Ausnahmeschauspieler: Willi Hagemeier. - © Juan Zamalea
Ausnahmeschauspieler: Willi Hagemeier. | © Juan Zamalea

Paderborn Nachruf: Paderborner Theater-Urgestein Willi Hagemeier ist gestorben

Der Paderborner Schauspieler ist im Alter von 63 Jahren gestorben. 30 Jahre lang stand er auf der Bühne und spielte in zahlreichen Filmen mit

Paderborn. Groß, schlaksig, gerne mal schräg und ein Gesicht wie ein Schmöker, in dem ein ganzes Leben nachlesbar ist. Eine Beckett-Figur, wie sie im Buche steht: Das war Willi Hagemeier. Am Donnerstag ist der Schauspieler im Alter von 63 Jahren ganz plötzlich verstorben. Mit Willi Hagemeier verliert das Theater Paderborn sein letztes Urgestein – auch wenn der am 5. Dezember 1954 in Dortmund geborene Akteur die meiste Zeit unter der Marke Westfälische Kammerspiele auf der Bühne stand. Seine letzte Bühnenrolle war die der Königin Margaret in „Richard III.". In der aktuellen Produktion des Theaters Paderborn war er als androgynes Orakel zu erleben. Karriere begann schon in der Schule Hagemeiers Theaterkarriere begann wie bei so vielen in der Schule. Bei ihm war dies in Werl. Das Studium fürs Grundschullehramt führte ihn von Dortmund nach Paderborn. An der hiesigen Uni war er sechs Jahre lang, von 1975 bis 1981, Mitglied der Studiobühne. Unter der Leitung von Wolfgang Kühnhold ist er als Darsteller gereift und gewachsen. Mit dem 2. Staatsexamen für das Lehramt für die Primarstufe hatte er zwar die Voraussetzungen fürs Unterrichten. Doch statt zu lehren, lernte er weiter und begann eine Ausbildung an den Westfälischen Kammerspielen, wo er seit 1988 festes Mitglied ist und dies bis zuletzt auch war. Der damalige Intendant Wolfgang Bremer entdeckte Hagemeiers Ausnahmetalent und holte ihn mittels eines Eleven-Vertrags an die Kammerspiele. In den vergangenen 30 Jahren ist Hagemeier zu dem Gesicht der Paderborner Bühne geworden – auch wenn er unter der neuen Intendanz zuletzt vorwiegend in kleineren Rollen besetzt wurde. Doch auch kleinen Rollen verlieh er eine ganz eigene Größe. Und dann waren da immer wieder diese Willi-Momente: Wie in „Der kleine Horrorladen", wo er als Masochist beim sadistischen Zahnarzt eine Slapsticknummer mit Monty-Python-Format zeigte. Im Februar erhielt Hagemeier dann verdientermaßen den Ehrenpreis der Theaterfreunde Paderborn. Auf der Bühne fühlte er sich wohl Die Bühne war einer der Plätze, wo sich Hagemeier wohl fühlte. Vor der Kamera war er ein anderer. In zahlreichen Filmen spielte er mit und drehte unter anderem mit dem Bad Lippspringer Peter Schanz („Der Schattenmönch") und immer wieder mit Erwin Grosche, für den er wiederholt skurrile Typen spielte. Hagemeier war eine Instanz, ja eine Persönlichkeit, die auch über die Bühne hinaus das kulturelle Profil der Stadt mit geprägt hat. „Ich kenne und fühle die Stadt", hat er einmal gesagt, als er für die NW porträtiert wurde. Und genau so war es. Zu dieser Kulturszene gehörte auch seine Frau Barbara Linnenbrügger, mit der er zwei Töchter hat. Doch nicht nur seine Gestalt und sein Spielstil waren einzigartig, mindestens genauso einprägsam und markant war seine sonore Stimme: sein Markenzeichen. Damit ließ er bei unzähligen Lesungen gebannte Hörer in ferne Sphären verreisen oder brachte im Supermarkt per Lautsprecherdurchsage Slogans an die Kunden. Und er sorgte in Filmen für den verbindenden akustischen Lokalkolorit. Unter anderem als Sprecher von „Paderborn – Der Dokufilm" und „Paderborn der Dokufilm II – Die wilden Jahre?!" von Julian Jakobsmeyer und Tim Bolte. Doch egal, was er machte, klang es immer würdevoll. Aus seiner inneren Ruhe heraus strömten auch seine schillernsten Figuren. Das Publikum wird sich nur zu gerne erinnern an „Klamms Krieg", „Der Geizige", „Furtwängler", „Don Quichotte" oder „Warten auf Godot": Den Paderbornern boten diese Charaktere intensive Begegnungen mit einem vielseitigen Schauspieler und seiner Fähigkeit, zahlreiche menschliche Facetten gleichzeitig zu zeigen. Einen emotionalen Bühnenabgang hatte Hagemeier schon vor einiger Zeit in den „Blues Brothers". Als alternder Smokey, der statt des geschlagenen John Belushi auf die Bühne geschickt wird, stimmt er quasi seinen eigenen Abgesang an, wohl wissend, dass seine Zeit um ist: „Hi de ho." Wie gerne würden wir, die Paderborner, dies noch einmal sehen und hören.

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