Das Zentrum der jüdischen Gemeinde: Die 1882 fertiggestellte Synagoge am Busdorf auf einer Postkarte aus dem späten 19. Jahrhundert. - © Stadtarchiv Paderborn
Das Zentrum der jüdischen Gemeinde: Die 1882 fertiggestellte Synagoge am Busdorf auf einer Postkarte aus dem späten 19. Jahrhundert. | © Stadtarchiv Paderborn

Paderborn Als die Synagoge in Paderborn brannte

Pogromnacht: Am 9. und 10. November 1938 tobten staatlich gelenkte Nazi-Schläger durch Paderborn und drangsalierten die jüdischen Einwohner. Der Stadbaurat persönlich steckte dann die Synagoge in Brand. Die Feuerwehr schaute zu.

Hans-Hermann Igges

Paderborn. Wozu es führt, wenn Hass Jahre lang geschürt wird und sich dann sogar staatlich legitimiert in Gewalt entlädt, zeigte sich vor genau achtzig Jahren. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden auch die Paderborner Juden verprügelt, verhaftet und beraubt. Die 1882 errichtete Synagoge am Busdorf brannte völlig nieder – und die Paderborner Feuerwehr schaute zu. Die Paderborner Historikerin Margit Naarmann beschreibt in ihrem umfangreichen Werk über jüdische Familien in Paderborn in der Zeit des Nationalsozialismus (Titel: „Von ihren Leuten wohnt hier keiner mehr") wie sich die Spirale der Gewalt in Gang setzte: Erst Boykotte, diskriminierende Gesetze und Verdrängung aus dem öffentlichen Leben, dann die physische Verfolgung. Als Vorwand für die Gräuel der Pogromnacht diente den Nazis am 7. November die Ermordung eines Botschaftssekretärs in Paris durch einen deutschen Juden, dessen Familie wie auch 50.000 andere Menschen jüdischen Glaubens noch schnell nach Polen abgeschoben werden sollte, bevor dies gesetzlich von Seiten Polens nicht mehr möglich gewesen wäre. Dabei war der 9. November, das Datum der Pogromnacht, ein für die Nazis bereits bedeutungsschwangerer Tag, an dem man der eigenen Opfer beim missglückten Hitlerputsch 1923 in München gedachte. Nicht nur der braune Mob rastete aus Die Aktionen gegen jüdische Einrichtungen sollten als spontan und aus der Bevölkerung heraus erscheinen. Historiker wie Sebastian Bischoff vom Historischen Institut der Uni Paderborn geben die Zahl der zerstörten religiösen jüdischen Einrichtungen in ganz Deutschland mit 1.400 an. Die Angaben über die Zahl der getöteten Menschen schwanken zwischen hundert und mehr als tausend, weil viele Todesfälle auch später noch mit den Vorfällen in und nach der Nacht zusammen hingen. Mindestens 8.000 Geschäfte wurden demoliert und geplündert. In Paderborn feierte der braune Mob der SA nach einer Kundgebung in der Schützenhalle noch in den Kneipen den 15. Jahrestag des Hitlerputsches, als gegen Mitternacht per Telegramm die Direktive von Propagandaminister Goebbels eintraf, etwaigen "spontanen" Ausschreitungen gegen Juden nicht entgegenzutreten – die verkappte Aufforderung zum Loslegen. Unter Führung eines SS-Hauptsturmführers zogen Kommandos durch die Stadt, zerstörten Schaufenster und Häuser und drangen gewaltsam in Wohnungen ein, wo Inventar zerschlagen wurde. Fast alle Paderborner Juden seien dabei brutal aus ihren Betten geholt und verhaftet worden, beschreibt Naarmann die Geschehnisse. Oft hätten sogar jüdisch klingende Namen oder bloße Vermutungen gereicht. Schon nachts waren Schläger auch in die Synagoge eingedrungen, zögerten jedoch mit Rücksicht auf das benachbarte St. Vincenz Krankenhaus, dort auch Feuer zu legen. Als die Paderborner Feuerwehr bis zum Mittag die Nachbargebäude durch Auslegen von Schläuchen gesichert hatte, setzten ein SS-Führer namens Nagorny und der Paderborner Stadtbaurat Dr. Keller die im Innern gestapelten und mit Öl übergossenen Holzbänke schließlich in Brand. Erst als die Kuppel einstürzte, begann die Feuerwehr mit den Löscharbeiten, auch das jüdische Gemeindehaus brannte aus. Die Juden wurden vorübergehend ins KZ gesteckt Bereits am Nachmittag wurden die verhafteten 62 Juden aus Paderborn und Salzkotten aus dem Polizeigefängnis an der Grube in Bussen vom Domplatz an der zerstörten Synagoge vorbei nach Bielefeld und von dort ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Die meisten kamen erst nach Wochen oder Monaten zurück; laut Margit Naarmann starben zwei namentlich bekannte Paderborner an den Folgen der Haft. Abseits linientreuer Nazis und ihrer Schlägerbanden SA und SS scheint die Stimmung in Paderborn allerdings durchaus nicht hellauf begeistert ob der Ausschreitungen gewesen zu sein. Margit Naarmann zitiert entsprechende Zeitzeugenberichte, wonach sich die meisten Menschen eher eingeschüchtert, wenn auch ohne lauten Widerspruch verhielten. Auch soll es Versuche einzelner Polizisten gegeben haben, sich der SA in den Weg zu stellen. Dennoch wird von zahlreichen führenden Repräsentanten der Stadt berichtet, die sich aktiv an den Pogromen beteiligten. So seien SS und SA bei ihren nächtlichen Streifzügen von Bürgermeister Kosiek und Landrat Althans begleitet worden. Insgesamt galt laut Naarmann die reichsweite Pogromnacht als "eine Art Vorschau, um festzustellen, wieweit die Bevölkerung antijüdische Ausschreitungen dulden und unterstützen würde". Im katholischen Paderborn fiel die Bilanz offenbar durchwachsen aus. Naarmann: "Die Brandschatzung der Synagogen, so schien es vielen, war ein erster Schritt auf dem Weg zur Zerstörung der Kirchen. Das Mitleid mit den Verfolgten drang allerdings nicht auf die Straße." Der Historiker Bischoff wertet die Pogrome als "Beginn einer Entgrenzung der Gewalt". Er sagt: "Niemand konnte danach noch behaupten, nicht gewusst zu haben, was mit Mitbürgern jüdischen Glaubens geschehen sollte."

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