Herausragendes Bühnenspiel: Tim Tölke als Andri (Mitte), hier mit der Andorranerin Josephine Mayer und Mona Kloos als frustrierte Amtsärztin (v.l.). - © Tobias Kreft
Herausragendes Bühnenspiel: Tim Tölke als Andri (Mitte), hier mit der Andorranerin Josephine Mayer und Mona Kloos als frustrierte Amtsärztin (v.l.). | © Tobias Kreft

Paderborn Umjubelte Premiere von „Andorra“ im Theater Paderborn

Würdiger Auftakt: Mit "Andorra" eröffnet das Theater Paderborn die neue Spielzeit. Das Publikum ist begeistert - vor allem von Tim Tölke

Holger Kosbab

Paderborn. Ordentlich soll es sein: Andorra. Mit weißen Platten ist es ausgelegt und komplett verkleidet. Platten aus Styropor, die, so rein sie auch sein mögen, einfragiles Fundament bilden, das schnell zerbrechen kann. Das totale Weiß ist lediglich durchquert von einem Holzbalken an der Hinterwand. Ein Balken, der Andorras Richtung vorgibt, von der Mitte hoch nach rechts. Denn ein Gewitter liegt in der Luft in jenem fiktiven Andorra, das nur äußerlich sauber ist und innerlich zutiefst durchsetzt von dunklen Vorurteilen. Auf der Bühne sorgt "Andorra" für Schauer, das zeigte die gefeierte Premiere am Samstag im Theater Paderborn. Regisseur Tim Egloff inszeniert Max Frischs 57 Jahre alte Parabel im Großen Haus stilsicher ohne plumpe Aktualisierungen. Das Stück ist eine hoch aktuelle Kritik an Antisemitismus und Rassismus, deren Mechanismen Egloff quer durch die Gesellschaftsschichten aufzeigt. Auch Selina Trauns Bühne sowie die zeit- und landesunspezifischen Kostüme stehen für die Andorras dieser Welt. Dies und ein Ensemble, das die verschiedenen Charaktere erschreckend realistisch darstellt, machen das Stück zu einerintensiven und sehr würdigen Saisoneröffnung, die betroffen macht und aufwühlt. Zerrissenheit der Figur Herausragend ist Tim Tölke als Andri. Die Zerrissenheit seiner Figur, die zugleich jung und lebensfroh ist und seine Ziehschwester Barblin liebt, sich seiner Rolle als Jude hingibt, zum Sündenbock wird und dies am Ende mit dem Tode bezahlt, präsentiert er in allen Nuancen. Andri sucht seine Identität, seine Bestimmung - und Tölke macht dies extrem nachempfindbar. Vom begeisterten Publikum gab es dafür Zwischenapplaus. Der als Ziehsohn eines Lehrers aufwachsende Andri ist als Jude geduldet, doch zugleich muss er mit Vorteilen leben, wird diskriminiert und schikaniert. Geldgeil sei er und feig, außer Verkaufen habe er nichts im Blut. Er hinterfragt sich: "Ich weiß nicht, wieso ich anders sein soll, als die anderen. Ich seh?s nicht." Sein Ziehvater (Alexander Wilß) fordert einen starken Sohn. Und Andri nimmt diese Rolle mehr und mehr an. Selbst als er erfährt,dass er gar kein Jude ist, sondern das Kind des Lehrers, das aus dessen Liebe zu einer Frau aus dem antisemitischen und verfeindeten Nachbarstaat - die Schwarzen - stammt. Aus Angst, die Liasion zugeben zu müssen, heiratet er eine Andorranerin (Josephine Mayer) und gibt Andri als Judenkind aus, das er an der Grenze gerettet habe. Damit bestimmt er Andris Leben als Geächteter und macht sich mitschuldig an dessen Tod. Jeder Einzelne trägt Schuld: Nur über Heimat und Andorra spricht die von Vorurteilen gegenüber Juden erfüllte frustrierte Amtsärztin ("Die Wahrheit wird man in Andorra doch noch sagendürfen - oder?"). Mona Kloos spielt diese pseudo-akademische Figur sachlich-kühl und erschreckend unemotional. Carsten Faseler gibt den intellektuell unterdurchschnittlichen, gewaltliebenden und befehlshörigen Macho-Soldaten, der zwarausführen, aber nicht lesen kann ("Ich habe nur meinen Dienstgetan") und Barblin vergewaltigt, während Andri vor ihrer Tür über ihre gemeinsame Zukunft spricht. Jacob Keller gibt als Pater den schwachen Vertreter einer ebenfalls nichtvorurteilsfreien ("Du bist ein Prachtkerl - in deiner Art") und wegschauenden Kirche. Mit dem Wirt (Ogün Derendeli) ist ein Opportunist dabei, der auch am Bösen mitverdient. Der Tischler-Geselle (Robin Berenz) ist ein Dämlack und zu feige, um eine eigene Meinung zu vertreten. Durch und durch Antisemit ist Andris Chef (Patrick O. Beck), der sich als Teil der gesellschaftlichen Mitte in seinen Vorurteilen sicher fühlt. Alles richtig dunkel in Andorra Jeder dieser Mittäter tritt rückblickend einzeln vors Publikum und sagt, dass es wohl anders hätte laufen können mit Andri. Doch echte Reue fehlt. Und nachdem die Schwarzen einmarschiert sind, ist alles richtig dunkel in Andorra. Der nunmehr schwarz gekleidete Soldat hisst eine Fahne:Schwarz-Grau-Weiß, die Farben Deutschlands als Schwarz-Weiß-Bild. Inder drastischen Judenschau-Szene tragen alle schwarze Tücher über dem Kopf und zittern um ihr Leben. Begleitet von lauten Elektro-Beats, betritt der Judenschauer (Kirsten Potthoff) die Bühne:im roten sexy Outfit, mit High Heels und Schäferhund-Maske - einscharfer Hund, der die Absurdität der Situation verdeutlich und zugleich zeigt, wie verführerisch es sein kann, Teil einerstarken Gruppe zu sein. Die gebrochene, gestrafte und mit dem Erlebten überforderte Barblin (Gesa Köhler), die zu Beginn fröhlich Andri liebt, deren Beziehung aber keine Zukunft hat, da beide Halbgeschwister sind, macht am Schluss da weiter, womit sie zu Anfang begann: sie weißelt Andorra und sichselbst. Es sei das Stück der Stunde, hatte Theaterchefin Katharina Kreuzhage vor der Premiere gesagt. Womit sie uneingeschränkt Recht hat. Die aktuellen Ereignisse in Chemnitz zeigen, dass Andorra überall sein kann und ein Wut- und Gewaltpotenzial existiert, das nur einen Anlass zum Ausbruch sucht. Aggressive Rassisten wie stumpfe Hutbürger, frustrierte Wutbürger und eine anonyme Masse, die ausunterschiedlichsten Gründen mitmacht oder billigend am Randsteht. Vom Publikum gab es für diese eindringliche und aufrüttelndeInszenierung stehende Ovationen und einen außergewöhnlichlauten, langen und verdienten Applaus.

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