Zu dicht dran: Sonst könnte der sich spiegelnde LWL-Direktor Matthias Löb ein Selfie mit seinem Kopf im Astronautenanzug machen. Auch die Mondlandung zweifeln Verschwörungstheoretiker an. - © Holger Kosbab
Zu dicht dran: Sonst könnte der sich spiegelnde LWL-Direktor Matthias Löb ein Selfie mit seinem Kopf im Astronautenanzug machen. Auch die Mondlandung zweifeln Verschwörungstheoretiker an. | © Holger Kosbab

Lichtenau Warum Verschwörungstheorien so populär sind

Das Kloster Dalheim zeigt „Verschwörungstheorien – früher und heute“.

Holger Kosbab
15.05.2019 | Stand 14.05.2019, 20:45 Uhr

Lichtenau-Dalheim. Was ist Fakt? Was Fiktion? Und wie bilden Menschen heute ihre Meinung? Diese Fragen stehen im Zentrum der Sonderausstellung „Verschwörungstheorien – früher und heute" im Kloster Dalheim. Denn ein Hauptziel in Zeiten alternativer Fakten, Fake News und neuer Medien ist Aufklärung. Den Besucher erwartet in sechs Abteilungen die 900 Jahre umfassende Bandbreite an Verschwörungstheorien: vom Teufelsglauben und der Verfolgung von Hexen und religiösen Minderheiten über politische Theorien – zur Französischen Revolution oder zum Kalten Krieg –, zur satirischen Bielefeld-Verschwörung und aktuellen Phänomen (Reichsbürger, Klimawandel-Leugnung). Zur Illustration sind 250 Exponate aus internationalen Museen, Bibliotheken, Archiven und von Privatleihgebern zu sehen. Darunter ein Exemplar des Herausgebers der angeblichen „Protokolle der Weisen von Zion" – Kern einer antisemitischen Verschwörungstheorie – und ein Aufzugsmotor aus dem zerstörten World Trade Center. Dahinter stehen Fragen: Steckten hinter dem 9/11-Terror die US-Regierung und die CIA? Gab es die Mondlandung echt oder wurde sie im Studio gedreht? Und sollen die Kondensstreifen von Flugzeugen am Himmel Menschen vergiften? „Wir geben unseren Besuchern Hilfsmittel an die Hand, einen Gegenentwurf, der die Verschwörungstheorien entkräftet", sagt Museumsdirektor Ingo Grabowsky. So werde gezeigt, dass die Protokolle der Weisen von Zion einen fiktiven Ursprung hätten. Dies sei übrigens seit den 1920er Jahren bekannt. »Es ist wichtig, ein Gegengift anzubieten« Für Verschwörungstheorien gebe es heute einen regelrechten Markt, sagt Kuratorin Carolin Mischer. LWL-Direktor Matthias Löb betont, weshalb diese eine neue Blütezeit erlebten: „Sie bieten einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge." Viel sei bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Laut einer aktuellen Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung glauben 46 Prozent der Befragten, dass es geheime Organisationen gebe, die Einfluss auf die Politik hätten. Löbs Lieblingstheorie: Während des Kalten Kriegs wurde in der DDR vor Ami-Käfern gewarnt, die abgeworfen würden und die Ernte auffräßen. Während dies heute für Kopfschütteln sorge, bereite der aktuelle Trend Kopfzerbrechen. Die Theorien seien „ein süßes, aber gefährliches Gift". Deshalb sei es wichtig, mit der Ausstellung ein „Gegengift" anzubieten". Mehrfacher Fakten-Check für die Ausstellung In Zeiten, wo es ganz einfach sei, Menschen zu manipulieren, werde Klärung benötigt, sagt LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger. Zugleich begünstigten unsichere Zeiten die Popularität von Verschwörungstheorien. Dabei seien Museen immer mehr Orte für Diskussionen und Orte des Entdeckens – wie bei der Suche nach dem Schatz der Tempelritter: In einem Escape Room können kleine Gruppen dem Heiligen Gral auf die Spur kommen. Spannend werden dürfte auch die Wissenschaftsshow „Geheimakte Verschwörung". Ein reiner Spaß ist das Selfie in der Mondlandschaft. Das ändert nichts am Ziel: Aufklärung. Nachdruck verliehen wird dem mit der Eröffnung am Freitag, 17. Mai, durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der persönlich ein Zeichen setzen möchte. Schon im Vorfeld wurde den Ausstellungsmachern von Kritikern unterstellt, dass nicht die Wahrheit geschrieben werde. Um sich möglichst nicht angreifbar zu machen, wurden alle Präsentationen einem mehrfachen Fakten-Check unterzogen. Ein wissenschaftlicher Beirat wurde eigens für die Schau zusammengestellt.

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