Einsam gelegen: Der Oberlübber Bergsee im Wiehengebirge mit der steilen Felskante auf der nördlichen Seite.
Einsam gelegen: Der Oberlübber Bergsee im Wiehengebirge mit der steilen Felskante auf der nördlichen Seite.

Bielefeld / Hüllhorst Fall Meyer: Rätsel um den Blauen See

Ein Gewässer nahe Hüllhorst weist Merkmale auf, die der Angeklagte als Jeep-Versteck genannt hat

Tyler Larkin

Bielefeld / Hüllhorst. Der Prozess um das weiterhin ungeklärte Verschwinden von Karl Friedrich Meyer vor mehr als zwei Jahren geht dem Ende entgegen. Wenn am heutigen 18. Prozesstag keine neuen Erkenntnisse zu Tage treten, wird das Bielefelder Landgericht in zwei Wochen die Plädoyers hören, bevor am 16. Februar das Urteil gesprochen wird. Mangels eindeutiger Beweise bleibt weiterhin viel Raum für Spekulation - auch was den Verbleib von Meyer und sein auffälliges Fahrzeug angeht. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt Jörg Z. (46) des Totschlags. Der Geliebte von Meyers Lebensgefährtin, die ebenfalls angeklagt ist, soll den Hüllhorster Masseur Meyer am Abend des 21. Oktober 2012 bei einem Handgemenge getötet haben. Als die Polizei vor einem Jahr nachweisen konnte, dass Jörg Z. die Rolex-Armbanduhr des Verschwundenen nur Tage nach dem mutmaßlichen Verbrechen an einen Herforder Händler verkaufte, wurde Z. am 22. Januar 2014 in Untersuchungshaft genommen. Hinter den Gittern der JVA Bielefeld-Brackwede zeigte er sich gegenüber drei Mithäftlingen wochenlang redselig. Laut ihrer Zeugenaussagen gestand Jörg Z. die Tat und sprach von einem Faustschlag, an dem Meyer "unglücklich gestorben" sei. Der Angeklagte gab weiter an, Meyers Jeep Wrangler liege auf dem Grund des Blauen Sees bei Hannover, "wo er nicht gefunden werden kann", wie ein Mithäftling Jörg Z. zitiert. Das Gewässer sei sehr tief und es würden dort keine Angler verkehren. Auf Bitten der Staatsanwaltschaft Bielefeld überprüfte die niedersächsische Polizei das Gewässer, konnte aber nichts entdecken. Deutlich näher zum angenommenen Tatort in Hüllhorst liegt ein Gewässer, dass auf alle Beschreibungen passt, die Jörg Z. in der U-Haft nannte. Der Oberlübber Bergsee, auch Blauer See genannt, ist aus einem ehemaligen Steinbruch entstanden und liegt abseits des Kammwegs am Nordhang des Wiehengebirges. Eine steil abfallende Felswand lässt auf eine große Wassertiefe schließen; bei Angelvereinen ist der See kaum bekannt. Die 167 Meter lange und bis zu 50 Meter breite Wasserfläche befindet sich südlich der zu Hille gehörenden Ortschaft Oberlübbe. Wer die Gegend kennt, braucht von Hüllhorst keine 15 Minuten mit dem Auto dorthin. Zerbeulte, stark in die Jahre gekommene Schilder warnen am Rand des Steinbruchs vor Lebensgefahr, ein Stacheldrahtzaun soll Besucher vor dem Betreten des Geländes abhalten. Abdrücke festen Schuhwerks und leere Bierdosen zeugen von einer konsequenten Missachtung des Verbots. In der dunklen Jahreszeit trifft man dort am ehesten den Jäger, der einen nahen Hochsitz in Sichtweite des Sees frequentiert. Zwar gibt es keine offensichtliche Stelle, wo man einen Pkw über die Felskante ins Wasser stürzen könnte, doch unmöglich erscheint es nicht - zumal, wenn man Hilfe hat, wie die Ermittler es bei Jörg Z. vermuten. Dass der Jeep in einem See verschwand, legt die Aussage des Mithäftlings Manni H. nahe. Als er Z. in der U-Haft mit der falschen Behauptung konfrontierte, Meyers Wagen sei in einem See gefunden worden, "flippte der Jörg völlig aus". Einer der Verteidiger von Jörg Z., Rechtsanwalt Holger Rostek, brachte es am letzten Verhandlungstag des vergangenen Jahres auf den Punkt: "Wir haben keine Leiche und wir haben den Jeep nicht. Jeder Anhaltspunkt ist wichtig."

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