Die Qual der Wahl: Anton Overlack ist das erste Mal im Unverpackt-Laden und stellt sich eine Müsli-Mischung zusammen. - © Nicole Sielermann
Die Qual der Wahl: Anton Overlack ist das erste Mal im Unverpackt-Laden und stellt sich eine Müsli-Mischung zusammen. | © Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen So ist ein Einkauf im Unverpackt-Laden von Bad Oeynhausen

In der "Bio-Provinz" können Kunden die eigenen Behälter befüllen. Großes Sortiment lockt auch interessierte Müllvermeider aus den Nachbarstädten an

Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Es scheppert, als Aileen und Jonas Mittmann durch die Tür der "Bio-Provinz" treten. Die überdimensionierten Taschen über ihren Schultern sind gefüllt mit Vorratsgläsern. Leer. Noch. Denn das junge Ehepaar ist extra aus Herford nach Bad Oeynhausen gereist. Für den Monatseinkauf an Grundnahrungsmitteln. Nudeln, Reis, Haferflocken stehen unter anderem auf ihrem Einkaufszettel. Und die werden in den nächsten Minuten von ihnen selbst abgefüllt. Im Mai hat der Unverpackt-Laden an der oberen Herforder Straße eröffnet und seitdem sind Aileen und Jonas Mittmann Stammkunden. „Wir produzieren dadurch deutlich weniger Müll", sagen sie. Und genau das wollen die beiden Geschäftsinhaber Orhan Bro und Dimitrij Nikulicev erreichen. Shoppen mit Tupperdose oder Vorratsglas Der Blick in den regulären Supermarkt zeigt es: Jede Gurke einzeln in Folie verschweißt. Nudeln, Reis und Obst: alles in Plastik. Wer im Supermarkt einkauft, nimmt jede Menge künftigen Müll mit nach Hause. Insgesamt verursacht jeder Deutsche 456 Kilogramm Müll im Jahr. Laut Statistischem Bundesamt sind allein bei den getrennten Abfällen 32 Kilogramm Verpackungen dabei. Bei Bro und Nikulicev dagegen ist der Einkauf ein anderer. „Ein Erlebnis", wie Orhan Bro findet. Linsen, Reis, Nudeln, Kakaopulver, Gemüsebrühenpulver, Müsli, Tee, Kaffee, Gewürze, Getreidesorten. Salz, Öl, Essig oder auch Waschpulver, Klarspüler oder Seife – alles darf selbst abgefüllt werden. Entweder in selbstmitgebrachte Behälter oder in die Vorratsgläser, die die beiden Freunde in der Bio-Provinz verkaufen. Maria ist neu im Thema. Erstmals versucht sie, verpackungsfrei einzukaufen. „Ich komme extra aus Herford", sagt sie. Auf der Liste stehen Kaffee, Haferflocken und Mandeln. Ihre Tupperdosen hat sie dabei. Und bekommt erst einmal Zeit zum Umschauen. „Es ist ein bisschen wie früher im Tante-Emma-Laden", sagt sie. Auch dort wurde alles vor den Augen der Kunden in Papiertüten gefüllt und abgewogen. Nur, dass Maria dieses Mal selbst gefordert ist. Gefäß wiegen, Gewicht notieren und auf den Behälter kleben – dann kann es losgehen. Zum Puddingpulver gibt's einen kleinen Zettel Der Kaffee, den sie abwiegt, wird frisch gemahlen. Die Dinkelkörner vor Ort zu Mehl gemahlen. Zum Puddingpulver, für das sich Maria dann auch noch entscheidet, reicht ihr Dimitrij Nikulicev einen kleinen Zettel. Die Anleitung. 55 Gramm für einen halben Liter Milch. Service, der für die beiden Jungunternehmer selbstverständlich ist. Den Kaffee, den Bro und Nikulicev verkaufen, schenken sie auch aus. „Wir haben ein Café gebaut", sagen sie. Dort gibt es Kaffee und Tee, Kuchen von einem Bäcker der Region und ab sofort auch Frühstück. Auch für Veganer und Vegetarier. Das Trockensortiment hat andere Vorschriften als Frischware. Deshalb müssen die Kunden aus Hygienegründen auf frisches Fleisch und Fisch bisher verzichten. Lediglich Milchprodukte stehen im Kühlschrank – aus der Region und im Glas. Aber auch viele hygienisch weniger kritische Produkte müssen, unverpackt wie sie in der Bio-Provinz sind, vor direkter Berührung durch die Kunden oder sonstige Kontaminationen geschützt werden. Zielsicherheit kommt mit der Zeit Daher die Vorratsgefäße, die Spender, in denen man die Ware zwar sehen, aber vor dem Zapfen eben nicht direkt berühren kann. Was daraus einmal entnommen wurde, darf nicht zurück. „Es ist nicht schlimm, wenn manchmal was daneben fällt", winkt Orhan Bro ab. Der Kunde müsse schließlich erst üben. Die Zielsicherheit komme mit der Zeit. Nur was zu viel abgefüllt wurde darf nicht zurückgeschüttet werden. An diesem Nachmittag ist der Laden voll. Kunden aus Herford, Vlotho, aber auch aus Bad Oeynhausen drängen sich in dem nur 40 Quadratmeter großem Ladenlokal. „Es wird von Monat zu Monat mehr", haben die Inhaber beobachtet. „Wir haben noch viel Luft nach oben." Weiter wachsen ist möglich. Denn hinter dem kleinen Ladenlokal verbergen sich weitere 120 Quadratmeter. „Wir passen perfekt in diese Kurstadt", ist Bro überzeugt. Und sieht einen Werbeeffekt für die Stadt: „Wir haben ein großes Einzugsgebiet. Sicherlich werden einige Kunden den Einkauf mit einem Besuch der Innenstadt verbinden." Dafür haben Aileen und Jonas keine Zeit. Sie müssen mit ihren prall gefüllten Taschen zurück nach Herford. Vielleicht nächstes Mal.

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