Sprung ins telekommunikative Nirvana: Westlich des Kahle-Wart-Wegs (Kreisstraße K 60) ist in dieser Schlucht Feierabend in Sachen Handyempfang – wenn auch nur auf wenigen Metern. Vor der Polizei ist man hier aber auch nicht mehr sicher. Deren neuer Digitalfunk funktioniert selbst hier einwandfrei. - © FOTO: TYLER LARKIN
Sprung ins telekommunikative Nirvana: Westlich des Kahle-Wart-Wegs (Kreisstraße K 60) ist in dieser Schlucht Feierabend in Sachen Handyempfang – wenn auch nur auf wenigen Metern. Vor der Polizei ist man hier aber auch nicht mehr sicher. Deren neuer Digitalfunk funktioniert selbst hier einwandfrei. | © FOTO: TYLER LARKIN

Lübbecke Orte der Stille

In einer Zeit ständiger Erreichbarkeit kann das Funkloch unerwartete Ruhe bringen – ein Plädoyer

Tyler Larkin

Lübbecker Land. Wenn über Funklöcher geschrieben wird, dann meist auf klagende Weise. Gegenden ohne Empfang werden ins Tal der Ahnungslosen verortet. Es grenzt an einen Skandal, wenn das Smartphone kurzzeitig „Kein Netz“ anzeigt. Dabei ist es erst 20 Jahre her, dass sich Handys als Grundausstattung aller Bürger etablierten. Funklöcher waren damals ein tägliches Ärgernis, das manche Zeitgenossen mit jeweils einem Handy der gängigen Mobilfunkanbieter D1 und D2 zu umgehen versuchten. Aus heutiger Sicht eine absurde Logistik. Für die junge Generation ist es heute kaum vorstellbar, wie man ohne Kurznachrichten oder Facebook überhaupt zusammen findet. Doch auch damals trafen sich Menschen zu Verabredungen. Und war es nicht auch schön, mal nicht erreichbar zu sein? Telekommunikativ vollkommen abgeschnitten in der Natur zu stehen? Im Altkreis gibt es noch Plätze, an denen das tatsächlich möglich ist. Ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit, stellen wir nachfolgend vier Orte vor. Genießen Sie die Stille. KAHLE WART Unter anderem wegen der Kreisstraße K 60, dem Kahle-Wart-Weg durch das Wiehengebirge, besitzt die Lübbecker Feuerwehr eine beeindruckend hohe Antenne an ihrem Einsatzleitfahrzeug, die bei Bedarf ausgefahren werden kann. Denn entlang der idyllischen Strecke, die jüngst saniert wurde, herrscht oberhalb der Ortschaft Obermehnen zuverlässige Stille. Der neue Behörden-Digitalfunk bewältigt allerdings auch diese Örtlichkeit. Wer mit seinem Handy aber ganz sicher gehen will, betritt eine westlich der Straße befindliche Schlucht, die an drei Seiten meterhohen Schutz vor nervigen Anrufern bietet. Zumindest zu dieser Jahreszeit sollte aber festes Schuhwerk, an manchen Tagen auch Gummistiefel, zur Ausstattung gehören. STAATSFORST TWIEHAUSEN Für nicht bergaffine Mitbürger empfiehlt sich der tellerartige Staatsforst nördlich Twiehausen auf Stemweder Gemeindegebiet. Beidseitig der L 557 kommt es zuverlässig zu Empfangsproblemen, sogar auf der Durchfahrt des Waldgebietes kann das Gespräch abreißen. Wer nahe des Fischteichs westlich der Twiehausener Straße parkt und von dort in den Wald vordringt, wird kaum ein verwertbares Signal empfangen. Auf den schnurgeraden Waldwegen macht sich nicht nur das Handynetz rar, auch Menschen trifft man dort kaum noch an. Ein Gang durchs Unterholz trägt weiter zur Ruhe im Trommelfell bei. Und verbotenerweise lässt sich auf dem Rückweg noch eine Rast am Vereinsgewässer der Lübbecker Angler einlegen. STEMWEDER BERG Wer Grenzgebiete mag, ist im kleinsten Mittelgebirge Deutschlands gut aufgehoben. Die Trennlinie zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen verläuft grob in Ost-West-Richtung auf dem fast sieben Kilometer langen Höhenzug, der zahlreiche Taleinschnitte aufweist. Und genau in einem solchen Tal sollte man verschwinden, um seine Ruhe zu haben. Dazu braucht es ein wenig Durchhaltevermögen. Denn trotz der geschlossenen Waldfläche, die schnell glauben lässt, man sei weit ab vom Schuss, hält die Verbindung erstaunlich lange im Gehölz. Erst wenige Meter vor dem Grenzverlauf kapituliert das Handy endgültig. Verlaufen kann man sich dabei kaum. Zahlreiche Schilder führen zum Berggasthof Wilhelmshöhe. OSTERWALD Mitten im Osterwald östlich von Espelkamp liegt ein ehemaliges Munitionsdepot der Bundeswehr, das bis in die 1990-er Jahre aktiv war. Im Gegensatz zu anderen Liegenschaften aus dem Kalten Krieg hat man hier die militärische Architektur massiv zurückgebaut. Zwei Bauwerke schlummern allerdings immer noch zwischen den Kiefern. Auf fast einem Kilometer Länge lagerte in gut einem Dutzend Bunkern Munition, meist für die Mindener Pioniere. Zumindest Vodafone-Kunden finden auf den weiterhin asphaltierten Wegen durch das Depot ihre telekommunikative Ruhe, bei der Telekom hält sich zumindest einer von fünf möglichen Balken auf dem Display. Am nördlichen Ende findet sich sogar ein früherer Löschteich.

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