Möbeltransport zum „Möbelfriedhof“ am Siel. Fotos um 1946 von Rudi Langer, Stadtarchiv Bad Oeynhausen. - © Stadtarchiv Bad Oeynhausen
Möbeltransport zum „Möbelfriedhof“ am Siel. Fotos um 1946 von Rudi Langer, Stadtarchiv Bad Oeynhausen. | © Stadtarchiv Bad Oeynhausen

Bad Oeynhausen „Möbelfriedhof“ im Siel sorgt für Ärger

Bad Oeynhausen vor 70 Jahren: Evakuierte Bürger sind in besonderer Notlage.Weserhütte und Firma Grassel werden demontiert

Stefanie Hillebrand

Bad Oeynhausen. Die Freie Presse berichtet in ihren Oktoberausgaben 1946 erstmalig über Zustände und Probleme im Zusammenhang mit militärischem Sperrgebiet und Evakuierung. Anlass ist die „freimütige Aussprache" in einer Kreistagssitzung über die Notlage der evakuierten Oeynhausener. Weitere Themen sind der Verfall und die mutwillige Demolierung leerstehender Häuser sowie die verunkrauteten Gärten im Sperrgebiet. In den vergangenen Wochen waren immer wieder Einrichtungsgegenstände aus der Sperrzone zur Rückgabe an die Eigentümer freigegeben worden. Ihr schlechter Zustand schmälert die Freude der Besitzer über diese Aktion. Unter den Kreistagsabgeordneten machen zahlreiche Fotos vom „Möbelfriedhof" die Runde. Unter dieser Bezeichnung ist die Möbelsammelstelle am Siel noch heute vielen Bad Oeynhausenern ein Begriff. Unklar ist vielfach das juristische Eigentumsverhältnis den Grundbesitz und somit auch das Inventar der beschlagnahmten Gebäude innerhalb der Sperrzone betreffend. Da es sich nicht um Enteignung durch die Besatzungsmacht bei Zahlung einer Entschädigungssumme, sondern um eine „Überlassung auf Zeit" handelt, ähnlich einem Mietverhältnis, behalten die Eigentümer ihr Bestimmungsrecht über das im Siel deponierte Mobiliar. Gängige Praxis ist, die Gegenstände als herrenloses Gut zu betrachten, an dem sich jeder Finder meint bedienen zu können. Um dem herrschenden Chaos Herr zu werden, tritt die Stadtverwaltung für die unbekannten Eigentümer ein. Sie trifft die Rechtsentscheidung, die Einzelteile des „Schutthaufens" generell als Fundsachen zu betrachten und diese gegen Finderlohn an den rechtmäßigen Besitzer zurückzuerstatten. Der Vorschlag aus der Bevölkerung, die lädierten Möbel durch die heimische Möbelindustrie reparieren und aufarbeiten zu lassen, lässt sich nicht verwirklichen. Die Möbelindustrie liegt zwar am Boden, klagt über leere Auftragsbücher, verfügt jedoch noch nicht wieder über ausreichend Arbeitskräfte, um diese Aufgabe zu bewältigen. Unter der Evakuierung leiden auch der Einzelhandel und in Folge dessen die Versorgung der Bevölkerung mit Bedarfsgütern. In Bad Oeynhausen ist die Lage im Vergleich zu den umliegenden Städten ungleich dramatischer durch die restlose Evakuierung der Geschäftswelt aus dem Innenstadtbereich. Auf einer Tagung im Salinenhof vereinbaren die Einzelhändler einen engeren Schulterschluss, um den Lebensunterhalt auch im Hinterland des Kreises besser koordinieren zu können. Als weitere Folge der Kriegsschuld trifft Bad Oeynhausen die im Oktober 1946 von der britischen und amerikanischen Militärregierung in Berlin aufgestellten Demontageliste. Im Kreis Minden ist die „Weserhütte" mit mehr als 800 Beschäftigten und darüber hinaus etlichen indirekt Betroffenen im gesamten Amt Rehme am schwerwiegendsten berührt. Die Demontagepläne gehen weit über die Befürchtungen der Belegschaft hinaus. Es werden nicht nur die Anlagen zur Montage von Kriegsgerät abgebaut, sondern auch die Anlagen zur Herstellung von Laufbändern, Kabelstraßen, Baggern, Ausgrabungs- und Steinbrucheinrichtungen. Dem Eisenwerk verbleiben lediglich die Produktion für Feldbahnbau und Ziegeleimaschinen. Die vielen Fachkräfte der Weserhütte stellen sich die bange Frage, wo sie im industriearmen Amt Rehme neue Beschäftigung finden sollen. Neben der Weserhütte betrifft die Demontage die Firma W. Grassel in Rehme, die Kessel, Tanks und Rohrleitungen herstellt. Eine unverzügliche Sprengung ist außerdem für alle Einmannbunker im Stadtgebiet angeordnet.

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