Einzigartig: Seit Mai sitzt die Gemeindeverwaltung von Bönen bei Hamm über einem Discounter. Während die Menschen hier den Supermarkt betreten, ist das Rathaus über einen Eingang im dunklen, optisch getrennten Gebäudeteil (l.) zu betreten. - © Robert Szkudlarek
Einzigartig: Seit Mai sitzt die Gemeindeverwaltung von Bönen bei Hamm über einem Discounter. Während die Menschen hier den Supermarkt betreten, ist das Rathaus über einen Eingang im dunklen, optisch getrennten Gebäudeteil (l.) zu betreten. | © Robert Szkudlarek

Bad Lippspringe Supermarkt statt Verwaltung: Lidl-Rathaus könnte Vorbild für Bad Lippspringe sein

Bönen bei Hamm macht es vor: Auch das Lippspringer Rathaus könnte einem Supermarkt weichen. Bürgermeister Andreas Bee schließt Bürgerentscheid nicht aus

Svenja Ludwig

Bad Lippspringe. Seine Aktentasche trägt Stephan Rotering seit Mai in den Lidl. Sein Refugium liegt über der Verkaufsfläche, vom Schreibtisch aus hat er das Parkplatzpanorama bestens im Blick. „Super", lautet sein Urteil. Stephan Rotering ist Bürgermeister der Gemeinde Bönen bei Hamm und diese Gemeinde traf vor rund drei Jahren die Entscheidung, einen Discounter zum Gesicht der Stadt zu machen. Bönen hat sich getraut, was Bad Lippspringe gerade heiß diskutiert. Seit Anfang Juni kursieren Gerüchte, es wird spekuliert und manche Bad Lippspringer machen sich Sorgen. Der Grund ist das Interesse der Lüning-Gruppe am Standort des Rathauses der Badestadt. Die Rietberger finden, dass dem Friedrich-Wilhelm-Weber-Platz ein Elli-Markt ganz hervorragend zu Gesicht stehen würde. Er sei sehr zufrieden mit dem Ergebnis, schwärmt der parteilose Stephan Rotering: „Eine sichere, komfortable Sache, wunderschöne Büros, ein Atrium." Das alte Rathaus sei marode gewesen und „war schon sehr trist", berichtet er im Gespräch mit der NW. Auch von der Bevölkerung habe er „durchweg positive Rückmeldung" erhalten. „Natürlich – am Anfang stellt man sich die Frage: Muss das sein?", gibt er zu, „Aber auch die Kritiker kommen zu dem Schluss: Das war keine schlechte Idee". Zumal der Chef des Discounter-Rathauses versichert, dass der Weg in den Sitzungssaal nicht an der Fleischtheke vorbeiführe. „Die Verwaltung wird auch weiterhin alleine denken und handeln" Roterings Bad Lippspringer Amtskollege Andreas Bee (parteilos) hatte in der Ratssitzung am Mittwochabend mit mehr Gegenwind zu kämpfen. Rund 35 Zuschauer fanden den Weg in den Sitzungssaal und reizten so die Kapazitäten aus. „Dies ist kein Tribunal, in dem wir uns befinden", machte Bee gleich nach der Begrüßung klar, wer im Rathaus die Hosen anhat. Und in Richtung CDU: „Die Verwaltung wird auch weiterhin alleine denken und handeln." Supermarkt statt Stadtverwaltung: „Das ist ein Sachverhalt, über den wir uns in den nächsten Jahren öffentlich unterhalten möchten", unterstrich Bee. Konkrete Planungen gebe es nicht. Rat und Verwaltung seien sich jedoch einig, „dass wir einen Frequenzbringer in der Innenstadt brauchen". Hinzu komme der Wunsch aus der Bevölkerung nach einem Drogeriemarkt. „So ein Vollsortimenter hat auch Drogerieprodukte und entsprechende Markenartikel", sagt Bee. Das erste Treffen mit der Lüning-Gruppe habe es im Dezember 2017 gegeben. „Gemeldet hat sich die Firma Lüning bei uns – wir haben nicht gesucht", betonte der Rathauschef. Im März sei das Thema in der Runde der Fraktionsvorsitzenden besprochen worden. Außerdem kam es zu ersten Gesprächen mit den neben der Stadt betroffenen Grundstückseigentümern. Grundsätzlich sei Verhandlungsbereitschaft signalisiert worden, berichtete Bee. Firma Lüning sei am Zug Patrick Ehlich, Initiator der auf Facebook gegründeten Bürgerinitiative und selbst Nachbar, hatte andere Informationen: „In den angrenzenden Wohnhäusern wurde den Mietern mitgeteilt, dass nicht verkauft wird." Nach einem weiteren Fraktionstreffen im April wurde Anfang Juni die Öffentlichkeit informiert. „Das ist der Status Quo – jetzt ist die Firma Lüning am Zug", schloss Bee seine Schilderungen. „Man braucht ein Verkehrskonzept, ganz klar, man braucht auch ein Baukonzept", gestand Bee ein. Dieses in Auftrag zu geben, läge jedoch nicht in der Verantwortung der Verwaltung. „Man sollte nicht den dritten und vierten Schritt vor dem ersten tun und wir sind noch weit vor Schritt eins", erklärte Bee. Auf Bürgersorgen zu Stickoxidbelastung, Ruhestörungen oder bedrohten Arbeitsplätzen ging er ein, verwies aber darauf, dass die Lüning-Gruppe tätig werden müsse. Dafür sei bislang keine Zeitschiene besprochen worden. Bee zeigte sich jedoch bereit, eine Frist zu setzen, bis zu der Verhandlungsergebnisse vorliegen müssten oder das Projekt „beerdigt" werde. Außerdem kam er den Kritikern entgegen, die sich übergangen fühlen: „Ich habe nichts gegen einen Bürgerentscheid." Wichtig sei jedoch „nicht da aufzuhören zu denken, wo wir Widerstände befürchten."

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