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Forst macht Frust

Nordumgehung: Landesbetrieb möchte kurzfristig 3.600 Quadratmeter großes Areal erwerben

VON PETER STEINERT
12.12.2008 | Stand 04.02.2015, 12:30 Uhr

Bad Oeynhausen. Die leuchtend roten Holzpflöcke sind für einen Lärmschutzwall der Nordumgehung bereits in den morastigen Boden an der Straße "Im Meerbruch" gerammt worden. Dabei gehört das Areal immer noch Erwin Stuke. Dem Landwirt war zwar ein Brief mit einem Bau-Erlaubnis-Vertrag zur Unterschrift zugestellt worden, den ignorierte der 73-Jährige jedoch. Denn für seinen 3.600 Meter großen Forst möchte er statt Geld Ersatzflächen. "Sonst unterschreibe ich nichts."

Mit dieser Haltung könnte der Eidinghausener Rentner die Pläne zur Nordumgehung durcheinanderbringen. Denn sowohl ihm als auch den Straßenbauern ist bekannt, dass die auf dem Areal stehenden Pappeln, Walnussbäume oder Brombeersträucher nur bis Ende Februar gerodet werden dürfen. Danach genießt die Natur wieder Vorrang. Stuke weiß sehr wohl: "Am Ende steht die Enteignung." Allerdings bezweifelt er, dass das die staatlichen Stellen bis Ende Februar hinbekommen.

Tobias Fischer, Projektleiter der Nordumgehung, teilt diese Ansicht nicht. Er geht unvermindert von einem fristgemäßen Bau der Trasse aus. "Ich kann mir ein Szenarium vorstellen, wonach das doch möglich ist", formuliert Fischer vorsichtig.

Dabei möchte Landwirt Erwin Stuke die Planung zur Nordumgehung nicht grundsätzlich verzögern. Er weiß, dass der Landesbetrieb weite Teile seiner 40.000 Quadratmeter großen, für den Getreideanbau genutzten Ackerflächen zum Autobahnbau braucht.

Nur, "verkaufen möchte ich nicht", sagt Stuke und macht zwei Rechnungen auf. "Vor 25 Jahren habe ich Ackerfläche für neun Mark den Quadratmeter gekauft. Weil ein Teil in das Eidinghausener Industriegebiet hineinragte, musste ich meine gesamten Flächen komplett nach dem Industrie-Status versteuern. Heute würde ich dagegen für den Quadratmeter Ackerland nur 3,25 Euro von Straßen NRW bekommen." Stukes Fazit: "Dann habe ich in zehn Jahren mehr an Steuern bezahlt, als ich für das Ackerland bekommen würde."

Weil er das nicht will, fordert der frühere Landwirt Ersatzflächen. Das aus gutem Grund, so die zweite Rechnung, da diese für ihn eine Art Alters-Versorgung und -Sicherheit sind: "Ich habe die Flächen meinem Sohn Jürgen verpachtet. Kann der nicht mehr wirtschaften, bekomme ich kein Geld."

Die Nordumgehungsgegner griffen das aktuelle Geschehen gestern umgehend auf. "Wie dieser Fall demonstriert, dürften viele Eigentümer noch gar nicht genau wissen, dass ihr Grundstück im Planfeststellungsbeschluss A 30 Nordumgehung erfasst ist", vermutet Friedrich Backs und kommentiert auf seine Weise den schnellen Vorstoß auf den letzten Rodungs-Drücker. Womit Backs zugleich unterstellt, dass das jetzt für einen Lärmschutzwall benötigte Gebiet am "Meerbruch" auf den Bauplänen bislang gar nicht verzeichnet war. Dem widerspricht Objektplaner Tobias Fischer, der ein genaueres Studium der Unterlagen empfiehlt.

Genau hingeschaut hat derweil Landwirt Erwin Stuke. Er weiß, dass er trotz möglichem Tausch der landwirtschaftlichen Flächen auf seinem Hof in Schnedingsen wohnen bleiben wird. Er weiß auch, was ihm mit Vollendung der Nordumgehung bevorsteht: "Wir kriegen das ganze Malheur vor die eigene Tür."

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