht. "Ich werde bis zum letzten Tag hier stehen, auch wenn's schwer fällt", sagt sie. Sie will sich vernünftig verabschieden. Und so ganz hat sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass am 30. Juni bei Finke vielleicht doch noch nicht alle Lichter ausgehen. "In nur fünf Minuten wird das alles hier kaputt gemacht" "Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen", beschreibt Beate Schmidt den Moment, als sie erfahren hat, dass sie in wenigen Monaten arbeitslos sein wird. "Ich habe hier mehr als 20 Jahre bei Finke gearbeitet - und das alles wird in nur fünf Minuten kaputt gemacht." Sie ist in ein Loch gefallen, hat eine Woche fast nicht geschlafen. Eine Katastrophe sei das für sie. Sie hat Zukunftsängste und fragt sich, wie es jetzt weitergehen soll. Nur langsam rappelt sie sich wieder auf. Mit der Zeit wandelt sich der Schock in Wut. Eigentlich muss sie nur noch wenige Jahre arbeiten, bis sie in Rente gehen könnte. "In meinem Alter sind die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt nicht gut", sagte Schmidt. Sie wird wohl viele Bewerbungen schreiben müssen. Bis Juni will sie damit nicht warten und hat schon angefangen. Bisher hatte sie noch kein Glück. Viele Arbeitgeber melden sich überhaupt nicht. Der Arbeitsalltag ist anders, seit diesem Montag im November. Viele Kunden hätten Mitleid, aber einige würden schon jetzt unverschämte Rabatte einfordern: "So nach dem Motto: Ihr seid ja eh bald weg. Da muss man sich im Moment einiges gefallen lassen", sagt Schmidt. Ihre Motivation, noch für Finke zu arbeiten, ist wie bei vielen ihrer Kollegen gering. "Ich habe immer gerne gearbeitet. Aber jetzt schleppt man sich eher so hin."

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