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Der Hövelhofer Afrikamissionar Hajo Lohre zeigt auf Malis Hauptstadt Bamako. Lohre lebt seit mehr als 30 Jahren in dem westafrikanischen Land, das jetzt die Folgen des Putsches erlebt. - © Raphael Athens (Archiv)
Der Hövelhofer Afrikamissionar Hajo Lohre zeigt auf Malis Hauptstadt Bamako. Lohre lebt seit mehr als 30 Jahren in dem westafrikanischen Land, das jetzt die Folgen des Putsches erlebt. | © Raphael Athens (Archiv)

Hövelhof So erlebt ein Hövelhofer den Putsch in Mali

Der Afrikamissionar Hajo Lohre berichtet über die Ereignisse in Bamako und wie sie die Menschen betreffen.

Raphael Athens
21.08.2020 | Stand 21.08.2020, 14:09 Uhr

Hövelhof/Bamako. „Ich fühle mich sicher!" Das sagt Hans-Joachim "Hajo" Lohre, der in einem Land lebt, das Beobachter für ein Pulverfass halten und in dem sich vor wenigen Tagen das Militär an die Macht geputscht hat. Lohre lebt seit mehr als 30 Jahren in Mali in Westafrika. Dort haben Mitte der Woche Militärs den offenbar korrupten Präsidenten und seine Gehilfen aus ihren Ämtern gejagt. Lohre ist ganz nah dran.

Er wohnt in Malis Hauptstadt Bamako. Der Hövelhofer ist Afrikamissionar und Priester bei den „Weißen Vätern". Als Priester bereist er Kirchengemeinden im ganzen Land, gibt zudem Unterricht an der katholischen Universität in Bamako, zuletzt studierte er noch Islamwissenschaften und macht sich für den interreligiösen Dialog stark. Er kennt nicht nur das Land und die Menschen, sondern auch die Art und Weise des Zusammenlebens.

Lohre sagt, dass es schon seit dem 5. Juni wöchentliche Demonstrationen im Land gegen den vom Westen gestützten Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta gab, die sich immer mehr ausbreiteten. Am Dienstag, 18. August, wurde es dann kritisch. „Gut, dass es keine Toten gegeben hat, das hätte die Lage noch mehr angeheizt", berichtet der Pater am Telefon gegenüber der NW.

Militär benutze die Waffen nicht gegen Demonstranten

„Ich habe zwar Schüsse gehört, aber das müssen Freudensalven gewesen sein", schätzt der Hövelhofer ein. Denn das Militär, wenn auch stark bewaffnet, benutzte die Waffen nicht gegen die Demonstranten. Immer mehr Soldaten seien Teil des Protests geworden und wendeten sich im Lauf des Tages gegen den Präsidenten und die Regierung.

„Inzwischen gibt es ein 'Komitee zur nationalen Einheit Malis'. Hier wird versucht, die Zustände im Interesse des Volkes zu ändern. Mit den bisher politisch Verantwortlichen, die jahrelang Korruption betrieben haben, ist das nicht möglich", sagt der Theologe in aller Deutlichkeit. Der nun entmachtete Keïta war seit 2013 im Amt.

In Mali werde erzählt, dass zuletzt rund 40 Prozent der Staatseinnahmen in privaten Taschen gelandet sind. Die Rechtmäßigkeit der Wiederwahl des Präsidenten vor zwei Jahren zweifelt Lohre ebenfalls an. Auch Medien vermuten, dass es Wahlfälschungen gegeben hat.

Plötzlich kam der Gaspreis-Schock

Erst im März hatte sich der Gaspreis in Mali mehr als verdoppelt, die Regierung hätte die Subventionen an den Gaslieferanten mehrere Monate lang schlichtweg nicht mehr bezahlt. "So wurde es unmöglich, dass die Menschen ihr Essen auf sparsamen Gaskochern zubereiten konnten", beschreibt Lohre die Nöte der Malier.

Innerhalb weniger Wochen wurde überall im Land, aber vor allem auch in der Hauptstadt Bamako, nur noch mit kleinen Holzkohleöfen gekocht. Viele Lkw-Ladungen Holzkohle wurden täglich benötigt. Eine Konsequenz: Die spärliche Bewaldung im Land wurde zusehends abgeholzt.

Befreiung von "der korrupten Regierung"

Den Putsch hält Lohre für eine Befreiung von der korrupten Regierung. Er glaubt, es sei "das Beste, was man sich unter den Gegebenheiten wünschen konnte". Die Militärs wollen für neun Monate eine Übergangsregierung bilden, Neuwahlen sind für den 25. Mai geplant. Die geschlossenen Schulen und Verwaltungen sollen am 1. September wieder öffnen.

"Wenn das Militär nicht eingegriffen hätte, wären die Demonstrationen immer weiter gegangen. Jedesmal mit mehr Sach- und dann vermutlich auch Personenschaden. So ist niemand zu Schaden gekommen", ist Lohre froh, der selbst immer wieder mal zum Heimaturlaub in die Sennegemeinde kommt.

Sorgen macht sich der Priester nicht um sich, sondern um die arme Bevölkerung Malis. Schließlich verurteilen internationale Gremien wie die EU das Vorgehen der Putschisten und stoppen Finanzhilfen. "Ich weiß nicht, wie man es hinkriegen kann, dass das Volk nicht zu sehr unter den Sanktionen leidet", sagt Lohre. "Alle hoffen, dass es besser wird. Darum beten wir auch."

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