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Erinnern sich: Danuta Ahrends und Anna Radtke sowie die beiden Musiker Thomas Stein und Edgar Kraul (v. l.) stoßen mit ihrem Programm im Bürgerhaus auf großes Interesse. - © Karin Prignitz
Erinnern sich: Danuta Ahrends und Anna Radtke sowie die beiden Musiker Thomas Stein und Edgar Kraul (v. l.) stoßen mit ihrem Programm im Bürgerhaus auf großes Interesse. | © Karin Prignitz

Oerlinghausen Lesung mit Ansichten aus Ost und West im Bürgerhaus Oerlinghausen

Danuta Ahrends und Anna Radtke stellen ähnliche Lebenssituationen gegenüber. Mitgebracht haben sie zwei Musiker.

Karin Prignitz
06.10.2019 | Stand 06.10.2019, 15:21 Uhr

Oerlinghausen. „Wer hätte das vor 30 Jahren gedacht, dass einmal eine Vorleserin aus dem Osten und eine aus West-Berlin einträchtig und ganz selbstverständlich nebeneinandersitzen?“ Danuta Ahrends (aus dem Osten) und Anna Radtke (aus dem Westen) sicher nicht. „Bis nach Oerlinghausen hat die Fantasie damals nicht gereicht.“ Im Saal des Bürgerhauses ist dieses im Jahr 1989 noch kaum vorstellbare Szenario 30 Jahren nach dem Mauerfall ein längst vertrautes Bild. Schon oft ist Danuta Ahrends in den vergangenen Jahren in der Bergstadt zu Gast gewesen, ebenso wie die Musiker Thomas Stein und Edgar Kraul. „Wir haben hier sogar schon ein Stammlokal.“ Etliche Gegenbesuche hat es gegeben. Freundschaften sind entstanden. „Inzwischen ist es selbstverständlich, hierher zu fahren, und trotzdem immer etwas Besonderes.“ Stühle dazugestellt Schon im Vorverkauf hatte sich gezeigt, dass die Veranstaltung auf Interesse stoßen würde. Am Abend selbst mussten schnell noch etliche Stühle hinzugestellt werden. „Wir haben noch nie so viele Karten an der Abendkasse verkauft“, bestätigt Martina Lange von der Buchhandlung Blume. Sie veranstaltet den Abend in Kooperation mit dem Förderverein der Stadtbibliothek Oerlinghausen. Mit ihrem vor fünf Jahren entstandenen Programm „Hüben und drüben“ touren die Gäste durch die Altmark und darüber hinaus. „Jetzt führen wir es zum ersten Mal im Westen auf“, sagt Danuta Ahrends mit einem Augenzwinkern. Auf ebenso unterhaltsame wie poetische Weise erzählen die beiden Autorinnen im Wechsel von Kindheitserlebnissen, Jugenderfahrungen, vom Zusammenwachsen und Entfremden, von typischen Rezepten und neuen Erfahrungen. Enthusiasmus Ihr Publikum nehmen sie mit in die Zeit der Wende. Ähnliche Situationen werden gegenübergestellt, und an den Reaktionen in der Pause und nach der Lesung lässt sich ablesen, dass viele der Anwesenden ihre eigenen Erfahrungen beisteuern können. „Herbst 1989“, dies ist nicht nur der erste Text das kurzweiligen Abends, „mit ihm hat auch alles begonnen“, sagt Danuta Ahrends. An Montagsgebete und Demos erinnert sie, an den aufkeimenden Enthusiasmus, an Ideen, die entworfen und Plakate, die gestaltet wurden. „Wir hatten das Gefühl, in diesem Herbst könne uns alles gelingen.“ Den Mauerfall selbst allerdings „verpennt“ sie im Bett ihres kleinen Sohnes, dem sie vorgelesen hatte. Als sie realisiert, was passiert ist, werden Träume gesponnen. Lange davor war es in DDR-Zeiten das Größte für sie als Krimifan, sich die Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ anzuschauen. Uns konnte das nicht passieren „Da wäre ich nicht ans Telefon gegangen, selbst, wenn ich eins gehabt hätte.“ Für sie waren die Fälle, die dort gezeigt wurden, weit weg. „Uns konnte das ja nicht passieren.“ Nach der Wende begleitete sie die bange Frage „ob die Mörder jetzt auch in die Altmark kommen“. Anna Radtke aus West-Berlin, die zum ersten Mal dabei ist, schildert den genau entgegengesetzten Eindruck. Sie erzählte zudem von Diskussionen mit dem Cousin aus Dresden über Kapitalismus und Sozialismus. Einige im Auditorium haben, ebenso wie sie, die Grenzkontrollen am Bahnhof Friedrichstraße miterlebt. Das mulmige Gefühl hat sie nie vergessen. Danuta Ahrends erinnert sich an ebene, saubere und heile Gehwege im Westen, als sie zur Trauerfeier des Onkels rüber darf. „Wir wurden aufgeteilt, jeder bekam einen Ossi.“ In den Gläsern perlte Mum statt Rotkäppchensekt. Bunte Zeitschriften nahm sie unbemerkt mit in den Osten und traf dort sofort wieder auf diverse Schlaglöcher. Erholung mit Milchsuppe Literarisch haben Danuta Ahrends und Anna Radtke beispielsweise die Geburten des jeweils ersten Kindes verglichen. Anna Radtke entschied sich fürs Geburtshaus und ging mit der Tochter schon ein paar Stunden später nach Hause. Die Osterburgerin erlebte eine klassische Geburt im Kreißsaal und ohne Ehemann, „was ich nicht schlimm fand“. Acht Tage blieb sie im Krankenhaus, erholte sich bei Milchsuppe, „lecker“. Um die Erinnerungen vor und nach der Zeit des allmählichen Zusammenwachsens ging es auch in den Stücken von Liedermacher Thomas Stein und Gitarrist Edgar Kraul. Sie waren das musikalische Pendant im Hüben und Drüben.

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