Überzeugte Europäer: Achim Post (v. l.), Martin Schulz und Paul Gauselmann nahmen am Freitagabend in Espelkamp auf dem roten Sofa Platz. - © Foto: Joern Spreen-Ledebur
Überzeugte Europäer: Achim Post (v. l.), Martin Schulz und Paul Gauselmann nahmen am Freitagabend in Espelkamp auf dem roten Sofa Platz. | © Foto: Joern Spreen-Ledebur

Lübbecke/Espelkamp Martin Schulz: "Diese Initiative finde ich faszinierend"

Vor der Europawahl: Bei Besuchen in Lübbecke und Espelkamp lobte der SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Schulz den Verein "Stockhausen für Europa" und warnte vor antidemokratischen Entwicklungen


Lübbecke/Espelkamp. Die Anspannung am frühen Abend in der Begegnungsstätte Stockhausen beim Vereinsvorsitzenden Gerd H. Niemeyer, seinem Sohn Alexander und Ortsvorsteher Torsten Stank war spürbar. Doch der prominente Gast, der ehemalige Präsident des Europaparlaments und SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Schulz, erschien pünktlich. Begleitet vom heimischen Bundestagsabgeordneten Achim Post (SPD), der zu den knapp 70 Mitgliedern des Vereins gehört. Post erzählte, wie der Besuch zustande gekommen war. Er habe Schulz von der Gründung des Vereins "Stockhausen für Europa" berichtet (¦ Info): "Martin hat zugehört und mit einem einzigen Satz geantwortet - da muss ich hin." Gestern setzte Schulz sein Versprechen um und hielt vor etwa 120 Zuhörern ein flammendes Plädoyer für die Demokratie - und für Europa. Europa war noch nie so gefährdet wie heute Nachdem zwölf Bläser aus Stockhausen und Blasheim den Abend in der mit den Flaggen aller 28 EU-Mitgliedsländer festlich geschmückten Turnhalle eröffnet hatten, betonte Post Europa sei durch Nationalismus und Hass "noch nie so gefährdet gewesen wie heute". Martin Schulz und der Stockhauser Verein zeigten aber, dass jeder etwas dagegen tun könne. Post: "Es kommt auf jeden an." Schulz griff diesen Appell auf und sagte an Niemeyer und seine Mitstreiter gerichtet: "Diese Initiative finde ich faszinierend." Am 26. Mai dieses Jahres "hat man die Wahl". Diesem Hinweis vorangestellt hatte Schulz eine Rede, die so manchem Zuhörer Sorgenfalten auf die Stirn trieb - auch Gerd H. Niemeyer, der betonte: "Europa beginnt hier im Ort, in der Familie." Demokratie in der Defensive Schulz ergänzte diesen Gedanken und forderte dazu auf, "an die nächste Generation zu denken". Die müsse die Zeche zahlen, beispielsweise für den von Menschen beeinflussten Klimawandel. Aber auch falls es Nationalisten gelinge, die Demokratie und Europa zu zerstören. Leider hätten diejenigen, die die Abkehr von Europa propagierten, politisch Erfolg, so dass die "Demokratie in die Defensive" gedrängt werde. Als Beispiele dafür nannte Schulz Ungarn und Italien, aber auch die USA und China. US-Präsident Trump etwa versuche "die EU und ihre Strukturen zu zerstören", den "größten und reichsten Binnenmarkt der Welt". Trumps Ziel sei es, die Mitgliedsstaaten gegeneinander auszuspielen. Denn wie der chinesische Staats-Chef Xi Jinping wolle Trump mit den eigenen Produkten auf den europäischen Markt. "Wir müssen deshalb mehr denn je für Europa kämpfen", forderte Schulz. Doch auch eine andere Sorge treibt Schulz um: "Nationalismus vergiftet diesen Kontinent." Er sehe die Tendenz, dass der Stärkere sich durchsetze und die "wertegeleitete Demokratie" dadurch in Gefahr gerate. 70 Jahre Frieden, betonte Schulz, seien nur erreicht worden, "weil wir Demokratie haben". Frieden, Freiheit und Wohlstand seien eben nicht selbstverständlich, "sondern mussten erkämpft werden". Die AfD ist verfassungsfeindlich Auch zur AfD äußerte Schulz sich: "Die AfD ist eine verfassungsfeindliche Partei." Es sei deshalb "richtig", dass der Verfassungsschutz sie unter die Lupe nehme. Zwischenapplaus erhielt der Politiker für die Aussage: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Auch auf europäischer Ebene solle die Menschenwürde Grundlage des Handelns sein. In Espelkamp saß Martin Schulz wenig später mit seinem Freund Achim Post und Unternehmer Paul Gauselmann auf dem roten Sofa beim Neujahrsempfang der SPD Espelkamp. Viele Bürger wollten hören, was der prominente Gast zu sagen hat. Martin Schulz sei ein Stehaufmännchen, sagte Paul Gauselmann im Gespräch mit der NW. Nach so einer Niederlage als Kanzlerkandidat wieder aufzustehen sei eine Leistung. Er selbst habe auch Höhen und Tiefen erlebt und könne nachvollziehen, was Schulz durchgemacht habe, so Gauselmann: "Ich bin absoluter Europa-Fan." Schulz? Erfahrungen in Europa könnten in Deutschland nur nützlich sein. Man könne Europa nicht dankbar genug sein, dass es schon so lange Frieden gebe. Auch zum Brexit äußerte sich der Unternehmer: "Der wird für alle gut ausgehen. Nur nicht für die, die ihn beschlossen haben. Mit Sicherheit wird aber die Vernunft die Mehrheit haben."

realisiert durch evolver group