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Halboffizielles Abendessen: Kerstin Bartsch sitzt zusammen mit Mitgliedern der „Vereinigung der nigrischen Frauen gegen den Krieg“, einem Dachverband, der Frauenverbände aus ganz Niger vereint. Neben Bartsch (v. l.): Zahra Mohamed Atayoub, Absou Mai Baboudji, Aldjouma Mamane Dilley und Madame Ibrahim. - © Kerstin Bartsch
Halboffizielles Abendessen: Kerstin Bartsch sitzt zusammen mit Mitgliedern der „Vereinigung der nigrischen Frauen gegen den Krieg“, einem Dachverband, der Frauenverbände aus ganz Niger vereint. Neben Bartsch (v. l.): Zahra Mohamed Atayoub, Absou Mai Baboudji, Aldjouma Mamane Dilley und Madame Ibrahim. | © Kerstin Bartsch

Oerlinghausen Hohe Ehre für Kerstin Bartsch

Im Einsatz für Menschenrechte: Die Juristin aus Lipperreihe arbeitet im Niger und wird am Donnerstag in Berlin am „Tag des Peacekeepers“ von drei Ministern geehrt

Gunter Held
06.06.2019 | Stand 06.06.2019, 18:10 Uhr

Oerlinghausen / Agadez. Afrika – diese dunkel lockende Welt. Man spricht auch vom Afrika-Virus und gemeint ist damit: Wer einmal diesen Kontinent besucht hat, kommt nicht mehr davon los. Die Oerlinghauserin Kerstin Bartsch lebt und arbeitet seit Oktober 2017 im Niger, einem Land in der Sahelzone. In der Stadt Agadez gibt sie Fortbildungskurse für Sicherheitskräfte der Regierung zu Themen wie Menschenhandel, Menschenschmuggel, Migration und organisierte Kriminalität. Zum Gespräch erreichen wir sie in Agadez. Das Telefonat wird sieben- oder achtmal unterbrochen. Normal. Es herrschen 45 Grad Celsius, aber Kerstin Bartschs Stimme klingt frisch und sympathisch. Für ihr Engagement wird die 48-Jährige am Donnerstag in Berlin ausgezeichnet. Am „Tag des Peacekeepers" werden deutsche zivile Fachkräfte, Polizisten und Soldaten, die in internationalen Friedenseinsätzen arbeiten, von Außenminister Heiko Maas, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Innenminister Horst Seehofer geehrt. »Menschenhandel ist moderne Sklaverei« Kerstin Bartsch wollte schon immer ins Ausland. Aus diesem Grund absolvierte sie nach dem Abitur am Niklas-Luhmann-Gymnasium zunächst eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin in Englisch und Französisch. Anschließend studierte sie Jura in Bielefeld, Genf und Lausanne, wo sie 1999 ihren Master of Laws erwarb, ein Postgraduierten-Abschluss, den fertige Juristen zusätzlich erwerben können. Ihr Schwerpunkt damals war Europarecht und internationales Recht. Sie blieb im Ausland, arbeitete zunächst in Genf und dann auf den Philippinen, weil sie dort gern hinwollte. „Ich habe noch nie in Deutschland gearbeitet", sagt sie im Gespräch mit der Neuen Westfälischen. Trotzdem kehrt sie immer wieder nach Oerlinghausen zurück, war sogar für einige Zeit als sachkundige Bürgerin der CDU kommunalpolitisch tätig. Doch das, was sie machen wollte, gab es in Deutschland nicht. Immer war er da – dieser Reiz, ins Ausland zu gehen. Kerstin Bartsch spezialisierte sich weiter. Zu internationalem Privatrecht setzte sie ihre Schwerpunkte in den Bereichen Migration, Grenzkontrollmanagement sowie die Bekämpfung von Menschenhandel und Menschenschmuggel. „Der Menschenschmuggel", erklärt sie, „ist ein krimineller Akt gegen die Souveränität eines Landes. Menschen ohne Legitimation werden von Schmugglern gegen Geld über Grenzen gebracht – und das passiert heute in großem Rahmen." „Menschenhandel ist die moderne Form der Sklaverei in der heutigen Zeit", sagt Bartsch deutlich. Dabei werden Menschen durch Betrug oder Entführung aus ihrem Umfeld herausgerissen, gefügig gemacht und ausgebeutet. „Es ist ein Verbrechen gegen die Menschenwürde", sagt Kerstin Bartsch. Viele der Opfer hätten keine Zukunft mehr auf ein selbstbestimmtes Leben. „Die Nigrer wollen mit der EU zusammenarbeiten" Die Stelle im Niger hat sie über das Zentrum für Internationale Friedenseinsätze bekommen. Das hat seinen Sitz in Berlin und ist seit 2002 im Auftrag der Bundesregierung verantwortlich für die Vermittlung von deutschen Fachkräften in internationalen Friedenseinsätzen der Vereinten Nationen, der Europäischen Union und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Die Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort beschreibt sie als sehr gut. „Die Nigrer wollen mit der EU zusammenarbeiten und haben die Notwendigkeit der Projekte erkannt." Durch den Preis, den sie heute in Empfang nimmt, fühlt sie sich „sehr geehrt". Sie sieht darin eine Würdigung ihres Kampfes gegen den Menschenhandel – „und es ist gut, dass die Öffentlichkeit in Zusammenhang mit Veröffentlichungen über den Preis von diesem Kampf erfährt". Nie ohne Bodyguard Aber wie ist es in einem Land, in einer Stadt zu leben, vor dem das Auswärtige Amt warnt, weil das Risiko von Terrorismus und Entführung hoch ist? Sie selbst sei noch nicht bedroht worden und sie fühlt sich sicher – wobei sie Sicherheitsvorkehrungen beachtet und nie ohne Bodyguard unterwegs ist. Auch Probleme, als Frau akzeptiert zu werden, hatte sie bisher nicht. „Ich habe ein Jahr lang als einzige Frau mit 30 Männern zusammengearbeitet. Viele Männer staunen zwar erst einmal, wenn vorn eine Frau steht, aber ich werde als Expertin angesehen, die nicht zu ihrem Kulturkreis gehört." Das sei grundsätzlich für Frauen ein gutes Zeichen. Kerstin Bartsch ist eine von sieben Deutschen, die im Niger arbeiten und die einzige deutsche Frau in Agadez. Aufpassen muss sie bei der Ernährung. Grundsätzlich muss alles gründlich gewaschen werden – mit Wasser aus Plastikflaschen, nicht aus der Wasserleitung. „Die Wege sind schlecht und jetzt, während der Regenzeit noch viel schlechter", sagt sie. „Deshalb ist der Transport von Nahrungsmitteln ein Problem. Und deshalb fülle ich meinen Koffer im Heimaturlaub mit Lebensmitteln, die ich dann mit meinen Kollegen verzehre – dabei darf eines nicht fehlen: westfälischer Pumpernickel."

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